Hat er tatsächlich nackte Damen erwartet, die hier mit Freudenschreien im Steinkranz tanzen? Hoffen darf man ja. Die Wirklichkeit ist meistens etwas - weniger teuflisch. Mehr mächtig und gewaltig. Leo bekommt, kaum dass er den schützenden Wald verlassen hat, ein Déjavu. Schlank ist er ja selbst nicht mehr. Aber in Leipzig meidet er die Petersstraße schon lange.
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Weil er weiß, dass weiße Brötchen mit Boulette drin und Alibi-Tomatenscheibe nicht schlanker machen. Nun steht er mitten auf der Petersstraße und fühlt sich wie unter Walfischen. Getanzt wird hier nicht. Nur geschnauft, gestöhnt und fotografiert. Direkt vor der freizügigen Hexe. Die sitzt auf dem Felsbrocken und gelüstet die männlichen Reisenden an, die knipsen und posieren, dass es eine Freude ist. Freizügig, sagt der Wanderführer, sitzt sie da oben. So wie sich das gehört, seit das Volk eine üppigere Phantasie hat. So eine Hexe wünscht sich wohl mancher: jung, fesch, erfrischend.
Und daneben ein frivoler Teufel. Davor platzieren sich, Leo hätt's fast gedacht, die älteren Mädels in ihren gespannten Trikots. Münder wie Sahnetörtchen. Zum Anbeißen.
Leo wird schnurstracks zum Vegetarier und versucht sich einen Weg zu bahnen durch die fotogenen Mengen. Ein wenig inwendigst enttäuscht. Hätte dieser Jochen Müller vor 15 Jahren nicht die hübsche Hexe aus Bronze geschmiedet - Leo hätte reineweg eine Augenverstimmung bekommen. Wogegen es noch immer keine Mittelchen gibt. Er hat noch keins gefunden, auch wenn er die Hosentaschen mittlerweile voller Kräuter hat und beim Forteilen abhakt: 13 Buden mit den bunten Dingen, die das Herz erfreuen und die Kinder, 13 Busse, ein üppiges Fröilein in spannender Wäsche, das ihn unverhofft anblinzelt - der Schreck geht ihm durch alle Glieder. Fast hätte er gegrüßt: "Ahoi, herrliches Schiff!"
Er unterlässt es. Und setzt eine grimmige Miene auf. Auf der Petersstraße daheim hilft das. Manchmal. Zumindest bei Zeitungsverkäufern, Rosenverschenkerinnen und Umfragern. Nur bei Walfischrettern eher selten.
Heute gibt es keinen Walfisch zu retten. Er sieht, wie die kesse Biene schmollt und sich wieder in den Henkelarm ihres Begleiters rettet. Sagt sie was? - Nein. Sie schmollt nur. Und schaut grimmig zurück.
Sie wird mit Leo nicht in der Schwebebahn schaukeln. Und auch nicht im Bergtheater schmachten auf dem gelben Weg. Gespielt wird „Der Zauberer von Oz“. Denn was hier so kreischt und hext und schwirrt, sind Kinder. Keine Hexen. Manche werden's vielleicht mal. Wenn sie sich Mühe geben. Sie kullern und hüpfen bergab. Ins Theater. Auch Leo kullert bergab. Bis zum Schilderpfahl. Der tröstet ihn. Auch wenn das Herz noch pocht. Ein kleines Geschaukel in der Schwebegondel. Hat er versprochen, dass er brav sein wird, wenn er wandert?
Ja. Hat er. Wenn auch nicht laut. Also nimmt er den Pfad, den sie alle nicht nehmen. Den ins Schattige. Denn eigentlich weiß er ja, dass hier oben auf dem Berg niemals Hexen getanzt haben. Mädchen wohl. Vielleicht sogar Jungfrauen, auch wenn ihn das in seinem Alter nicht mehr reizt. Er will sich, wenn er schon plaudert, auch mal über Bauchgrimmen und Rückenleid unterhalten mit seiner Schönen. Schmollt sie noch?
Sie schweigt. Kein Kribbeln im Nacken. Also zürnt sie fernhin. Oder ist längst dabei, sich da im fernen L. einen neuen Leo anzulächeln. Einen, der keine Widerworte gibt und den nichts gelüstet.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ
Der sich nicht sommers in rauschende Wälder entrückt. Kaum drei Schritte fort vom Hexenpflasterweg steht er - im Stillen und Unsensationellen. Nur ein großes Schild erklärt ihm, was das mal war. Ganz früher. Als die Germanen noch nicht deutsch sprachen und die Märchen von König Bodo und Prinzessin Brunhilde noch nicht erfunden waren. - Auf dem Schild steht's: Der Sachsenwall heißt erst neuerdings so. Als die großen Steine hier zu einem großen Steinwall aufgestapelt wurden, gab's noch keine Sachsen. Deswegen hieß der Steinhaufen auch mal der Heidenwall. Und wurde gebaut, als wir alle Heiden waren. In unchristlicher Zeit. 750 Jahre vor Christus. Oder 450. Da scheinen sich die Altertumskundler nicht so genau festlegen zu können.
Aber alt ist der Wall. Und genauso alt war das, was dahinter lag. Vielleicht eine Burg. Vielleicht aber auch ein Platz für Riten. Mit Jungfrauen zum Beispiel. Einen Opferstein hat man gefunden. Der liegt heute in der Walpurgishalle, die 1901 gebaut wurde. Opferstein mit Gänsefüßchen: "Opferstein". Es könnte auch was anderes sein.
Und es könnte mit allem zu tun haben, nur nicht mit Wotan, den man über die Eingangspforte der Halle gesetzt hat. Es schaudert den belesenen Leo. Aber er ahnt schon, dass das jetzt so weiter geht. In Thale werden die alten Geschichten verquirlt, dass es ein Spaß ist. Was schon mit Brunhilde und Bodo begann. Mit diesem gewaltigen Sprung vom Hexentanzplatz hinüber zur Rosstrappe. - Und welche Geschichte steckt dahinter, fragt Leo auf gut Glück die Treppe aus Eisen, auf der er hinaufkrabbelt auf den Turm. Homburgwarte heißt der. Von hier kann er ins Land lugen. Das mag Leo. Da sieht man, was die Leute auch in Brunhildes unchristlicher Zeit gesehen haben müssen. Viel Landschaft. Unten im Tal kleine Dächer. Wer da oben steht, fühlt sich beflügelt.
Ein bisschen leichter zumindest. So drei, vier Grämmchen. Da kann man sich die Brunhildes schon vorstellen bei ihren heimlichen Exerzitien. Bei ihrem trockenen "Männer!". Vielleicht sagten sie auch: "Kerle!" Und dann tanzten sie. Kerlelos hier oben. Zum Ärger der Bodos, die dabei sein wollten und nicht durften.
So war das, bestimmt Leo. Und verläuft sich zwischen Bäumen, rollt ein Stück, freut sich über ein Geländer. Der artige Pfad hat sich in einen unartigen verwandelt und tanzt unter Leos Füßen. Bis er fast zusammenprallt mit dem Schild für einen romantischen Abweg. - Will er's jetzt noch romantisch?
Nicht mit staubigen Hosen, beschließt er. Und ist schneller im Thale, als gedacht. Auf einer Walpurgisstraße natürlich. Und auf einem Mythenweg. Ein Pferd wiehert ihm entgegen. Mitten auf der Wiese, ganz entkernt. "Sleipnir" steht dran. Wotans Pferd sei das, der erschreckte Wanderer sei mitten auf dem Mythenweg. Und das Pferd erhole sich hier nur vom letzten Ritt.
Leo ist ins falsche Jahrhundert geraten. Und ärgert sich nun, dass er nicht den romantischen Pfad genommen hat.
"Siehste nun", wispert ein Stimmchen in seinem Ohr. "Hättste nur auf mir gehört."
Und nun, fragt er sich. Wohin? - Wenn er nicht von Sleipnir gefressen werden will, muss er wieder raus aus dem Thale. Nur wie? Wo ist der nächste Schilderpfahl, der ihm den Weg weist in sein geliebtes Jahrhundert? Wohin führt ihn dieser vertrackte Mythenweg? - Zurück? Da stand ein Bursche mit Schwert und Schild: Heimdall geheißen.
Eiligst schnappt der Verirrte seinen Rucksack und enteilt zur Schwebebahn. Vielleicht kommt er hier noch fort, ohne von alten Germanen gewotant zu werden. Doch an der Bahnstation erwartet ihn ein fauchendes Holzgeschöpf: Midgard-Schlange geheißen. "Nüschd wie weg, würd ich sagen", flüstert ihm die schöne Bäckerin ins Ohr. Aber wo ist ein rettendes Telefon - hier im Wald? Ein Pfad, ein Steig, ein Notausgang? - Notausgänge sind hier verborgen. Fast hätte er eine Wünschelrute gebraucht. Doch dann findet er den Fluchtweg auch ohne: Brunhildensteig steht dran.
Brunhilde, sagt er tapfer und beginnt emporzusteigen. Denn wo einer runterkam, muss er auch wieder hoch. Auch wenn er niemals erfahren wird, wie viele Stufen es sind bis zu Brunhilde hinauf. Und so entschwindet der Gutgebaute zwischen Erlen, Orlen und anderen Hangbäumen, den windenden Pfad hinauf. Oben, das weiß er, empfängt ihn das Ungetüm Hunger. Aber er weiß noch nicht, wann oben ist. Er sieht nur, dass ihm Wald und Pfad ganz allein gehören.
"Hast ein bisschen Bammel, mein Dicker?"
Ich doch nicht, sagt er drunten an der ersten steilen Kehre. Was er an der dreizehnten sagt - vielleicht später. Denn noch steigt er, leichtfüßig wie einst Bodo, der König. Wenn eine flüchtige Prinzessin lockt, ist kein Berg zu steil, kein Tal zu breit, keine Aussicht zu schön. "Wen meinst du damit schon wieder?" - Er antwortet nicht. Nur sein sportliches Schnaufen bläst durch den Wald.
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