Dies vorweg: Shanghai ist kein Paradies für Läufer und Jogger. Das wird spätestens klar, wenn man den Straßenplan der Stadt nach kleinen grünen Flecken durchforstet, die sich später als Grünstreifen zwischen dicht befahrenen Autostraßen entpuppen.
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Doch nach einigen Tagen in Shanghai juckt es in den Füßen. Die Laufschuhe liegen noch immer wohl verpackt im Koffer neben dem Hotelbett, das schlechte Gewissen klopft nach ausgiebigen Schlemmereien an. Nur, wohin?
Betrunken durch die Stadt?
Auf skurrile Weise werben die „Drunken Dragon Hash House Harriers“ seit 2006 um Teilnehmer ihrer Laufveranstaltungen. Mit dem Taxi geht es raus vor die Stadt, dann querfeldein übers Land. Nach dem Rennen wird gemeinsam geschmaust und wohl auch der eine oder andere Schnaps konsumiert, daher wahrscheinlich der ungewöhnliche Name der Gruppe.
Ich entscheide mich gegen die erneute Kalorienfalle und nutze die Vormittagssonne, die über die Hausdächer streicht. In voller Laufmontur steige ich in die Metro und unterquere mit der Linie 2 den Huangpu-Fluss. Früher sollen sich Liebespaare in Pudong verabredet haben, „wenn sie mal ins Grüne wollten.“ Heute ist Pudong das riesigste Banken-Hochhaus-Luxus-Viertel, das ich je gesehen habe. Hier kratzen Türme am Himmelszelt; dort führt eine achtspurige Autobahn mit dem bescheidenen Namen „Jahrhundertstraße“ eine Stunde Fußmarsch immer geradeaus Richtung Osten. Wer will, kann bereits hier die verwaisten Fußwege nutzen, um die in die Jahre gekommenen Waden in Schwung zu bringen.
Unser Ziel ist jedoch der Century Park
Der Century Park mit seinem großen See in der Mitte.
Foto: Conrad Ziesch
Er ist der größte Park in Shanghai und begrüßt uns mit dem Duft gegrillter Süßkartoffeln und Maiskolben, die vor dem Eingang verkauft werden. Ebenfalls dort bietet ein Immobilienmakler Wohnungen für die Fünfzehngeschosser in der Nachbarschaft an. Residieren im Grünen kann, wer genügend Kleingeld übrig hat.
Der Eintritt zum Park kostet dagegen nur 10 Yuan, etwas mehr als einen Euro. Rentner, die ihre morgendliche Gymnastik machen, sollen Gerüchten zufolge kostenlos reinkommen. Doch auch für einen bewegungshungrigen Touristen lohnt sich das Ticket. Im Jahrhundert-Park finde ich das, wovon ich in Shanghai sonst nur träumen kann: Ruhe.
Die Pfirsichbäume haben zu blühen begonnen. Durch eine Schar aufgeregter Knospen-Fotografen mit teils riesigen Fotokameras und mannshohen Stativen bahne ich mir den Weg in das Innere der Anlage. „Ehefrau vor Ast“ ist das beliebteste Motiv, dicht gefolgt von Nahaufnahmen, bei denen die Objektive die armen kleinen Blüten zu verschlingen scheinen.
Im Century-Park: China sucht den Blüten-Star.
Foto: Conrad Ziesch
Wenn das Laufen zur Nebensache wird
Es fällt schwer, sich bei so viel Augenkino aufs Joggen zu konzentrieren. Immer wieder bleibe ich stehen und staune. Etwa an einer, in den malerischen See hineinragenden Steinplatte. Fast im Minutentakt lassen sich Hochzeitspaare dort ablichten, mal mit bunten Ballons in der Hand, mal klassisch in Schwarz und Weiß.
Im Hintergrund schippern Tretboote vorbei, die man sich ausleihen kann, genau wie Tandems oder Vierräder für die ganze Familie. Ich bevorzuge zwei Füße und setze meinen Weg fort. Zu den Klängen „Für Elise“ hüpfen die Strahlen einer Wasserfontäne in die Luft, gleich dahinter befindet sich ein Rummel, der aber kaum benutzt wird an diesem Tag. Ohnehin habe ich den großen Park fast für mich allein. Nur einmal kreuzt ein anderer Jogger im England-Jersey meinen Weg.
In der Ruhe liegt die Kraft
Im Century-Park: Endlich Platz zum Joggen!
Foto: Conrad Ziesch
Leise dringt das einheitliche Rauschen der Straße in den Park. Die Wege wirken so sauber, man könnte Spiegeleier auf ihnen braten. Alle 100 Meter geben mir öffentliche Toiletten ein Alibi dafür, mein erstes Training seit Tagen zu unterbrechen. Fast ein bisschen zu perfekt wirkt die Idylle der auf Hochglanz polierten Grünanlage. Holzschilder mit einer lachenden Blume weisen mich darauf hin, bitte nicht den Rasen zu betreten, ins Wasser zu springen oder ähnlichen Unfug zu treiben.
Wie könnte ich? Schließlich bin ich froh, endlich ein Stück Freiraum zum Laufen gefunden zu haben und den „Rolex“-Verkäufern und rasenden Busfahrern der Innenstadt entfleucht zu sein.
Kreuz und quer geht es durch den Park, der genug Platz bietet, um sich eine Stunde abwechslungsreich die Beine zu vertreten. Zum Abschluss steuere ich die Freilichtbühne an, vor der eine der zahlreichen Fressbuden steht. Die für chinesische Verhältnisse schlechte Fleischbrühe und ein etwas überteuertes Fruchtgetränk helfen mir, wieder zu Kräften zu kommen.
Wo sich an anderen Orten viele Chinesen scharen würden, bin ich hier fast allein. In großen Städten wie Peking oder Shanghai sind Parks wie dieser mehr strahlendes Vorzeigeobjekt und Wochenendausflugsziel der Mittelschicht, denn öffentlicher Erholungsort. Zu den Olympischen Spielen oder wie in Shanghai zur EXPO wurden sie im Rekordtempo gebaut oder auf Hochglanz poliert.
Im Alltag nutzen viele Einheimische andere Orte, etwa einen Platz vor ihrem Haus, um früh morgens ihre Tai Chi-Übungen zu machen, mit Schwertern zu hantieren, rückwärts zu laufen oder an den beliebten Trimm-dich-Geräten ihre Muskeln zu stählen.
Wir Läufer können nicht einfach auf solche Fitnessgeräte umsteigen. Wir brauchen Platz und Natur – zwei Dinge, von denen Shanghai nicht gerade im Überfluss besitzt.
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