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Ni hao Shanghai! - Teil 6: Studieren in Fernwest

Conrad Ziesch
Das Wohnhaus von Cai Yuanpei.
Das Wohnhaus von Cai Yuanpei.
Foto: Conrad Ziesch
Leipzig und Shanghai werden in Reiseführern gerne als „Klein-Paris“ und als „Paris des Ostens“ beschrieben. Und es gibt wohl keinen, der die Kultur der beiden Städte so kennen gelernt und geprägt hat wie Cai Yuanpei – vor hundert Jahren Student in Leipzig und nach seiner Rückkehr chinesischer Bildungsminister und einer der wichtigsten Pädagogen seiner Zeit.

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Auf den Spuren

In der Shanghaier Huashan Lu, nahe des Jing’An-Tempels, entdecken wir ein Metallportrait Cai Yuanpeis am Eingang seines ehemaligen Wohnviertels. In Glasvitrinen vor dem metallenen Tor stecken Kopien alter Schriften, aber auch seine Leipziger Immatrikulationsbescheinigung findet sich hier, kolorierte Postkarten aus Sachsen, dazu ein Foto der Leipziger Talstraße, in der Cai zwei Mal von 1908 bis 1911 lebte.

In seinem Shanghaier Wohnhaus empfangen uns vier schüchtern kichernde Mädchen am Eingang. Das gelb gestrichene Gebäude beherbergt heute eine Ausstellung über das Leben und Wirken des berühmten Reformers. Die Schülerinnen sind Freiwillige und begleiten uns durch die engen Räume. An den Wänden hängen vergilbte Dokumente, in Glaskästen stehen Ausstellungsgegenstände, wie eine Schreibmaschine Cais. „Geboren wurde er am 11. Januar 1868 in der Stadt Shaoxing, wo er mit seiner Familie 26 Jahre lebte“, fasst eines der Mädchen Mut und beginnt zu erzählen.

Metallportrait Cai Yuanpeis am Eingang seines ehemaligen Wohnviertels.
Metallportrait Cai Yuanpeis am Eingang seines ehemaligen Wohnviertels.
Foto: Conrad Ziesch

Das stolze China in der Krise

Als viertes von sieben Kindern genießt Cai eine traditionell chinesische Erziehung. Ungewöhnlich jedoch, dass er eine akademische Laufbahn einschlägt. „Keine Lust auf eine Beamtenkarriere“, steht auf einem Spruchpaar an der Tür seines Zimmers. „Nur auf den Klang der Rezitation von Büchern.“

Erst 26 Jahre alt, legt er die allerhöchste kaiserliche Prüfung ab und wird Mitglied der kaiserlichen Akademie. Als junger Gelehrter ist er wie andere erschüttert darüber, wie das angeblich so starke Qing-Reich dem kleinen Inselstaat Japan unterliegen konnte. Cai beginnt, sich gegen veraltete Traditionen aufzulehnen, kleidet sich modern und liest westliche Schriften.

Studium in Leipzig

Die Schreibmaschine von Cai Yuanpei.
Die Schreibmaschine von Cai Yuanpei.
Foto: Conrad Ziesch
Von einem deutschen Missionar lernt er in Tsingtao deutsch und reist 1907 mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Berlin, ein Jahr später weiter nach Leipzig. Der wissbegierige Student schreibt über diese Zeit: „Als ich mit dem Studium an der deutschen Universität begonnen hatte, belegte ich
alle Lehrveranstaltungen wie Geschichte der Philosophie, Geschichte der Literatur, Geschichte der Zivilisation, Psychologie, Ästhetik, Geschichte der Ästhetik und Völkerkunde. Damals fing ich an, die Nachschlagewerke über alle diese Fächer durcheinander zu lesen.“

Er sei gerne in Museen und in die Leipziger Oper gegangen, heißt es über Cai Yuanpei in einem Katalog anlässlich einer Ausstellung zum 600-jährigen Jubiläum der Universität Leipzig. Mit Freunden habe er Spaziergänge im Palmengarten unternommen, im Auerbachs Keller sei ihm das Wandbild des trinkenden Faust aufgefallen.

Das ehemalige Wohnhaus von Cai Yuangpei.
Das ehemalige Wohnhaus von Cai Yuangpei.
Foto: Conrad Ziesch
Sein Ziel: Die fernöstliche und abendländische Kultur miteinander zu verbinden, einen Mittelweg aufzuspüren, um den „kranken Mann Asiens“ zu kurieren. Cai ist kein normaler Student. Als er in Leipzig ankommt, gilt er mit seinen 41 Jahren zuhause längst als gestandener Pädagoge und Gelehrter. Neben seinem Studium überträgt er „Die Grundsätze der Ethik“ von Friedrich Paulsen ins Chinesische und schreibt eigene Bücher wie die „Geschichte der chinesischen Ethik“.

Dann, 1912 ruft Sun Yat-sen die Republik aus – das Ende der Qing-Dynastie ist gekommen. Cai Yuanpei kehrt aus Leipzig in seine Heimat zurück und wird zum Bildungsminister ernannt. In nur sechs Monaten Amtszeit legt er den Grundstein für die Umwandlung und Etablierung eines modernen chinesischen Bildungswesens. Hier, wie auch als Kanzler der renommierten Universität Peking, nimmt er sich Deutschland zum Vorbild. „Man braucht die Wissenschaft, um China zu retten. Wissenschaftlich ist Deutschland das stärkste Land der Welt.“


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Unter seiner Führung dürfen Frauen erstmals gemeinsam mit Männern studieren. Mehrere wissenschaftliche Zeitschriften werden ins Leben gerufen. Cai fördert den wissenschaftlichen Austausch und Werkschauen chinesischer Kunst in Berlin und Hamburg.

Hundert Jahre nach ihm

Von einer Leipziger Ausstellung wurde er im letzten Jahr zum „chinesische Humboldt“ geadelt. Aus Anlass des 600. Geburtstags der Universität erinnerten die Hochschulen aus Leipzig und Peking, in Zusammenarbeit mit dem Konfuzius-Institut, an den berühmten Alumnus.

„Ich werde nach Deutschland gehen und nach der Wissenschaft streben“, notiert Cai Yuanpei vor seiner Abreise ins ferne Deutschland. Auf seinen Spuren wandeln heute mehr als 600 chinesische Studierende in Leipzig.


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