Leo Leu auf Reisen (1): Hinauf in die blauen Berge
Leo Leu
24.08.2011
Leo Leu.
Jedes Jahr, wenn die Sonne fleißig ist, bekommt auch Herr Leo Leu aus Leipzig den Rappel. Dann kann er keine Baukräne mehr sehen, keine verbissenen Hausmeister, die den Rasen quälen, und auch nicht die immer gleiche Blondine an der Kasse. Auch wenn sie nett ist: "Zehn Paar Wollsocken, Herr Leu? Wo soll's denn hingehen? Nach Grönland?" - "Nur ins Grüne", sagt Herr Leu. Und wird rot um die Nase. Wie jedes Jahr.
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Denn er will Grünes sehen, das sich türmt und bergt. Er will Moos sehen und vielleicht einen Hirsch. Herr Leu packt sich einen gewaltigen Koffer voll mit den Dingen, die ein Bewohner der Zivilisation braucht für den Ausflug ins Wilde, poliert seine Ins-Wilde-Wander-Schuhe und sucht den Knotenstock vom letzten Abenteuer in der Schweiz. Auch wenn's nur die sächsische war.
Diesmal treibt es ihn westwärts. Ins Land der Hexen. Das weiß er nur noch nicht. Er will nur in die Berge. Deswegen nimmt er den grünen Rucksack mit. Und fragt seine Lieblings-Bäckerin beim morgendlichen Kaffeeplausch, ob sie mitkommt. "Aber gern", sagt sie, "Herr Leu. Wohin soll denn die Reise gehen?"
Als sie erfährt, dass es ins Grüne geht, blitzen ihre Augen. Ob auch Blaues da ist, fragt sie. - "Hin und wieder", sagt Leu. Und Rotes, Gelbes und vielleicht ein bisschen Weißes? Mit Rauschen dran. - "Nein, nicht ans Meer. Eher in die Höhe, Sie wissen schon, Mademoiselle. Dort, wo man an Bächen stehen kann und lauschen. Oder auf herrlichen Punkten zum Aussichten ..." - Da sagt sie: "Nein." Und schmollt. Sie hat zarte Füße.
Das versteht Leo Leu. Und fährt allein. Mit der Dampflok.
Wenn's nur ginge.
Aber die Zeiten, als er mit der Dampflok in die Berge fuhr, sind ein Weilchen her. Er überzeugt sich trotzdem, ob vorn ein Zugfahrer sitzt, der weiß, wo es lang geht. Kürzlich hat's einer nicht gewusst. Da landete Herr Leu in Wurzen.
Diesmal fährt der Zug wohl in die richtige Richtung. Lamas sieht er, Alpakas und Pferde. Schneller, als er dachte. Auf dem Schild steht "Amerika". Nein. Da hat er sich verlesen. Es war etwas Anderes mit A. Er ist schon im Ausland. Die Dörfer rechts und links sehen alle ein wenig anders grimmig aus als die Dörfer dort, wo er herkommt. Vielleicht durch die großen Räder für den Wind, die ihre Nase in die Sonne halten. Wind ist nur ein bisschen.
"Was fürn schöner Ausflug, lieber Leu", sagt er sich. Und vermisst seine Bäckerin. Das hätte ihr gefallen.
Der Wagen schaukelt. Der Zug fährt Kurven. Denn hier geht es längst schon sachte bergauf. Nur Berge sieht er nicht. Er sitzt in der falschen Kurve und das Kontrollpersonal kommt amtlich durch den Gang geschwankt, will die großen Zettel sehen, die zum Benutzen des Zuges in die Berge berechtigen. Hat Leo Leu sich einen Zettel gekauft? - Er hat. Zuerst hat er sich einen kleinen Zettel besorgt aus dem Automaten. Er war diesmal die Nummer 882. Als eine "882" auf der Anzeigetafel leuchtete, durfte er bei einer netten Person den großen Berechtigungszettel erwerben für die Reise ins Blaue.
„Sind wir auch pünktlich dort, im Blauen?“, fragt er besorgt die schwankende Kontrolleurin. Vorhin am Bahnhof hatte man noch durchgesagt, eine Weiche sei defekt. Wer weiß: So etwas kann dauern heutzutage. Weichen sind so sensibel.
Leo Leu ist es eigentlich nicht. Fragt trotzdem. Weil sich das so gehört. Und erntet ein spöttisches Lächeln: „Woher soll ich das wissen? Ich bin nur von der Bahn.“ Was wohl heißen soll: Wäre ich eine Wunschelfe, könnte ich vielleicht. Deshalb schwankt sie weiter, um auch den anderen Mitreisenden die notwendige Auskunft zu geben. Da wissen dann alle, dass sie im richtigen Zug sitzen.
Leo Leu.
Foto: privat
Ein blauer Streif ist am Horizont. Das ist der Berg. Leo Leu seufzt. "Nu seufz doch nicht", sagt die kesse Bäckerin in seinem Nacken. Vielleicht hätte er sie doch vorher gleich heiraten sollen. Dann hätte sie zwar Widerworte brauchen dürfen. Aber mitkommen müssen. Alleinst wandert es sich nicht so schön auf den Bergen. Alleinst hat man trotzdem einen großen Koffer und einen schweren Rucksack. "Was hastn da drin", fragt ihn sein kleines Bäckeringewissen. "Vielleicht lauter Steine?"
Bin ich ein Wolf, schnauft er. Und schleppt alles zur Tür. Denn er ist da. Beinah. Die Berge sind schon erkennbar. Ein Bahnhof spielt Große Welt. Vier Brünnlein plätschern. Die Droschkenkutscher warten. "In die Berge", brüllt Leo Leu über den Platz. Und ihm wird geholfen. Beim Verstauen seines Reisegepäcks. Denn jetzt geht es hinauf.
"Sie reisen allein", versucht sich der Droschkenkutscher in Hochdeutsch.
"Aber immer", sagt Leu, bindet sich an auf dem Sitz neben dem Kutscher und hat nur noch große Augen für Landschaft. Die gibt's hier reichlich. Er kann gar nicht alles auf einmal sehen. Grün, Blau und Gelb.
"Ihre Verehrteste ist wohl verhindert?", versucht es der Kutscher noch einmal.
"Darüber reden wir jetzt nicht. Jetzt ist Urlaub", erwidert Leu. Und lenkt das Thema lieber auf Hasen, Rehe und Wildschweine.
"Nie gesehen", sagt der Kutscher. "Manchmal ein Wiesel. Oder ein Igel. Einmal eine Katze. Das macht Krabumm am Kühler und dann weißte wieder: Jetzt haste wieder so'ne arme dumme Kreatur erwischt. Tut mir auch jedes Mal leid."
"Sie fahren aber auch höllisch flott."
Der Kutscher nimmt den Fuß vom Gas. So schlängelt es sich schöner hinauf in die Berge. Bäume rechts, Bäume links. So vollständig sind in der großen Stadt die Wälder nicht. Und so lang. Und so hoch sowieso nicht.
"Das ist es wohl", vermutet der Kutscher, als er sein Gefährt vor der gebuchten Pension zum Stehen bringt. Viel zu früh. Leo ist eigentlich noch immer beim Ankommen. Irgendwo unterwegs. Nur sein Magen ist schon da und freut sich, weil die Nase was riecht: frische Croissants und Kaffee. Fast hätte er sich umgeschaut, wer auf der Hinterbank der Kutsche sitzt und leise kichert. Aber er tut's nicht. Er wird ihr eine Postkarte schreiben. Gleich, wenn er richtig angekommen ist.
Er zahlt und packt aus und bestellt sich erst einmal einen Kaffee. Hoffen darf man ja. Der Himmel ist so blau wie anderswo nicht. Und als die Kutsche knatternd davonfährt, merkt er, wie sein großes Herz ihn hier einholt. Ein bisschen außer Atem. Sein Herz ist nicht mehr immer so schnell wie seine Füße. Er schaut über seine Tasse über eine große Wiese mit Blumen. Gelbe, weiße, violette.
"Ich bin da", sagt er zum Wirt, der ihm ein Zimmer aussucht. Eines mit Schwalben davor. "Die gibt es derzeit gratis dazu", sagt der Wirt. Und schenkt Kaffee nach. Jetzt ist Urlaub, denkt sich Herr Leu, als er die erste Schwalbe sieht. Und den ersten weißen Fleck auf seinem Rucksack. So schnell geht das.
"Na nun aber", sagt ein kesses Stimmchen in seinem linken Ohr. "Wer wird denn seinen Urlaub verplempern?"
Er hätte das eigentlich nicht erwartet. Aber auch das geht schnell. Der Koffer blieb allein zurück neben der leeren Tasse. Fern sah man den etwas fülligen Großstädter ausschreiten in seinen blankgeputzten Schuhen. Quer über die Wiese.
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