Ni hao Shanghai! - Eine Reise ins ferne Reich der Mitte (1): Der Kiez einer 19-Millionen-Stadt
Marko Hofmann
06.03.2011
Die Skyline von Shanghai.
Foto: Conrad Ziesch
Raus aus Deutschland, mal was anderes sehen. Wer nicht mindestens einen Auslandsaufenthalt vorweisen kann, wird heutzutage in bestimmten Branchen gleich schief angeguckt. China, das mutmaßliche Wirtschaftswunderland des 21. Jahrhunderts, ist da groß im Kommen.
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Schüler und Studenten zieht es gleichsam ins Reich der Mitte. Der Leipziger Journalistik-Student Conrad Ziesch hat sich auch etwas Zeit „freigeschaufelt“, um mit seiner Freundin sieben Wochen im Reich der Mitte zu leben - als Tourist. Für L-IZ.de berichtet er vom Alltag 8.000 Kilometer von Leipzig entfernt.
Ni hao Shanghai!
Conrad Ziesch
Ni hao – mit diesen Worten begrüßen sich Chinesen und so möchte auch ich meine ganz persönliche Chinareise beginnen. China: In den Ohren vieler Deutscher klingt das noch immer nach Exotik, nach Ungewissheit oder auch der Angst vor Unbekanntem. Kein Tag, an dem man nicht vom „Wirtschaftsriesen China“ liest, von den angeblich abenteuerlichen Essgewohnheiten der Chinesen und ihrem scheinbar unersättlichen „Hunger nach Öl“.
Zeit, selbst nachzusehen, einen eigenen Eindruck zu gewinnen vom Reich der Mitte, das wir von Frankfurt aus mit dem Flugzeug an einem halben Tag erreichen. Mit der rot-weißen Maschine der China Air landen wir sicher auf dem Flughafen Pudong. Ni hao Shanghai!
Mit allen Sinnen
In den alten Gassen der 19-Millionen-Stadt.
Foto: Conrad Ziesch
Womit anfangen in einer Stadt, in der 19 Millionen Menschen leben und die mit ihrer Fläche Leipzig mehr als zwanzig Mal in sich aufnehmen könnte? An der Uferpromenade Bund, wo sich die Touristen drängen, um ein Foto vor der atemberaubenden Skyline Shanghais zu schießen? Oder in der ehemaligen Französischen Konzession, die in jedem Reiseführer über Shanghai angepriesen wird?
Unser Weg führt uns ins „echte Shanghai“, in die verwinkelten und dampfenden Gassen der Stadt, westlich des Huangpu-Flusses. Dem grünen Taxi entstiegen, empfängt uns das alte Viertel mit all seinen Sinneseindrücken. Wir riechen die gebratenen Teigtaschen Baozi, die auf dem Grill des uigurischen Restaurants in der Mittagssonne brutzeln. Wir hören das Hupen der Motorroller und Bellen herumtollender Hunde, wir schmecken den ersten Tofuspieß zwischen unseren Zähnen, der für einen Kuai (offiziell Yuan), etwa 12 Cent, vor unseren Augen auf einem rollenden Imbiss zubereitet wurde.
Und wir spüren
Die Wäsche muss draußen trocknen.
Foto: Conrad Ziesch
Ein Wassertropfen platscht auf unsere Stirn. Wo kommt der denn her? Den Blick nach oben, sehen wir ein Meer an Wäsche, das der Wind von links nach rechts schaukeln lässt. Aus Platzgründen hängen die meisten Shanghaier ihre nassen Sachen an Bambusstangen oder auch mal an Laternenmasten und Bäumen zum Trocknen auf. So lässt sich der Unterhosengeschmack der Städter ganz genau messen, von Feinripp bis Spitzenunterwäsche.
Nicht selten baumeln auch flauschig bunte Pyjamas im Himmel von Shanghai. Gerade alte Chinesen ziehen den bequemen Schlafanzug anderen Klamotten vor, egal ob zuhause, im Supermarkt oder auf dem Fahrrad. Angeblich hatten auch hier die beengte Wohnsituation und das Shanghaier Wetter ihre Finger im Spiel. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es die Senioren einfach gerne bequem mögen. Sie wohnen hier, essen, kaufen ein, gehen Gassi und können alle Dinge des täglichen Lebens erledigen, ohne sich weit von ihrem Kiez entfernen zu müssen.
Die Skyline von Shanghai.
Foto: Conrad Ziesch
Sonnenbaden im März
Wir schlendern die Penglai Lu entlang, in der zu dieser mittäglichen Tageszeit Händler ihre Waren auf dem Boden oder auf Verkaufstischen ausgebreitet haben: Fische, Bambussaft, Obst, Gemüse. Kuriere und Arbeiter schälen sich mit ihren Mopeds millimetergenau durch die verbleibenden Lücken. Das permanente Hupen signalisiert hier keineswegs Aggression, sondern lediglich: „Ich bin da. Nehmt mich wahr!“
So bimmelt und klingelt es von hinten und vorne, den Schreckhaften zum Leide. Eine Handklingel besitzen auch die Papiersammler. Mit ihren Dreirädern ziehen sie von Haus zu Haus und sammeln das ein, was nicht mehr gebraucht wird, um sich ein paar Kuai zu verdienen.
In der Ruhe liegt die Kraft
Allzweckanzug Pyjama - auch zum Gassi-Gehen gern getragen.
Foto: Conrad Ziesch
Die Alten im Viertel lassen sich von dem Trubel nicht stören, der sich langsam um sie herum breit zu machen beginnt. In ihren Pyjamas haben sie sich Liegestühle mit Decken und Fellen in die März-Sonne gerückt und tauschen den letzten Klatsch und Tratsch aus. In der Nachbarschaft gibt es auch einen eigenen Seniorenraum. Dieser ist nur den alten Bewohnern vorbehalten, hier können sie sich treffen und reden.
Es lohnt sich, einen kurzen Blick in die Eingänge der Häuser zu erhaschen, in die langen Gänge, die oft mehreren Familien Wohnung bieten. Da wird gekocht, geschneidert, geredet, geschlürft und ferngesehen.
Trotz des rasanten Wandels Chinas und Shanghais wird schon nach diesem Spaziergang klar: Gewisse Dinge haben sich auch nach Jahrhunderten nicht geändert. Dass die Alten in der Gesellschaft wertgeschätzt werden, erlebt man. Dass Chinesen das Essen lieben, sieht, riecht und schmeckt man. Dass sie ihre Kinder wie die ganze Familie lieben, spürt man.
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