Der achte März ist ein besonderer Tag im Leben vieler Shanghaier, genauer gesagt im Leben vieler Frauen. Dann ist es endlich so weit! Von ihren Chefs haben sie extra einen halben Tag frei bekommen – dem Arbeitsklima zuliebe. Schon früh morgens stellen sie sich den Wecker und warten vor geschlossenen Kaufhaustüren.
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Warum? Der Internationale Frauentag, in diesem Jahr zum 100. Mal gefeiert, steht in China hoch im Kurs. Nicht als Plädoyer für mehr Gleichberechtigung, sondern als Höhepunkt des großen Schlussverkaufs, des „Big Sale“, wie es in Shanghai auf den Ladenfenstern geschrieben steht.
Ist das Geld die Religion der Chinesen? Auf der Suche nach einer Antwort haben wir uns an einen Ort begeben, an dem Religion und Konsum unmittelbar aufeinandertreffen.
Zwischen Kommerz und Glauben
Modenschau der Firma Triumph.
Foto: Conrad Ziesch
Einer der Shanghaier Konsumtempel befindet sich im Bezirk Jing’An. Hier das Kaufhaus Jiu Guang, in dem von Gucci bis Zara alle großen Marken vertreten sind - dort der buddhistische Tempel Jing’An Si mit seiner neuen goldenen Silhouette, die jedoch untergeht in den Hochhausschluchten.
Vor ein paar Tagen noch stolzierten langbeinige Models in knapper Unterwäsche der deutschen Marke Triumph über den Laufsteg der ersten Kaufhausetage – mal mit feurig-roten, mal mit flauschig-wolkigen Kopfbedeckungen. Heute hat sich der taiwanesische Moderator, Buchautor und Schuhdesigner Cai Kang Yong angekündigt.
Cai vs. Buddha
Mit Handy und Räucherstäbchen am Tempel.
Foto: Conrad Ziesch
Vor dem Eingang des buddhistischen „Tempels der Ruhe“ steht ein pinkfarbener Verkaufskasten. In ihm finden die Stilettos der Linie „A Love Story Written in Shoes“ mit viel Blingbling und für stolze 1.700 bis 2.300 Yuan (190-250 Euro) reißenden Absatz.
In den neuen Schühchen tippelt es sich etwas unsicher auf dem unebenen Steinboden der Tempelanlage gleich nebenan. Rauchschwaden brennender Gebetsstäbchen ziehen über den Platz, in dessen Mitte ein metallener Glockenturm steht. Menschen versuchen, Münzen hinein zu werfen. Manch einer der Betenden wird zum unfreiwilligen Zielobjekt des Glücksrituals, wenn fehlgeleitete Yuan-Stücke nicht das Innere des Turms, sondern die Stirn der Pilger treffen.
Das Münzwerfen ist nicht die einzige Methode, mit der Chinesen hier um Wohlstand, Fruchtbarkeit oder auch nur den nächsten Geschäftsdeal bitten. Diverse Devotionalien warten am Eingang auf ihre Käufer. Glauben und Kommerz sind in China längst keine Gegensätze mehr – gerade das macht den Glauben für viele Chinesen zu einer wichtigen Feste in ihrem sich rasant entwickelnden Leben. Die Religion gibt ihnen das Gefühl, den äußeren Einflüssen nicht völlig ausgeliefert zu sein – sie ein bisschen mitbestimmen zu können.
Cai Kang Yong umringt von Verehrern.
Foto: Conrad Ziesch
Nach dem Shopping in den Tempel
So erfahren die Buddhas ebenso Huldigung wie Modeguru Cai Kang Yong. Der kleine etwas untersetzte Mann betritt die Bühne, vor der Hunderte meist weibliche Fans Stellung bezogen haben. Sie recken Handys in die Luft, für ein Foto des Meisters. Cai macht keinen Hehl aus seiner kaum zu übersehenen Homosexualität, die er ohne viel Tamtam in einer Talkshow offenbarte. Sein Lispeln ist zu seinem Markenzeichen geworden, ebenso wie seine etwas schiefen Zähne. Sechs Fernsehmikros muss der arme Cai an diesem Tag gleichzeitig halten. Als er sich auf den Weg von der Bühne in die Innenräume macht, dann auf der Rolltreppe Richtung Autogrammstunde entschwindet, bricht Chaos aus. Body Guards fuchteln und stöhnen. Cai nimmt es mit einem Lächeln. Er ist es gewöhnt – in der Stadt Xi’An waren gestern mehr als 10.000 Menschen bei seinem Auftritt.
Nicht nur Cai und seine Mode sind derzeit voll im Trend, auch die Religionen finden in China immer mehr Anhänger. Einer repräsentativen Umfrage der Shanghaier East China Normal University aus dem Jahr 2005 zufolge, sind mehr als 300 Millionen Chinesen religiös, 30 Prozent der Bevölkerung. Drei Mal mehr als die chinesische Regierung offiziell annimmt. Auch das ergab die Studie: Buddhismus, Daoismus, Christentum und Islam werden vor allem unter jungen Chinesen immer beliebter.
Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass einige der Pilger, die in Shanghai eine Stunde und mehr auf ein Autogramm Cais warten mussten, später einen Abstecher zum Jing’An-Tempel machen werden. Kommerz und Glauben: im China der Gegenwart untrennbar miteinander verbunden.
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