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Leo Leu auf Reisen (2): Auf dem Weg zu den tanzenden Hexen

Leo Leu
Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ
Wohin läuft einer, der aus seiner trauten Umgebung blaue, gelbe und grüne Schilder kennt, auf denen steht, wohin er geht? - Er sucht auch in den Bergen den Schilderbaum. Der steht dort, wo die Mitte von Allem ist - von Himmel, Straße, Wald und Wiese. Jetzt weiß er endlich, wo er gelandet ist. Leo Leu wischt sich den ersten Schweißtropfen von der Stirn. Der Wald steht ihm offen.

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Will er schon weg? - Noch wärmt der Kaffee seinen Bauch. Noch ist Zivilisation. Der Wegweiser zeigt nach Nord und West und Ost. Im Süden steht das älteste Gasthaus des Ortes. Und wenn das Schild nicht trügt - und welches Schild hat sich noch nie geirrt? - dann war es König Friedrich Nummer Zwo persönlich, der hier die Zapfanlage weihte. Leo Leu ist in Preußen gelandet - und hat's nicht gewusst. Kein Grenzer hat ihn aufmerksam gemacht. Kein strammer Kerl steht Schildwache vor dem Gasthaus von 1775, in dem es Schnitzel gibt. Ganz unpreußisch.

Es ist ein Trost, denkt Leos Bauch. Hier braucht er nicht zu darben. Knallt die Hacken zusammen und marschiert in den Wald. Gibt sich selbst den Befehl: 4,9 Kilometer geradeaus. Von Friedrichs Gasthaus in Friedrichsbrunn nach Thale. Früher, als Leo mal jünger war, war das ein verschwiegenes Örtchen. Berühmt für seine Töpfe.

Braucht Leo einen neuen Topf? - Eigentlich nicht. Aber ein Haarschnitt täte gut. Denn schon schwitzt er, noch ehe er den nächsten Schilderpfahl erreicht hat, der ihn über seine kühnen Pläne tröstet. Von hier aus sind es jetzt 5,9 Kilometer. Soll er umkehren? Nein. Er macht es, wie es Sachsen auf Umwegen immer machen: Er wirft sich in die Brust und marschiert dem neuen Weg hinterher, stolpert drei mal über die eigenen Füße, merkt sich das nächste Gasthaus. Vielleicht ist er ja gleich wieder hier. Er hat schon so Manches gehört von Wäldern und darin Verirrten.

Er wandert stracks zum nächsten Schilderpfahl, der ihn kühn in die Tannen weist: Jetzt sind es noch 6 Kilometer. So kommt man voran. Auch wenn es - hoppla - erst einmal ins Tiefe geht. Oben steht Leo und schwindelt ein bisschen. Solche Höhen ist er aus seiner Mansarde nicht gewohnt. So ganz ohne Geländer. Nur Schmetterlinge und Kräuter aller Art. Nur die Kräuter, die er kennt, sind nicht dabei. Er hält seine Nase ins Kraut und riecht: Abgründe.

Also geht er weiter. Nun doch etwas strackser als zuvor. Und fühlt sich ein bisschen wie Alice hinter den Spiegeln. Er hält nach Märzhasen und Königinnen Ausschau. Und landet tief unten im Tal an einer Taubentränke. Die erste Waldhütte ist da, spitz wie alle Waldhütten hier. Und das Schild erklärt ihm, dass er jetzt auf einer uralten Kohlestraße steht. Mitten im Wald.

Er schafft den Anstieg mit Leichtigkeit. Wer wird sich denn von Kohlenstraßen einschüchtern lassen? - Oben klebt ihm das Hemd auf dem Rücken. Also krempelt er Hemd- und Hosenbeine hoch. Knöpft drei Westenknöpfe auf und steckt die Jacke in den Rucksack. Zu den Büchern, die er vorsorglich mitgenommen hat. Eines über Hirsche und Rehe. Eines über Bergwiesenblumen. Eines über alte Gewerbe. Und noch sieben andere. Im Wald kann man sich keine Bücher kaufen, wenn man welche braucht. Und Telefone stehen auch nicht an den Kreuzungen. Nur kryptische Zeichen, Kreise und Striche und Kreuze.

Leo schreitet fürbass. Das Wort steht in seinem Lieblingsbuch. Er hat es dick unterstrichen. Er liebt Worte, die noch Charakter haben. Liebchen, zum Beispiel.

Die schöne Bäckerin hätte sich gefreut über das Stück Weg, das er abschreitet, als gäb's hier einen Buchladen neben dem anderen. Him-, Hum- und Brummbären gibt es hier. Stiel-, Klapper- und Spießeichen. Eine Polterbuche, Lärchen, Birken und drei Bäume, von denen er gar nichts weiß. "Tschuldigung", sagt er. Und fühlt sich beschämt wie in der Biologiestunde damals, als der Lehrer von ihm zehn Laubbäume wissen wollte. Drei hat er gewusst, sieben hat er erfunden.

Er hat noch heute viel Phantasie. Warum soll ein Baum nicht Spilleresche heißen? Oder Sonstwiestrauch? - Im Sonstwiestrauch sitzen drei Vögel aus exotischen Fernen. Nie gesehen. Nie gehört. Leo steht und lauscht und fühlt sich pudel. Genau so hat er sich das vorgestellt. Klug und belesen mitten im Gesträuch. Und einer hübschen Bäckerin mit rundem Mund erklärend, warum die Spillerbäume so heißen und so aussehen. Ihm wäre schon was eingefallen.

"Oh", sagt ein Stimmchen in seinem Nacken. "Woher du dass nu allens weißt! Ich bewundere dir!"

"Dich!", korrigiert er.

"Das sowieso. Nu aber stracks, mein Lieber. Da ist der Weg."

Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ

Und er schreitet weiter. Beruhigt durch den nächsten Schilderbaum. Der in alle Richtungen zeigt. Und das Schild für ihn selbst sagt: Gleich hinter diesem Wald da tanzen die Hexen. - Aber nichts wie hin, denkt er. Und bringt einen wilden Reiter zum Fluchen, der hart in die Bremsen treten muss. Denn nicht jeder Weg im Wald ist ein Waldweg. Mancher ist auch eine hübsche Straße. Beinah wäre Leo Leu ein überfahrener Hirsch gewesen. Der Schreck sitzt ihm in den Knochen.

"Hab dir nicht so", kichert das Stimmchen. "Hupe lieber. Das nächste Mal."

Im Wald braucht er nicht zu hupen. Er hört nur sich, so gewaltig schreitet er hin. Er will was sehen. Und sieht nur Stämme und Nadelzotten, grüne Pfützen und blaue Gräser und einen erschöpften Käfer vor seinen Füßen. Jetzt ist er es, der bremsen muss. "Kannst nicht hupen, du Hornkäfer", schnaubt er. Nun ist es raus. Ein Mannsbild hat keine Angst in den Wäldern. Nicht eins wie er.

Und am nächsten Schild steht, dass er wieder retour gelaufen ist. Ein Kilometer ist verschwunden. Wohin nur? - Dafür steht ein frischgebackenes Waldstück da und riecht nach Brot. Und knistert und summt - ist er nicht ganz allein auf dem verschwundenen Kilometer. Hinter dem unverhofft noch einer kommt.

"Siehst du", hört er seine emsige Bäckerin. Selbst wenn sie nicht da ist, foppt sie ihn. "Son große starke Kerl muss keine Angst haben. Nur vor den Hexen."

Aber die will er sehen. Nicht nur Schmetterlinge aller Art, die mit ihm wandern, weil sie so ein schnaufendes großes Tier hier lange nicht gesehen haben. Er merkt schon, wie sie sich was erzählen. Er kann sich auch vorstellen, was.

Er kann sich viel vorstellen. Und ignoriert den nächsten Schilderbaum. Der ihn prompt zur Ordnung mahnt. "Falscher Weg, Kumpel." Aber der Weg gefällt ihm eigentlich. Er geht trotzdem den anderen. Über Stock und Stein. Hier waren die Wildschweine am Werk. Rot und Gelb haben sie ihre Zeichen hinterlassen an den umgestürzten Baumstämmen. Ein Kubikmeter, zwei. Leo wringt sein Taschentuch aus. Ringsum summt es. Wenn er nicht gleich die Hexen sieht, will er umkehren. Auch ohne Kaffee und Lesepause. Er hat jetzt hundert neue Kräuter und Blumen entdeckt. Aber ihm fehlen die Namen.

Tiere hat er keine gesehen. Das fällt ihm erst auf, als er ein großes Schild findet. "Tierpark." Jetzt weiß er warum. Und ist froh. Sonst hätte er sich ja nachträglich fürchten müssen. Aber alles ist gut. Auch die bissigen Störche haben sie ordentlich in einen Käfig gesperrt, wo sie kein Unheil an müden Wanderern anrichten können. Leo zeigt ihnen eine Nase und hat so einen Ton im Ohr. So ein Sausen. Irgendwo dahinten tanzen ein paar Hexen.

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"Schäm dich", sagt ihm eine im Ohr. Er ignoriert es. Hättest ja mitkommen können, denkt er. Das andere denkt er nicht. Sie merkt's trotzdem. Er merkt, wie sie sich einschmollt. Und ist, eh er es gedacht hätte, in der Zwickmühle. Zwischen Neugier und Anständigsein. Aber kehren andere Brave auch einfach um, wenn das Schild "Hexentanzplatz" auftaucht? Fragt er sich. Und geht weiter.

"Mistkerl", sagt was in seinem Ohr. Und fast hört er, wie sie die Arme verschränkt.

Soll er tatsächlich allein da hin gehen? Wer weiß, was passiert. Aber warum geht man sonst los, wenn nichts passiert, fragt sich Leo. - Und weil niemand antwortet auf seine berechtigte Frage, geht er weiter. Nur ein paar Schritte. Dann weiß er's.

Hören kann er's schon.


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