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Erfurt lud ein: „Luther war da, der Papst kommt, Sie sind in guter Gesellschaft!“

Mein schönstes Sommerferienerlebnis. Hausaufsatz von Karsten Pietsch
Der Erfurter Domberg.
Der Erfurter Domberg.
Foto: Karsten Pietsch
Erfurts Tourismus- und Marketing Firma lud ein: „Luther war da, der Papst kommt, Sie sind in guter Gesellschaft! 1511 reiste Martin Luther nach Rom, 500 Jahre später kommt Papst Benedikt XVI. nach Erfurt!“ 120 Kongressorganisatoren und Journalisten aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands kamen und absolvierten einen Crash-Kurs für Erfurt-Anfänger.

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Herausgefischt aus hauseigenen Adressen. L-IZ.de war zum Erfurter Theatersommer schon mal da, und begeistert vom nächtlichen Spuk am Dom.

WIR SUCHEN außerdem nach einem feinen Tagungsort für 50-60 VIPs, nebst Rahmen- und Damenprogramm - und werden fündig.

VIELLEICHT kann man ja abends mal ausbüchsen und das Erfurter Sommertheater aufsuchen, oder einen Schauspieler-Stadtrundgang. (Daraus wird nichts werden, denn wir kriegen einen harten Dienstplan.)

In der hinteren Reihe zu entdecken: L-IZ-Autor Karsten Pietsch.
In der hinteren Reihe zu entdecken: L-IZ-Autor Karsten Pietsch.
Foto: ETMG / Barbara Neumann
EINCHECKEN im Hotel Radisson blu, das hieß als DDR-Interhotel mal „Kosmos“. In Kopenhagen steht auch so eins, Schweden haben beide gebaut. Ob das die gelernten DDR-Bürger wussten? Aber irgendwie müssen ja die Volvo-Limousinen finanziert worden sein, die in der DDR von ausgewählten Vertretern der Arbeiter-und-Bauern-Macht gefahren werden durften.

STAMMGÄSTE haben wir, offeriert uns der Hoteldirektor Lutwin Wehr, „die uns gerade wegen der kleinen Zimmergrundrisse schätzen“, als uns jene Räume noch gar nicht als „so klein“ vorgekommen waren. Klar, nicht jeder hat zu Hause eine raumhohe Glasscheibe zwischen Dusche und Schlafzimmer und einen Vorhang, mit dem man sich bettseitig vor Durchblicken schützen kann.

FOLKLORE-TANZ zur Begrüßung! Zum siebenten Festival „Danetzare“ kommt die bunteste Jugend der Welt – u. a. aus Italien, Indien, Korea und sogar aus Deutschland – nach Erfurt. Über vier Tage sind die Tänzer viel beschäftigt, schon in Kostümen zu den Auftrittsorten unterwegs, das macht die Altstadt bunt; ach was, noch bunter, noch schöner, noch internationaler.

KURZE Wege geht man schnell, wenn man läuft. Zwar fahren Straßenbahnen quer durch die City, aber ein Spaziergang zum Domberg, das hat was. Baustellen hat die Krämerbrücke, klar irgendwo ist da immer etwas zu reparieren. Aufgehackter Putz offenbart, dass die Schwachstellen auch Klinker-Ziegel nach DIN-Format sind, mit denen man im alten Fachwerk ausgebessert hat.

Napoleon begrüßt am Ort seiner Fürstenkonferenz. In Kostüm und frankophilem Thüringisch: Andreas Pflug vom Kabarett „Arche“.
Napoleon begrüßt am Ort seiner Fürstenkonferenz. In Kostüm und frankophilem Thüringisch: Andreas Pflug vom Kabarett „Arche“.
Foto: Karsten Pietsch
IN SEVERI, wo Luther Priester wurde, gibt’s Orgelmusik, das ist ein guter Auftakt. Begrüßung von Pfarrer Michael Neudert. Zwischendurch lehnt sich der Tourismus-Chef Karl-Heinz Kindervater aufs Lesepult, und die Geschäftsführerin Dr. Carmen Hildebrandt kann von Glück reden: „Johann Sebastian Bachs Eltern sind in Erfurt getraut wurden. Stellen Sie sich vor, es wäre dazu nicht gekommen?“ Unvorstellbar. Dann sagt sie noch einmal Domorganist Silvius von Kessel an: „Ich weiß nicht, ob er jetzt Bach spielt, aber er spielt oft Bach.“ Das hat schon wieder was, das ist ehrlich. Jeden Namen von Werk und Schöpfer hätte man ihr geglaubt.

HIER geht’s nicht um Rathaus-Parolen wie „Erfurt, die selbstbewusste“, oder „die innovative“, gar „die blumige“, www.erfurt.de, aktuelle Wirtschaftsdaten, Einwohnerzahlen, Arbeitslosenquoten und Leistungsempfänger. Themen sind nicht Individual- und Kleingruppen-Tourismus mit Blickrichtung Ganz-Thüringen, wie etwa bei der Radpartie entlang der „Thüringer Städtekette“. Nicht der hallenfüllende Deutsch-Rocker und gebürtige Erfurter Thomas Hübner, genannt Clueso, wird besungen. Wer Geheimtipps fürs potenzielle Damen- und Rahmenprogramm eines Kongresses sucht, soll gefälligst in die zahlreich übergebenen Drucksachen, DVDs und USB-Sticks schauen. Und in der Landeshauptstadt Thüringens geht es schon gar nicht darum, eines Tages die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gemeinsam zu verwalten.

MAN SEHE, HÖRE, um dann zu buchen, für Kongresse, von Verkauf, Training, Tagung bis zu Messe und Parteitag. Quadratmeter, Wege, Anbieter sind die unterschwelligen Parameter. Über Geld redet keiner, seltsam.

EINST sollte auf dem Petersberg DDR-mäßig geklotzt werden, mit Hochhäusern. Erzählt eine junge Frau aus dem Hotel-Marketing. Man sähe das noch in einem Sandmännchen-Film!

Mal wieder eine Baustelle: die Krämerbrücke.
Mal wieder eine Baustelle: die Krämerbrücke.
Foto: Karsten Pietsch
IM KAISERSAAL, der schon mal abbruchreif war, serviert man Häppchen. Zwischen edlem Food liegen kleine Semmeln mit Leber- und Blutwurst. Das kommt gerade recht.

OBERBÜRGERMEISTER Andreas Bausewein spricht zuerst: „DDR-Mangel war ein guter Denkmalpfleger. Aber viel später hätte die Wende nicht kommen dürfen!“ Nach dem OBM defiliert Kaiser Napoleon ein, spricht den Stadtvater als „Herr Vinopause“ an. Von seiner Fürstenkonferenz anno 1808 erzählt er, auch vom Erfurter Programm der SPD. In der Franzosen-Uniform steckt Andreas Pflug, Kabarettist der Erfurter „Arche“. Mit bis zu 700 Leuten kann man hier feine Events abhalten. Dass Im Kaisersaal ab und an auch Techno dröhnt, erfährt man aus dem Monatsprogramm.

ZUM GOLDENEN SCHWAN wird abends zu thüringischem Büfett an den Grill geladen, zu Bratwurst, Rostbrätl und Salat. Nebst Bier oder Wein. Per Gruppenbuchung gäbe es das laut „Tagungsplaner“-Broschüre für 25 Euro pro Nase.

EINLADERIN Dr. Carmen Hildebrandt sitzt mal kurz an unserem Tisch. Locker aber korrekt, auch am späten Sommerabend. Seit 14 Jahren im Amt wird man sie getrost als Erfurter Tourismus-Mutter bezeichnen können. Über die Via Regia von Frankfurt, Erfurt nach Leipzig schwatzen wir auch.

Wer jetzt erschöpft ist, darf Pause machen. Den nächsten Tag in Erfurt gibt's gleich an dieser Stelle.

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