Leo Leu auf Reisen (8): In Braunschweig gelandet - mit Echo und Muh!
Leo Leu
31.08.2011
Wanderstempel "Hohle Eiche.
Foto: Leo Leu
Als Leo an diesem Tag erwacht, fühlt er sich selbst wie ein falling stone. Überall Beulen. Das Kreuz schmerzt. Die Füße sind tonnenschwer. Und als er sich ein bisschen bewegt, kommt der ganze Hang ins Rutschen, der Fels kippt über die Kante und drei Sekunden lang hängt Leo in der Luft. Dann schlägt er auf. Mit dem Kopf zuerst. Aber es spritzt nicht. Er ist auf seinen Wandersocken gelandet.
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"Gut geschlafen, Herr Leu? Ist das nicht ein Wetterchen? Wo geht's denn heute hin? Und wo waren Sie gestern?"
Der Wirt ist quietschfidel. Leo ächzt. Und überlegt, ob er seine Frühstücks-Croissants wieder mitnimmt ins Bett. Merkt ja keiner, wenn er heute fehlt auf den Wanderpisten im Wald. "Bodekessel", sagt er, um wenigstens eine Frage zu beantworten.
"Der schönste Wanderweg, den ich kenne", freut sich der Wirt mit ihm, dass er es geschafft hat. So als Flachlandbewohner mit Hang zu gemütlichen Cafés und ihren Betreiberinnen. "Ich mach heut nur 'ne Runde ums Haus", sagt Leo. "Heute bin ich etwas lädiert." Die letzten drei Burgen, die er so liebt, hebt er sich für den letzten Tag auf. Als Abschiedshäppchen. Wer weiß, wann er sich in der hektischen großen Stadt mal wieder loseisen kann für eine Fahrt in die Berge.
Hier braucht er nur seinen Rucksack zu schnappen, den Wanderführer und einen der sechs knorrigen Wanderstöcke, die er sich in den letzten Tagen geschnitzt hat. Und noch ehe der Wirt gemerkt hat, dass Leo verschwunden ist, steht Leo Leu wieder zufrieden unter Tannen. Halben Wegs nach Allrode. Doch da will er gar nicht hin. Er hat sich profanere Ziele gesucht heute. Eine Adlereiche zum Beispiel. Ohne Adler, dafür mit kleinem gelben Kasten. Mit Stempel drin natürlich. Aber Leo will gar nicht stempeln. Er will was sehen. Und bewundert den Baum.
Hübsch. Wie bei uns daheim. Will er jetzt unter Eichen im Rosental wandern? - Nö. Er genießt es, ganz ohne Radler, Hunde und keuchende Jogger durchs Grün zu marschieren. Bis ihn ein Radler überholt. Ganz amtlich. Und eilig.
Leute gibt's, sagt sich Leo. Und schlägt sich mal wieder ins Unterholz. Ein Schild steht da, das den nicht so Eiligen auf einen moosigen Stein hinweist. Es ist der historische Grenzstein Nummer 56 von 1844 zwischen Preußen und Braunschweig. Leo steht auf der Seite mit dem "B". Er hat gerade Preußen verlassen. Und freut sich. In jedem Sachsen steckt ein fahnenflüchtiger Preuße. Man muss nur wissen, wo der nächste Grenzstein liegt. Und dann nüschd wie weg. Und dann kann man den Werbern in Preußisch-Blau die lange Nase zeigen. Ihr könnt mich mal.
Leo wäre auch noch mit dem Bauch voller Croissants ein begabter Fahnenflüchtling. Und ist lang nicht so beschwingt durch Braunschweig gewandert. Selbst die Echowiese probiert er heute aus, als sie ihm rechterhand begegnet: "Halli!", ruft er und "Hallo!"
Es dauert ein Weilchen, aber es kommt tatsächlich von halblinks ein etwas verschlafenes Echo. So früh hat's wahrscheinlich noch nicht mit Arbeit gerechnet. Aber Leo kann nun amtlich bezeugen: Hier wohnt tatsächlich ein Echo. Falls mal einer eins braucht. Er könnte auch Echo-Tester werden, wenn ihm mal langweilig wird. Doch das wird's nicht. Der ernsthafte Radler kommt ihm gerade wieder entgegen. "Suchen Sie die Stempelstelle? Die ist gleich da hinten! Schönen Tag auch." Und vorbei ist er.
Immerhin der erste Radfahrer, den Leo in den Wäldern traf. Und nun weiß er auch, was der hier tat: Es war der amtliche Stempel-Prüfer. Der jeden Tag die Nummern kontrolliert und die Farbe im Stempelkissen. Wenn alles in Ordnung ist, schreibt er ein Protokoll und fährt zurück nach Berlin, um zu melden, dass noch alle Stempel da sind. Der Stempel ist da. Die Farbe ist türkis. Stempelstelle Nummer 57: Hohle Eiche.
Wanderstempel aus dem Tagebuch - von Leo Leu persönlich ausgemalt.
Foto: Leo Leu
Der Förster hat einen hohen Zaun gebaut um die hohle Eiche, damit sie keiner klaut. Sie ist tatsächlich hohl. Und ohne Blätter. Eine Eiche aus lauter Erinnerung. Aber groß und eindrucksvoll. Mehr steht freilich nicht da. Ob vielleicht ein König drunter saß oder ein Herr Goethe. Aber dann hieße sie wohl Goethe-Eiche. Vielleicht heißt sie nächstes Jahr auch Leo-Eiche. Er hämmert sich den netten Stempel mit der Hexe in sein Tagebuch. Damit er wenigstens seiner hübschen Bäckerin daheim zeigen kann: "Siehst du wohl? Bei der Hohlen Eiche war ich auch!"
"Ohne mich?"
Ja. Leider. Ganz ohne dich. Ich fühlte mich nur halb, meine Liebe. Das nächste Mal schnappst du dein Ränzlein und dein Puderdöschen und kommst mit.
"Aber nur bis zur Echowiese."
Meinethalben. Das wird ein schönes Echo geben. Oder zwei. Und danach sind zwei seelig. Oder vergnügt. Deswegen heißt der Bach, an dem Leo das nächste Mal seine Karte zückt, auch der Seelbach. Er huscht von hier nach da. Und dahinter schlängelt sich der Heimweg schön grün und saftig in den Wald. An dieser Stelle könnte ein müder Wanderer seine blauen Flecken, malträtierten Knochen und zerkratzten Waden ins Gespräch bringen, sich mit einem dringenden Termin entschuldigen und den bequemeren Rückweg nehmen. Aber Leo hat noch nie gekniffen, wenn es um nasse Füße und die Begegnung mit wilden Tieren ging. Die Liste der Tiere, die er eigentlich noch sehen wollte in den wilden Wäldern, ist noch lang: Weder Auerochsen noch Bären noch Gamsböcke hat er entdeckt, keine Pythons und keine Tiger. Nicht einmal Dachse und Biber. Nur Vögel aller Art, die ihn schief angucken, als er spornstreichs losmarschiert durch das grüne, grüne Gras. Und dann eiligst "Alarm!" trillern. Er kennt doch diese Biester: Wenn Leo irgendwo auftaucht, zwitschern sie den ganzen Wald zusammen. Und man hört nur noch überall eiligst alle Fensterluken und Nestklappen zuschlagen.
Und dann ist es mucksmäuschen rund um Leo. Still sowieso. Nur den Regen hört man noch rascheln. Und das matschige Knirschen, wenn unter den Füßen die Pilze aus dem Boden kriechen. Den Reim hat Leo an dieser Stelle tunlichst vermieden. Denn von Pilzen - das gibt er gerne zu - hat er keine Ahnung. Sie bringen ihn nur immer öfter zum Stolpern, je weiter er kommt. Und er kommt weit, das weiß er wohl, als er auf wackligen Steinen einmal mehr den Bach überquert und ganz ohne Schild und Karte mitten auf einer großen, grünen Wiese landet, die leise sirrt. "Hallo!", ruft er. Und bekommt auch Antwort: "Muh!"
Womit zumindest klar ist: Das, was zuletzt wie ein Weg aussah, war keiner. Aber wem erklärt man das, wenn alle Leute, die man entdecken kann, mit den Ohren wackeln, Gras kauen und hin und wieder zufrieden brüllen, weil ein Kleeblatt dabei war?
"Suchste mir ein Vierblättriges, mein Süßer?", wispert die süße Bäckerin in seinem Ohr. - Aber ich hab mich doch ein bisschen verlaufen. - "Richtig doll?" - Ein bisschen wenigstens. Jedenfalls gibt's hier keine Schilder mehr. - "Mach dir nix draus. Such mir ein Kleeblatt, und dann einfach immer gradeaus. Wirste sehen. Irgendwann triffste immer so'n altes Weiblein, und die fragste dann nach dem Weg."
Ein junges Weiblein wär mir lieber.
"Doof biste. Die jungen haben keine Ahnung. Die alten musste fragen. Mit den jungen verläufst du dich nur immer weiter."
Und dann?
"Dann musste Alimente zahlen. Weißt doch, wie das geht, Dummkopf."
Er sagt nicht "Ja, aber ...", sondern sieht ein und stiefelt los. In den Klee. Und wenn die Leute auf der Wiese sich das richtig gemerkt haben, war es das letzte Mal, dass sie ihn gesehen haben. Was nicht viel heißen muss, wenn der Tag lang ist und die Wiese grün.
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