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Leo Leu auf Reisen (7): Kein Brunhildensprung, keine Jungfern, kein Croissant

Leo Leu
Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ
Geht's nun bergab mit unserm Leo? Ist er geknickt? - Ein bisschen schon. Wenn er unten im Thale anlangt, muss er eine Postkarte schreiben an seine Bäckerin: Allerherzigstes Schnuckiputz! Das Tal ist hübsch. Aber Croissants gibt's hier keine und auch keinen Kaffee. Du fehlst mir zum Zufriedensein. - Achje, seufzt er. Und muss sich ducken. Er hat die Region der "Falling Rocks!" verlassen. Hier unten regnet's Bäume.

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Manche liegen als Triumphbogen überm Weg. Einer steht mittendrauf. - Mitsamt Wurzel. Zeit für Herrn Leu aus L., den Kopf einzuziehen und sich einzureihen. Denn jetzt begegnet er den Menschenscharen, die er so vermisst hat. Menschen scharen sich da, wo's was zu sehen gibt. Kostenlos und gratis. Und ganz ohne Geld. Leo ist im Bodekessel angelangt. Da, wo sich das Flüsschen zwischen steilen Felsen hindurchmogelt ganz unten. Deswegen hängt hier das Geländer gleich überm Abgrund. Das gefällt Leo. So schön gruselig.

Ganz, ganz unten schäumt und dröhnt das Wasser, mal schwarz, mal braun, mal rostigrot. Der Platz am Geländer wird knapp, die Worte noch knapper: "Uijuijui!" - "Mannomann!" - "Donnerwetter!" Einen Kilometer weiter weiß Leo, dass von der ganzen schwärmerischen deutschen Romantik tatsächlich nicht mehr übrig geblieben ist. Bis auf das gelegentliche: "Hastes?" Denn wer bis hierher gewandert ist, braucht sein Abbild für die Ewigkeit, wer weiß, ob er jemals wieder die Strapazen auf sich nimmt. Auch wenn der Weg vom unteren Ende her kürzer ist. Dafür steiler, steiniger und "Ächz!" und "Mein Kreuz!"

Da muss Leo nicht nur den "Hastes?" ausweichen, sondern auch den "Ich kann nicht mehr!"

Dabei sind sie ja oben, brauchen nur noch schauen, staunen, Bilder machen. Von der Rosstrappe, die nur hier so aussieht, wie sie aussehen muss, damit ein Märchen draus wird. Hier steht sie mitten im Tal und ein ganzes Geländer voller Wandermüder wartet auf den großen Auftritt von Brunhilde. "Da steht einer! Siehst du?"

Doch keiner spingt. Die Sensation bleibt auch heute aus. Vielleicht, weil alle Brunhilden heute rechts und links von Leo stehen. Sie sehen entsprechend historisch aus. Oder mythisch, wie das da unten im Thale heißt. Wo er jetzt hin muss. Er hat gesehen, was zu sehen war. Und kann jetzt allen, die ihm auf der steilen Felstreppe begegnen, ermutigend zurufen: "Heute springt sie nicht. Könnt wieder umkehren."

Unten an der Treppe hat er viele Begleiter. Und denen, die noch da stehen und verzweifelt in die Höh' schauen, kann er erst recht Mut machen: "Ist viel zu steil. Lohnt sich einfach nicht."

"Ein Glück, dass Sie das gesagt haben." Die Leute sind erleichtert. Warum nicht gleich so? Warum nicht ein großes, schönes Schild, auf dem für alle Spätromantiker steht: "Nur schwindelfrei zum Aussichtspunkt! Wer nicht trainiert hat, sollte hier umkehren. Jetzt. Gleich."

Dann wäre die Treppe zumindest nicht so verstopft zur Mittagszeit. Und Leo hätte erleichterte Gesellschaft auf der niegelnagelneuen Teufelsbrücke, die hier die Schlucht überspannt. Unten ist natürlich Wasser. Schön schwarz. Anheimelnd, denkt er. "Mich schaudert's", flüstert das Stimmchen in seinem Ohr. "Musst du aufpassen, dass ich falle. Da unten bin ich Mus. Halt mich fest, mein Leolein."

Macht er. Zumindest in Gedanken. Er würde ja nie behaupten, dass ihn derlei Tiefen und Abgründe beeindrucken könnten. Darüber ist er hinweg, seit er mal vom 1-Meter-Brett gesprungen ist. Wird er nie wieder tun. Wird auch keinem verraten, dass in seinem Rucksack auch eine schöne schwere Schwarte Tieck steckt. Hilft zwar nicht mehr beim Gruseln. Aber beim Einschlafen. Und als Gegengewicht zu vielen Croissants. So kann er nicht unverhofft vornüber stürzen.

"Pass auf dir auf, mein Lieber."

Macht er. Auch wenn er sich hübsch festhält beim Überschreiten der Brücke. Warum heißt sie sonst Teufelsbrücke?

Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ

Drüben auf der anderen Seite wäre jetzt eigentlich der Kletterweg rauf zur Rosstrappe. Aber hier gab's kürzlich ein Treffen von falling rocks. Der Weg ist gesperrt. Waldpolizeilich. "Bitte benutzen Sie den letzten Abzweig links." Leo pfeift sich eins. Denn das Schild interessiert ihn eigentlich gar nicht. Das daneben aber sehr: Noch 50 Schritte bis zum nächsten Glas Bier. "Königsruhe" heißt das Plätzchen. Aber diesmal ist es nicht der Olle Fritz, der hier seinen Rappen zügelte und majestätisch durchs Fernglas äugte. Diesmal hatte der Wirt die Idee, einen von den gar nicht berühmten Preußenkönigen zu ehren. 1995 - zum 200. Geburtstag Wilhelms IV. habe er sein Gasthaus deswegen so genannt, steht auf der Tafel. Und da Leo hier einkehrt und sich und sieben kessen Wespen auftafeln lässt, hat er Zeit, darüber nachzudenken, warum man "einen der 100 schönsten Freisitze" am Jungfernstieg "Königsruhe" nennen kann.

Entweder war die Jungfer schon alt. Dann kann der König keine Ruhe gefunden haben. Oder sie war nagelneu. Dann hätte er zumindest unruhig sein müssen.

Könige sind Leo ein Rätsel.

Aber vielleicht ist der Grund die große Steintafel 100 Meter weiter. Angebracht vom Thalenser Kulturbund zum 200. Geburtstag von Goethe. Kein Wunder, dass der König ins Tal hinein geflüchtet ist, um seine Ruhe zu finden. Während Herr G. seinen Diener niederknieen ließ, um höchstinspiriert zu schreiben: "War angenehm beeindruckt von der gewaltigen Erhabenheit der Natur im wilden Thal der Bode. Gesehen und notiert den xten anno domini. Bestätigt: Oberforstamtsverwalter Friedrich Schnuck zu Heidenberg. G." Oder so ähnlich. Fehlte nur noch eine Goethe-Bank mit Goethe-Blick und einem Verkaufsstand für Original Thüringer Würste.

Man sieht einen grimmigen Leo zu Thale eilen. Es gibt Dinge, die lassen ihn unweigerlich "Sauerkraut!" denken. Auch wenn er's für gewöhnlich gern isst. An eher ungeweihten Orten.

Er ist wieder im Thale. Findet einen Brauseverkauf. Einen Bockwurstverkauf und einen Losverkauf. Aber keinen für Ansichtskarten. Über ihm schwirren die Gondeln der Schwebebahn: Ein keckes Stimmchen ruft ihm was zu. Das Gesichtchen dazu kommt ihm beinah bekannt vor. Wie ein Hexchen vom Tanzplatz.

"Leo!"

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Hätte er nicht seine besorgte Bäckerin immer dabei, er könnte versehentlich auf Abwege geraten. Vielleicht galt das Winken auch nicht ihm. Er winkt trotzdem schüchtern zurück. Und bekommt ein "Juju!" dafür.

Und ein "Leo!!"

Und beinah hätte er sich jetzt eine Fahrkarte für die Gondel gekauft. Aber wer auf Abwege kommen will, sollte es zu Fuß tun, findet er. Und marschiert jetzt alles, was er heruntermarschiert ist, wieder hinauf. Wohl wissend: Am Ende aller Pfade gibt es immer eine Tasse Kaffee. Und wenn man Glück hat, auch ein Croissant. Aber nicht immer eine Bäckerin.


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