Ni hao Shanghai! - Teil 5: Laowai – Fremd unter Fremden?
Conrad Ziesch
03.04.2011
Allein auf breiter Spur? Das Leben als Laowai ist nicht immer leicht.
Foto: Conrad Ziesch
Wie fühlt es sich an, Ausländer zu sein – ein „Laowai“ also, wie ich es in China von Schulkindern und Händlern an jeder Straßenecke höre? Als Deutscher macht man sich selten Gedanken darüber, was es heißt, „fremd“ zu sein. Einige Wochen in Shanghai und mehrere Monate in China geben mir einen Eindruck davon, wie es sein kann.
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Auf Rosen gebettet, neugierig beäugt: Als ein Laowai bin ich Star und Fremdkörper zugleich. Während die „Beliebtheit“ der Volksrepublik in meiner Heimat immer neue Tiefstände erreicht, werde ich in China hofiert wie ein Promi. Auf dem Basketballplatz etwa, wo mich Jugendliche empfangen als sei ich Dirk Nowitzki persönlich. Oder beim Obstkaufen, wenn mich der lachende Händler mit einem dreimal wiederholten „Stuttgart“ auf die Popularität deutscher Automarken hinweist und mir daraufhin die saftigsten Orangen in den Beutel packt.
Gleichzeitig bleibe ich unübersehbar ein Ausländer, der mit seiner scheinbar großen Nase und den braunen Haaren auffällt – ob ich möchte oder nicht. Das „Laowai“ ist in den seltensten Fällen negativ gemeint, führt mir aber stets vor Augen, welche Position ich einnehme in dieser Gesellschaft.
Für viele Ausländer eine erste Hürde: Das Essen.
Foto: Conrad Ziesch
Europäer = reich
Eine der Binsenweisheiten in China lautet: Alle Westler sind schwerreiche Millionäre, komen aus einem Land, in dem Milch und Honig fließen. An den Imbisswagen überlegen die Verkäufer zwei Mal, welchen Preis sie mir nun nennen wollen. Ein Blick in die Augen, erst dann huscht ihnen ein Preis über die Lippen, der mindestens doppelt so hoch ist wie normal.
Ein Mann, der von seinem Stand aus frische Erdbeeren verkaufte, brachte es fertig, erst von einem Schuljungen fünf, dann von mir 25 Yuan zu verlangen. Dabei geht es mir nicht um den Betrag an sich – dieser ist meist nicht der Rede wert. Es geht ums Prinzip, gleich behandelt zu werden – nicht als Laowai.
Selbst Nichtchinesen, die bereits seit Jahren hier leben und die Sprache sprechen wie ihre eigene, müssen sich ihren Platz in der Gemeinschaft hart erkämpfen. Auf der Straße bekommen sie noch immer gefälschte Rolex-Uhren angeboten oder schlüpfrige Massagen. In der Heimat genießen sie dagegen die Rolle des „Weitgereisten“, des „Chinesen“ und präsentieren sich anderen Deutschen gegenüber als China-Versteher.
Doch gerade das Verstehen fällt schwer, wenn man Hochchinesisch nicht oder nur bruchstückhaft beherrscht, so wie ich. Bestimmte Verhaltensweisen sind selbst von Einheimischen schwer zu durchschauen. So etwa das langwierige Ritual, nach dem Essen um das Bezahlen der Rechnung zu ringen. Macht man als Lao Wai den Vorschlag, den Betrag zu teilen, riskiert man den Gesichtsverlust der anderen.
Eindrucksvoll: Die Skyline von Shanghai.
Foto: Conrad Ziesch
Hungrig im Schlaraffenland
Als Ausländer bleiben mir viele Dinge fremd, etwa die stark ausgeprägten Hierarchien zwischen Chefs und ihren Angestellten oder das teilweise zwiespältige Verhältnis der Chinesen zu Tieren, das von Kult bis Verachtung reicht. Glücklich, dass ich mit Xuanzi eine „Versteherin“ an meiner Seite habe. Sie erklärt mir das, was mir sonst verborgen bliebe.
Erspart bleibt mir so der Kampf gegen Fast Food und Kekse, dem Ausländer auf der Flucht vor unbebilderten Speisekarten oft erliegen. Viele Shanghaier Laowai haben sich in Nobel-Ghettos verschanzt. Im Gebiet der ehemaligen Französischen Konzession prägen kleine Cafés, italienische Pastarestaurants und Modeboutiquen ebenso das Straßenbild wie windige Händler und organisierte Bettlergruppen.
Schwer zu verstehen: Altes muss weichen, Neues entsteht.
Foto: Conrad Ziesch
Aus alt mach neu
Eine ähnliche und doch ganz andere Entwicklung lässt sich überall in der Stadt beobachten: Das unbedingte Nachahmen westlicher oder japanischer Vorbilder. Sie gelten als neu, als modern und besser als das Eigene. So sprießen Bäckereiketten mit europäisch klingenden Namen à la „Christine“ aus dem Boden, werden Prachtstraßen wie der Bund oder die Nanjing Lu zur EXPO herausgeputzt und künstliche Künstlerviertel wie das „M50“ nach westlichen Standards erschaffen.
Als Laowai, auf der nostalgischen Suche nach dem „alten Shanghai“, stellen sich dabei zwiespältige Fragen. Soll man nun protestieren, dass die alten Viertel der Stadt abgerissen werden, die ein Stück chinesischer Kultur verkörpern, aber oft nur ein übel riechendes Badezimmer für mehrere Familien bereitstellen? Oder soll man befürworten, dass moderne aber unglaublich eintönige Wohnblocks in den Himmel gezogen werden und der neuen Mittelschicht ein Leben nach westlichem Vorbild verheißen, während andere die Stadt verlassen müssen?
In einem Land, das sich in den letzten dreißig Jahren mehr verändert hat als in den tausend Jahren zuvor. Als Deutscher vergleiche ich zu gerne mit der Heimat, so den Zoo, der im Gegensatz zu Leipzig in einem schlechten Zustand ist. Oder den oft willkürlichen, manchmal bedrohlichen Straßenverkehr.
Wir sollten die deutsche Brille absetzen, ohne den Blick auf die Realität zu verlieren, Dinge auszublenden oder uns krampfhaft anzupassen. Das Leben als Laowai ist nicht immer einfach, gibt einem aber eine Vorstellung davon, wie sich Ausländer in Deutschland fühlen könnten.
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