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England, meine Perle (4): Wettkönige in Limerick

Marko Hofmann
Das Greyhound Stadium in Limerick.
Das Greyhound Stadium in Limerick.
Foto: Marko Hofmann
Limerick. Die große Irland-Tour neigt sich langsam dem Ende zu. Zeit, mal wieder was typisch Irisches zu machen. Schafe eintreiben, haben wir leider nicht geschafft, Guinness trinkt nur die Hälfte der Reisegruppe und für eine katholische Messen fand sich auch keine Mehrheit. Ein Glück, dass uns das Wetter mal wieder den Tag versaute …

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„Das ist ja geil“. Die vierköpfige Reisegruppe hatte sich gerade auf die eigenen Betten im nächsten Bed and Breakfast gelümmelt, auf das Mistwetter geflucht, so zeitig wie noch nie die Unterkunft aufgesucht und erst seine Versöhnung mit dem Tag gefunden, als im Fernsehen Sport kam, als Torsten sein Smartphone samt Internet-Flat mal wieder rauskramte. „Was ist denn los?“, fragte einer. „Unser morgiges Quartier in Limerick liegt gar nicht weit weg vom Stadion für Windhunderennen und dort ist morgen Rennabend.“ Google Maps hatte ihm den Tipp gegeben. Eindeutig auf dem Kartenausschnitt zu sehen: Das Best Western Limerick war nur ein Steinwurf vom Greyhound Stadium entfernt. Nächster Renntag: Sonnabend ab 19:45 Uhr. Das Abendprogramm für den Folgetag stand.

Die Fahrt nach Limerick verlief nach Plan, alle Sehenswürdigkeiten auf dem Weg bekamen kurzzeitigen Besuch von uns. Dann kurze Schaffenspause inklusive Beschäftigung mit dem Hairdryer 2000 im Hotelzimmer, der nur noch mit einem spitzen Gegenstand an- und ausgeschaltet werden konnte und mit dem Telefon, dass wohl nur kurz nach der Abschaffung der Wählscheibe gekauft wurde. So stellt man sich ein Hotel vor.

Der Startschuss zum Windhundrennen ist gefallen.
Der Startschuss zum Windhundrennen ist gefallen.
Foto: Marko Hofmann

Zehn Minuten sollten es zu Fuß bis zum Stadion in der 90.000-Einwohner-Stadt sein. Stimmte auch. Gegen 18:45 Uhr erreichten wir das Stadion, doch wir waren die einzigen. Kein einziges Auto stand da, die Stadiontore, von denen die grau-grüne Farbe schon abblätterte, waren mit Ketten verrammelt. Ein Blick durch den schmalen Torspalt ins Stadion verriet: Hier findet heute allenfalls ein Hauch von Nichts statt, aber kein Windhunderennen, für das es immerhin ein eigenes Stadion gibt. Enttäuschung machte sich breit, Zweifel am unfehlbar geglaubten Google Maps brachen sich Bahn. Da kam ein Ehepaar des Wegs. „Ja, das Windhundestadion haben sie am Rand der Stadt neu gebaut. Von hier sind es 2,5 Meilen.“ Gratulation, Jungs.

Eine Viertelstunde später fuhren wir mondän mit dem Taxi am neuen Greyhound Stadium vor und schälten uns aus dem Mercedes. Ein Jammer, dass niemand von uns einen Fächer dabei hatte und die Zigarren im Hotel lagen. Aber auch so war es ein fast schon dekadenter Auftritt unserer Reisegruppe. Fünf Euro sollte jeder als Eintritt löhnen, aber für uns „Was-Kostet-Die-Welt“-Jungs waren das ja lediglich Peanuts. Sofort landeten wir im Bauch der neuen Tribüne.

Nicht jeder Hund geht freiwillig in die Box.
Nicht jeder Hund geht freiwillig in die Box.
Foto: Marko Hofmann
Hier saßen schon reichlich so genannte Experten und fachsimpelten an der Bar mit ihren Begleitern, andere verfolgten im Fernsehen das aktuelle Gaelic-Football-Spiel. Auch ein Schnellrestaurant hatte sich in diesem mit Möbel aus dunklem Holz und mit weinrotem Teppich eingerichteten Saal breitgemacht. Souverän studierten wir das Programmheft mit allen für heute angesetzten Rennen, zwölf an der Zahl. Für jedes Rennen warfen wir zunächst einen Blick auf die teilnehmenden Hunde und deren Statistik, die scheinbar lückenlos für dieses Jahr aufgeführt wurde.

Danach disputierten wir eifrig, aber gehaltlos über die Gewinnchancen einzelner Hunde und gingen schließlich zielstrebig, aber ahnungslos an einen der fünf Wettschalter und platzierten unsere Wette für das erste Rennen an diesem Abend. Die Wettmodalitäten waren nicht nur auf deutsch, sondern auch auf französisch im Programmheft beschrieben.

Möglich waren Wetten auf Sieg, Platz, Sieg oder Platz, Platzierung auf 1 und 2, egal in welcher Reihenfolge und auf die ersten drei Plätze in richtiger Reihenfolge.

Andrang bei den privaten Buchmachern. Der junge Mann in der beigen Jacke war das lauteste Exemplar.
Andrang bei den privaten Buchmachern. Der junge Mann in der beigen Jacke war das lauteste Exemplar.
Foto: Marko Hofmann
Vom Stehplatzbereich verfolgten wir schließlich die Rennen, deren Distanz unterschiedlich war. Bei der kürzesten Distanz mussten die Windhunde nur 480 Meter (525 Yards) rennen, bei der längsten dagegen 686 (750 Yards).

Vor jedem Wettbewerb führten die stolzen Besitzer ihre Rennobjekte für das Fachpublikum noch einmal durch einen abgegrenzten Bereich, sodass sich das Fachpublikum von seinem Hoffnungsträger noch einmal überzeugen konnte. Unsere Ahnungslosigkeit versuchten wir geschickt mit Phrasen wie „tolle Hinterläufer“ oder „stramme Waden“ zu überspielen, aber mal wieder standen in der Nähe Deutsche, die uns prompt demaskierten.

Die Wettquoten erfuhr der geneigte Wetter über eine kleine elektronische Tafel im Stadion, sie änderten sich minütlich anhand der eingehenden Wetten. Wer die offizielle Wettquote scheute, konnte auch bei einem der acht Buchmacher wetten, die persönlich im Stadion erschienen waren. Jeder von ihnen hatte seinen Platz samt Tafel direkt am Rand der Rennbahn. Ein etwas kurz geratener stand sogar auf einer Obstkiste, um besser auf sich aufmerksam zu machen. Alle machten dem anwesenden Volk marktschreierisch ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht bei ihnen wetteten und hatten damit Erfolg. Ein Buchmacher korrigierte 20 Sekunden vor Rennbeginn noch seine Quoten und löste damit einen Ansturm aus.

Beim Windhunderennen geht es immer dem Hasen nach.
Beim Windhunderennen geht es immer dem Hasen nach.
Foto: Marko Hofmann
Die Wetter erhielten alle nur einen Schnipsel, nur die Iren selbst werden wohl wissen, wie viel Geld sie für den Schnipsel hingeblättert hatten. Während unten vor der überdachten Stehplatztribüne – die besser gestellten sitzen im verglasten Restaurant im ersten Stock des Stadions - die Buchmacher noch krakeelten, wurden auf der Rennbahn die Hunde bereits in eine Box gezwängt. Jeder Hund hatte seine Startnummer auf einem farbigen Überhang, sein Herrchen/Frauchen den passenden Kittel in der Farbe an.

Gelockt werden die bellenden Teilnehmer bei diesen Rennen durch einen hasenartigen Gegenstand, der auf einer Extrabahn aus Metall am Rand über die Rennstrecke saust. Passiert er die Box, öffnen sich die Verschläge und alle Hunde rammeln treudumm dem Gegenstand hinterher, der nach der zu rennenden Distanz abrupt stoppt. Die Hundehalter probieren dann, ihre Tiere vom Objekt der Begierde fernzuhalten, und laufen wieder aus dem Rund. Eine Sache von vielleicht 30 Sekunden – zumindest auf der kürzesten Distanz.

Während der ersten Rennen tat sich im Zuschauerbereich fast gar nichts. Nur zaghafte Anfeuerungsrufe waren zu hören. „Go“, Come on“. Das Übliche. Erst mit dem steigenden Alkoholpegel stieg die Dezibelzahl, wurde gebrüllt, gekreischt und geflucht. Ich beendete aufgrund von Erfolglosigkeit schon nach drei gewetteten Rennen meine Wettkarriere. Die anderen wetteten fleißig weiter, immer für zwei Euro. Am Ende hatten Matthias und Torsten sogar zusammen 20 Euro Gewinn gemacht. Das reichte fürs Taxi zum Hotel.

Mondän stiegen wir wieder in das allererste Taxi ein und trafen prompt auf einen „halben“ Landsmann. Weil alle irischen Taxifahrer ihre Lizenz öffentlich zeigen müssen, sahen wir schon beim Einsteigen, dass wir unmöglich mit einem Ur-Iren mitfuhren. Oder ist Rainer Neumeister ein uririscher Name? Schnell kamen wir ins Gespräch, redeten über Irland und Deutschland. Kollege Neumeister, dessen Vater Deutscher war, sprach im Akzent der working class („I tink“ statt „I think“). Beim Aussteigen dann die letzte Frage: „Woher kommt eigentlich Ihr Vater?“, Antwort: „Er hat zwischen Leipzig und Dresden gelebt und ist vor der Mauer noch weg“. Zufälle gibt’s.


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