Sausedlitz, wo die Schweine tanzen: Heitere Erinnerung an die Friedliche Rebellion
Karsten Pietsch
26.07.2011
Das Schweine-Denkmal in Sausedlitz.
Foto: Karsten Pietsch
Seit ein paar Wochen tanzen mitten in Sausedlitz drei Schweine, die glänzen bronzefarben in der Sonne. Wer sie sieht, muss lachen. Geplant war für 2011, dass sich hier die Baggerschaufeln drehen, in der Gegend von Löbnitz und Sausedlitz, damals Bezirk Leipzig, heute in Nordsachsen gelegen.
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„Häuser waren verkauft und verlassen, Baumaterial wurde geplündert“
Im Planungsbüro von Dr. Christine Schiemann in Sausedlitz werden die Karten und Pläne aufbewahrt und lassen heute staunen. „Bergbau-Schutzgebiet“ hieß das damals in der amtlichen Sprache, und die Bürger rätselten zunächst, wer da vor wem geschützt werden sollte. 1990 hatte die Hälfte der Sausedlitzer Einwohner das Dorf schon verlassen. „Häuser waren verkauft und verlassen. Fenster waren vernagelt, Häuser und Baumaterialien wurden geplündert“, erinnert sich die Planerin. Inzwischen weisen Wegweiser zum Seeufer und zu Parkplätzen. Damals gab es wie überall sogenannte Dialog-Veranstaltungen, das Volk holte sich die Regierung an den Tisch. Sausedlitz protestierte. Vom Bürgerbegehren weiß der heutige Bürgermeister Axel Wohlschläger nur vom Hörensagen und sagt guten Gewissens: „Schwein gehabt! Sausedlitz lebt!“ 270 Leute leben hier, tagsüber ist es still auf der Dorfstraße.
„Sau-Piepen“ und die Schweinemast
Seit kurzem tanzen drei Schweine aus Beton, bronzefarben lackiert, mitten im Dorf, die haben ihre Geschichte. Eine Tafel erzählt sie. Auf den zweiten Blick erkennt man das auch, und abends leuchtet es rötlich: die Tiere tanzen auf glühenden Kohlen. Vor 20 Jahren sollte Sausedlitz Braunkohlebaggern weichen, ein Bürgerbegehren verhinderte das.
"Sau-Piepen" nennt man das Dorf in der Umgebung. Sprachgeschichtlich soll das mit Schweinen gar nichts zu tun haben. Doch seit LPG-Zeiten gibt es in Sausedlitz eine Schweinemastanlage, laut Bericht des Bürgermeisters wurde immer wieder modernisiert. Es geht den Schweinen weitestgehend gut, sie werden hier schneller fett als anderswo und dafür belegt der Betrieb vordere Ranking-Plätze.
Dr. Christine Schiemann ist Landschaftsplanerin und Gemeinderatsmitglied, als das Dorf 2010 die Braunkohlengeschichte zum Theaterstück machte, spielte sie als eine der Landfrauen mit. Christoph Zwiener, der künstlerische Vater des Dorftheaters Priester und des Haynaer Biedermeier-Strandkultur-Vereins hatte ein Stück geschrieben, komponiert, einstudiert und ein paar Dutzend Sausedlitzer spielten mit. Auf dem Programmheft war eine Zeichnung mit drei tanzenden Schweinen zu sehen, gezeichnet von Gerd Hämsch. Und die sollten zur Plastik werden!
Dorfplatz Sausedlitz. 800 Meter bis zum Ufer des Seelhausener Sees.
Foto: Karsten Pietsch
Statt Kohleförderung Förderkohle
20.000 Euro kosteten Plastik und Gartengestaltung, bezahlt weitestgehend vom Freistaat Sachsen aus einem Topf für Freiheits-, Wende- und Einheitsgedenken. Statt Kohleförderung nun Förderkohle. „Nein, ein Denkmal ist es nicht. Wir müssen uns kein Denkmal setzen. In Leipzig soll es so was geben. Es ist eine Skulptur zur Heimatgeschichte“, erklärt Dr. Christine Schiemann.
In Leipzig stehen für Freiheitsgedenken fünf Millionen Euro bereit, sogar der Wilhelm-Leuschner-Platz, und es gibt außer einem Ratsbeschluss noch keine Initiative, keinen Künstler und keine Idee. Für Berlin wird eine Beton-Wippe geplant, zu deren Idee und Umsetzung Arbeitssicherheitsfachleute die Köpfe schütteln.
Dass im Leipziger Zoo im Gondwanaland Beton kunstvoll geformt wurde, brachte der fränkischen Firma eine Anfrage und einen Auftrag aus Sausedlitz ein. Auf Styropor wurde Beton modelliert, mit Farben lackiert und gespritzt, bis es glänzt. „Die Schwänze wurden extra stabilisiert“, sagt die Planerin. Paten haben die drei Huftiere auch, die Jugendfeuerwehr will sich um Wohl und Wehe kümmern.
Kaum eingeweiht, gaben sich Journalisten in Sausedlitz die Klinke in die Hand. Mit der Erkenntnis, dass man auf dem Lande schnell, nämlich sofort, zu Terminen und Gesprächen kommen kann, mit netten Leuten noch dazu.
„Schweinheitsdenkmal“ titelte „BILD“ und meinte in der Überschrift, darüber lache ganz Sachsen. Es wäre nicht die schlechteste Geschichtsstunde, die man mit lachendem Herzen erlebt. Und wenn nun Leute sagen: „Sausedlitz, da wo die Schweine tanzen!“ – „Da haben wir nichts dagegen, das macht uns bekannt“ sagt der Bürgermeister.
Heimatgeschichten in Ton und Beton
Schwein gehabt, Sausedlitz lebt. Grafiker Gerd Hämsch entwarf die drei tanzenden Schweine.
Foto: Karsten Pietsch
Drei tanzende Schweine und eine Text-Tafel erzählen Sausedlitzer Dorfgeschichte, so wie andere Plastiken zu Wahrzeichen in Nordsachsen geworden sind: das Schaufelbaggerrad in der Nähe von Delitzsch, der Nachbarbierbrunnen von Bruno Kubas in Dahlenberg, oder sein Gänsebrunnen in Dommitzsch, der Schildbürgerbrunnen von Torsten Freche in Schildau, eine an die Wand gemalte Dorfschule von Volker Pohlenz. Oder das persönlich genehmigte Albert-Schweitzer-Porträt im Göbschelwitzer Kirchenaltar.
Im Sausedlitzer Planungsbüro von Dr. Christine Schiemann wachsen schon ganze andere Ideen in Plänen, Kalkulationen, Zeichnungen und Modellen heran: am Haynaer See mit seinem Ufer, dem Strandverein, dessen Theaterprojekten um die Badekultur des Biedermeier, baut sie Räume, mit Zufahrtswegen, Infrastruktur, einer Seerosenbühne, die man dann vom Flugzeug aus sehen kann. Längst werben die Darsteller in ihren Biedermeier-Kostümen schon auf Präsentationen, während die Bauten erst entstehen.
Vom Sausedlitzer Dorfplatz, wo die Schweine tanzen, sind es nur ein paar Hundert Meter zum Seeufer.
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