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England, meine Perle (2): Besuch in Nordirland – Bloß keinen Fehler machen

Marko Hofmann
Klarer kann man ein politisches Statement nicht in ein Bild packen.
Klarer kann man ein politisches Statement nicht in ein Bild packen.
Foto: Sascha Bethe
Nordirland war für mich während meiner ersten Zeit in England unerreichbar. Zu weit der Weg, zu kurz die Zeit. Beim zweiten Trip nach England ließ sich ein Vorbeischauen in der britischen Enklave gut einbauen, auch wenn die Fährunternehmen unverschämte Preise für eine Touri-Gruppe samt Gefährt haben. Im Land galt dann vor allem: Bloß keinen Fehler machen.

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„DERRY!“ Die nette Vermieterin konnte wirklich ungemütlich werden, wenn man ihre Heimatstadt aus ihrer Sicht falsch benennt. Zu viert sitzen wir am Frühstückstisch eines Bed & Breakfasts in (London-)Derry an der Grenze Nordirlands zu Irland. Über Dublin und Belfast hatten Sascha und ich uns hierhin mit dem Auto durchgeschlagen, unterwegs noch zwei Freunde eingeladen und dann den Norden der „grünen Insel“ aufgesucht. Für die Fähre auf die Insel und zurück mussten wir, dann schon zu dritt und mit Auto, unverschämte 386 Euro löhnen. Von Dünkirchen nach Dover, also quer über den Ärmelkanal, fährt man ähnlich lang und bezahlt für fünf Leute und ein Auto zu einer günstigen Tageszeit 66 Euro. Die Fährstrecke ist mit 90 Kilometern nur ein Viertel kürzer als die Seepartie nach Irland.

Vorsichtsmaßnahmen in Belfast.
Vorsichtsmaßnahmen in Belfast.
Foto: Sascha Bethe
Am Flughafen Dublin hatten wir uns in den Kopf gesetzt, schnell unseren vierten Mitstreiter einzusammeln, doch vergessliche Verkehrsplaner haben dort nur kurze Haltepunkte für die Autos eingerichtet, die Leute zum Abflug abliefern wollen. Wer Ankommende mitnehmen will, muss Runden über das Gelände drehen, denn kurz halten und niemanden mit Koffern bewaffnet aussteigen lassen, ist nicht. Die Polizei ist äußerst wachsam. Also umkreiste ich den Terminal, während Sascha den nächsten Mitstreiter suchte. Als der gefunden ward, fuhr ich kurz in A-Team-Manier vor, die Koffer flogen hinten rein und dann quietschten wir auch schon vor den anstürmenden Politessen davon. Vielleicht war es nicht ganz so krass, aber viel Zeit hatten wir nicht, bevor schon die erste Politesse auf unser Auto zurammelte. Sie hatte aber auch nicht viel Zeit, uns auf unser Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Als sie ankam, waren wir schon losgerollt.

Die Murals gibt's an den Stirnseiten.
Die Murals gibt's an den Stirnseiten.
Foto: Sascha Bethe
Über die nicht mehr sichtbare Landesgrenze „flüchteten“ wir direkt nach Belfast. Ein Guinness gegenüber dem meist bebombten Hotel Europas, namens Hotel Europa, gehörte zum Programm, ein Besuch der berühmten Murals auch. Murals, vom Lateinischen „murus“, die Mauer, sind Wandmalereien, beispielsweise an Giebelwänden. In Nordirland haben sie eine stark politische Note und stehen im Zusammenhang mit den Unruhen zwischen Katholiken und Protestanten in einigen Städten des Landes. In Belfast gibt es Stadtviertel, an denen man hinter jeder Giebelwand ein Mural bewundern kann. Diese Viertel sind allerdings nicht ausgeschildert, sie werden nicht als touristisches Ziel angepriesen. Wir selbst erreichten eines erst nach einer Odyssee durch die Stadt und auch nur durch Zufall.

Martin Luther in Belfast.
Martin Luther in Belfast.
Foto: Sascha Bethe
Stacheldraht auf den Häusermauern gab einen Einblick, was sich hier zu Spitzenzeiten abgespielt haben wird. Als wir aufkreuzen, spielen ein paar Kinder auf einer Rasenfläche, andere lungern auf einem Mauervorsprung herum. Die Murals prangen am Ende jeder Reihenhäuserkette, jedes hat seine eigene Botschaft, aber hier sind alle Botschaften protestantisch. Die rote Hand der Provinz Ulster, die im Wesentlichen das heutige Nordirland ausmacht, ist das Zeichen der Unionisten. Der Befürworter der Einheit mit Großbritannien. An einer Giebelwand ist Martin Luther zu sehen. Die berühmte Anhörung auf dem Reichstag zu Worms. Als wir am nächsten Morgen im Hotel den Fernseher anschalteten, sahen wir, dass wir das „richtige Viertel“ gewählt hatten. In East Belfast war es am Abend und in der Nacht zu den schwersten Unruhen seit zehn Jahren gekommen.

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Es wird ungemütlich. Gerade hatte uns die Vermieterin erklärt, welche Seite des Flusses Folye in ihren Augen die gute ist und welche die schlechte, wo die „guten“ Katholiken leben und wo die „schlechten“ Protestanten, wo man also Derry sagt und wo Londonderry. Fährt man aus Richtung Irland nach Londonderry – so der offizielle Name - so steht auf den Hinweisschildern nur Derry, in Nordirland steht Londonderry. Der lokale Fußballklub heißt Derry City und ist der einzige nordirische Verein, der in der irischen Liga spielt. Derzeit nur in der zweiten. In der Stadt selbst ist höchste Vorsicht geboten, wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt. Meist verrät schon die Frage: „How do you like …?“, welcher Konfession der Gesprächspartner ist und welche Form des Stadtnamens man verwendet. Nicht jeder fährt aus der Haut, wenn der falsche Stadtname verwendet wird. Doch noch immer gibt die Religion einen guten Anlass für Unruhen.


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