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Leo Leu auf Reisen (6): Kawenzmänner, Hexen und einen Moment mal wie Bodo

Leo Leu
Aus Leo Leus Wandertagebuch.
Aus Leo Leus Wandertagebuch.
Zeichnung: Leo Leu
Leo, beschwingten Schrittes, begegnet keinem fallenden Rock. Würde er ja gern. Aber die Zeit, als kühne Brunhilden auf Pferden über das Bodetal sprangen, sind wohl vorbei. Seit 1818, wie seine Wanderkarte verrät. Ohne die tut er seit Tagen keinen Schritt. Er will wissen, wie das alles heißt. Wilhelmsblick. Aber das ist woanders. Da drüben irgendwo. Zwischen Bäumen. Und Bäumen. Und Bäumen.

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Das ist das Schöne bei den Blicken hier oben: Man erwartet immer was. Weil man nichts wirklich sieht. Einen fallenden Rock zum Beispiel. Oder einen Spaziergänger auf Stöckelschuhen, der einem auf hessisch erklärt: Das ist der Goethe-Blick.

Aha. Ist es wohl gar nicht. Aber wer durch Deutschland wandert, ist überall in Gefahr, mit einem Schild erleuchtet zu werden: Goethe war hier. Hat seinen Diener sich beugen lassen und auf seinem Rücken ins Tagebuch geschrieben: "Habe mich den x-ten oben auf einem wunderlichen Felsen über dem Tal der lieblichen Bode gar köstlich an den Schönheiten der hiesigen Landschaft gelabt. - Beglaubigt von Oberjägermeister Karl Wilhelm von Trunschke. - Goethe."

Leo labt sich an einem hübschen Croissant und genießt den warmen Stein unterm Allerwertesten. Hier könnte er stundenlang sitzen und schauen. Alles ist Grün. Und das knorbelige Bäumchen, unter dem er sitzt, hat keinen Namen. Nichts hat hier einen Namen. Da, wo bisher große Schilder standen, die dem wissbegierigen Leo alles erklärten, stehen jetzt Nummern: "Schauen Sie jetzt in ihren Bodetal-Wanderführer. Ziffer 22."

Er könnte jetzt zurücklaufen bis zum Schilderbaum in Treseburg. Da war die Wandererinformation. Und da haben sie bestimmt auch den Bodetalwanderführer in Stapeln liegen. Doch das lässt er sein. Er ist ja nicht hier, um stapelweise Wanderführer zu kaufen. Hätten sie fesche Wanderführerinnen im Angebot, tät er sich's ja überlegen.

"Leo!"

Ich hab den Konjunktiv verwendet, meine Liebe.

"Du und Dein Konjunktiv. Da werd ich misstrauisch."

Dafür gibt es keinen Grund. Ich bin allerbravst, stellt Leo fest, bürstet seine Hose von Krümeln frei und schaut in den kleinen Kasten neben der "22". Vielleicht liegt ja ein angeketteter Wanderführer drin. Liegt aber nicht. Liegt nur ein Stempel mit einer Hexe. Eine Telefonnummer. Und die stolze Einladung, sich am Wandern um die Harzwandernadel zu bewerben. Indem man stempeln geht.

Oha, sagt sich Leo. Und wundert sich gar nicht. Solche Späße hat er auch in L. schon gehört. Die Stempelkästen sind ein - oha! - Projekt der hiesigen Arbeitsagentur. Da bekommt das Stempelngehen ganz neue Höhen und Tiefen - und Aussichten. Fast erwartet er lauter fleißige Leutchen in moosgrüner Uniform, die vor ihm den Waldweg fegen.

Natürlich trifft er keine. Auch keine Stempler. Wanderer schon gar nicht. Das ganze Tal gehört ihm ganz allein. Nicht einmal Rocks fallen. Und wenn er die Bode sehen will, muss er den Hang hinunter kullern. Was er auch tut. Wie kann man durchs Bodetal wandern und macht sich nicht mal die Schuhspitzen nass? - Zufrieden landet er auf einer Sandbank mitten im Strudeln und Fluten und Sprudeln. Mitten im Fluss.

Ein Viertelstündchen lang spielt er Fels in der Brandung. Auch wenn nichts brandet. Es gurgelt nur. Verschluckt sich ab und zu und gurgelt weiter. Und auch hier keine falling rocks. Was soll's. Als er zum Weg zurückklettert, staubt es nur ordentlich. Und oben muss er sich wieder abputzen. Man will ja als ordentlicher Mensch zu den Sehenswürdigkeiten schreiten, die noch weit unter ihm liegen, weit vorn. Nach 97 Biegungen und Abstiegen und Aufstiegen. Und manchmal sieht er das Flüsschen wieder, wie es sich linkerhand zu Thale schummelt.

Aus Leo Leus Wandertagebuch.
Aus Leo Leus Wandertagebuch.
Zeichnung: Leo Leu

Und damit der Wanderer was lernt, stehen an jedem Kilometer große Tafeln zum was Lernen. Über Fische und Vögel und Käfer und Bäume. - Aha, sagt Leo. Er würde jetzt lieber was über falling rocks erfahren, wie schnell sie sind und wie schwer und wieviele Wanderer sie schon erschlagen haben. Doch die rocks sind scheu. Sie fallen nur außerhalb der Öffnungszeiten, wie es scheint. Dann und wann liegt einer ermattet mitten auf dem Weg. Zum Bestaunen. Ordentliche Kawenzmänner, wie der Fachmann feststellt. Manche haben schon Moos angesetzt. Manche haben den Weg zum Umweg gezwungen.

Manchmal kann Leo auch draufsteigen und Ausschau halten nach dem nächsten Kawenzmann. Und dem nächsten und dem übernächsten. Irgendwann besteht der Weg nur noch aus Kawenzmännern. Und rechterhand steht ein ganzes Heer von Kawenzmännern Schlange, um sich auf den Weg stürzen zu dürfen. Aber erst nachher, wenn keiner mehr zuguckt.

Einmal sprintet Leo schnell wieder zurück, weil er ein Knacken gehört hat.

Aber die Kawenzmänner tun so, als hätte sich keiner gerührt. Keiner regt sich. Keiner rollt. Rocken will auch keiner. Bis Leo enttäuscht weiterzieht.

Ein Knacken.

Ihr könnt mich mal, murrt er. Er mag keine rocks, die nicht fallen, wenn er zugucken kann. Heimlich rocken kann ja jeder. Vielleicht steht ja im Bodetal-Wanderführer, wann man mal einen rock beim Fallen sehen kann. Mit Treffpunkt und Uhrzeit. Er jedenfalls sieht keinen. Trifft nur ein paar genauso verwirrte Leute dort, wo der Kraxelpfad zum Wasserfall beginnen soll. Eigentlich Hexenstieg genannt. Weil Männer Phantasie haben und sich gut vorstellen können, wie flotte Hexen mit geschürzten Röcken solche steinigen Pfade hinaufjauchzen, wenn oben Tanz angesagt ist. Am Wasserfall vorbei führt der Stieg zum Tanzplatz der Hexen. Nur derzeit nicht. Ein paar rocks haben sich dort ausgetobt. So sieht der Stieg nun auch aus. Nichts für übermütige Städter, wie Leo sieht.

Ein ratloses Hexlein sieht er.

"Und du wolltest brav sein?"

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Natürlich wollte ich brav sein. Schon immer, sagt Leo. Und zwinkert dem Hexlein zu, denn das ist sichtlich sauer. Aber auch stolz, weil es jetzt allein läuft. Ohne Mama und Papa Hex. Die trifft Leo fünf Minütchen später. Man grüßt sich. Aber das kennt er auch aus L. In der kühlen Waldluft hängt noch das Knistern elterlicher Verstimmung. Man sieht das den armen Hexeneltern immer schon an, dass ihre Zaubersprüche wieder nicht funktioniert haben. Papa hat Denkerfalten auf der Stirn. Und Mama ist ein freundlicher Vorwurf: Dieses Kind!

Das Kind aber hat Leo angeschaut, als hieße er Bodo. Da stört ihn das Grimmen der Hexeneltern nicht, als er sie trifft. Er grüßt. Schwenkt den Hut, den er nicht hat, und fühlt sich wie König Bodo beim Schreiten talab. Denn noch Schöneres liegt vor ihm. Vielleicht sogar noch ein paar Hexen.

Hexlein, wiederholt er. Doch seine kleine Bäckerin meldet sich nicht. Vielleicht schmollt sie jetzt wirklich.

Schnuckiputz, sagt er.

Sie schweigt.

Wer ihn da sah, beim Weiterwandern, sah einen etwas weniger stolzen Königssohn. So wie Bodos eben aussehen, wenn sie ganz schnell mal telefonieren müssen. Und auf den nächsten 5 Kilometern kommt garantiert keine Telefonzelle mehr.

www.bodetal.de

www.harzer-wandernadel.de


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