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Leo Leu auf Reisen (4): Unverhofft unter Raubrittern

Leo Leu
Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ
"Leo! Leo! Aufwachen!" Leo erwacht mit Unbehagen. Er fühlt sich, als hätte er den Brocken bestiegen und mit einer ganz bestimmten Hexe getanzt. Die ganze Nacht. Jetzt glühen seine Füße immer noch. So viel Auf und Ab ist er aus seinem geliebten L. nicht gewohnt. Vielleicht hätte er doch in der Schwebebahn ein bisschen schaukeln sollen? - "Leo!" - Da steht er schon stramm. Putzt sich die Zähne, die Nase und das linke Ohr.

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"So ist's recht", flüstert ihm seine kleine Bäckerin zu. Heute muss er ihr schreiben. Wenn sie nicht schon alles weiß. Was Mädchen betrifft, ist Leo ein argwöhnischer Wanderer geworden: Sie wissen zu viel über Männer. Und über das, woran Männer denken, wenn sie denken. Hexen zum Beispiel beim Tanz. "Autsch", sagt er. Seine Fußsohlen glühen.

Doch der Wirt seiner Herberge ist stolz auf ihn. So einen hat er hier lange nicht mit heißem Kaffee und knusprigen Croissants versorgt. Einen, der zu Fuß herumläuft in den Wäldern. "Und wo, Herr Leu, geht's heute hin?"

Zur Erichsburg, hat der beschlossen. Er liebt Burgen. Das kommt aus seiner verlesenen Kindheit, als er Walter Scott verzehrte wie andere ihr Butterbrot. Er schmiert sich noch eins für die Reise. Wer weiß, wo er diesmal landet, wenn er den Zeigern folgt. Bergauf und berglang. So findet er den Brunnen, der ihn über alles aufklärt. Auch über den Preußen-Friedrich, der hier 1754 durch die Wälder jagte und rastete und beschloss: Hier gründe ich eine Kolonie. Und nenne sie Friedrichsbrunn. Er nahm einen Spaten, rief die gehorsame Presse zu sich und schippte medienwirksam ein bisschen Mulch. Und ritt fort.

Und dann stand das Bauschild 20 Jahre da. Denn das Geld wurde grade für einen neuen Krieg gebraucht. So lange sprudelte der Untrüborn weiter ungetrübt für Elch und Hirsch, Wisent und Auerochse, Fuchs und Waschbär. Heute steht ein Schild daneben und erklärt dem längst wieder durchweichten Wanderer, dass diese Quelle am Ramberg schon in frühgermanischen Zeiten ein Quellenheiligtum war. Ein mythisches Schauern rieselt Leo den Rücken hinunter. Und wenn er ehrlich ist, schaut er grad, ob nicht ein Blondinchen im Nachthemd über die Wiese huscht.

Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ

Tut's aber nicht. Also geht er weiter und weiß nun, warum alle Brunnen um Dorf Königsbrunnen heißen. Der König von Preußen hat sie alle spendiert. 1775. Leo ist mitten in Preußen - und fühlt sich gar nicht so. Nur kugelrund irgendwie. Vielleicht hätte er doch auf ein Croissant verzichten sollen, oder auf drei. Denn kurz und gemütlich ist der Weg zur Erichsburg nicht. Was er hätte ahnen können. Wenn schon nur 2,5 Kilometer am Schild steht, dann ist da irgendwo ein Haken im Wald. Den man nicht sieht. Nur merkt, wenn der linke Fuß sagt: Ich brenne! - Und der rechte ruft: Halt durch!

Und wenn sich die schöne Bäckerin gar nicht erst meldet, weil ihr der Weg ganz und gar nicht gefällt. Warum, das ahnt Leo. Lesen wird er's später. Im ersten Tal, wenn er die versprochenen Elche partout nicht entdecken konnte. Da steht's: Alter Heer- und Handelsweg. Deswegen hat er auch Napoleon nie gemocht: Heerwege sind schnur und gerade. Man will das Schlachtfutter flott im Getümmel haben. Soldaten, die sich auf krummen Pfaden ergehen, kosten nur gutes Geld. Wenn sie fix sind, kosten sie gar nix mehr. "Aber nu dalli", hat Leos Feldwebel immer gebrüllt, wenn er mal wieder der Letzte war. Er spürt die Tritte in den Hintern heute noch. Und läuft renitent langsam. Heute darf er's. Heute hat er keinen eiligen Feldwebel. Die Straße ist schnurstracks genug. Und er muss höllisch aufpassen, dass er das Schild nicht verpasst.

Es lauert im Dickicht. Das hat er geahnt. Und dahinter: Baum an Baum. Es summt nicht mal. Es ist still. Der Pfeil weist ins Dunkle, in das Leo gar nicht erst hineintaucht. Er kennt das schon und weiß, was da lauert: Mücken, Gnitzen und so ein geheimnisvolles trockenes Knacken. Wie knirschende Knöchlein. Im Dunklen hängt die Erklärung - mit vielen Fehlerchen. Der Schreiber hatte es eilig, hier wieder fortzukommen, denn diese Geschichte ging gar nicht gut aus.

Wie alt die Burg war, weiß keiner nicht. 1320 erwarben die braven Grafen zu Stolberg die Burg. Brav waren sie nur beim Kaufvertrag. Die Burg - 30 Meter rund mit einer echten steinernen Kernburg - war Gold wert. Oder was man eben so abgreifen konnte an der schönen alten Straße. Aus der Burg, die aufpassen sollte auf die Fuhrwerke im Wald, wurde eine Raubritterburg.

Die Geschichte kennt Leo. Damals wimmelte es hier von raubenden Rittern. Da gab's noch keine Börse. Da mussten sie noch selber ran im rostigen Harnisch. Und den verdatterten Fuhrleuten die Ladung mausen. Sie trieben es wild. Keine Straße war sicher. Und diese schnurstrackse schon gar nicht. Da bekamen die Thüringer ihre Expresssendung nicht und die Braunschweiger auch nicht. 1326 taten sich die Thüringer Edelleut mit den Städtern ringsum zusammen und eroberten die Burg. Das muss ein heftiges Schlagen und Brüllen gewesen sein. Bis man drin war in der Burg. Das war der erste Akt.

Der zweite wäre was fürs moderne Kino: Sie hängten die komplette Burgbesatzung an den Bäumen ringsum auf.

"Mir schaudert's", wispert's Leo im Ohr. Wenn es die schöne Bäckerin schaudert, bekommt auch Leo Gänsehaut. Und er beäugt die Bäume misstrauisch. Gewachsene Galgenbäume. Ist da nicht noch ein durchgeschurbelter Strick zu sehen? Der ausgeblichene Rest eines Knotens? Und da? Ein zottiges Bündel im Wind. Morgenstern! Huch.

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So fix war Leo noch längstens nicht auf einem Rückweg in Zivilisationen. Und weil er so fix ist, übertönt sein Schnaufen das Trappeln der Pferdehufe. Und das Hojo! hinter ihm! Das klappern der Rüstungen. Das Klappern der Knochen.

So sieht man einen gut beleibten Wandersmann um seine Pfunde eilen. Linksab. Egal, was für ein Weg. Aus den Augen der Reiter. Ins Dunkle. An einem tapferen Fichtenstamm findet er Halt. Und es klappert und schnauft noch ein Weilchen in seinen Ohren. "Bist ein ganz ein Fixer", schnappt das Stimmchen im Ohr. "Und nu?"

Nu steht er im Wald, weglos, zeigerlos. Kein Reiter will seine Haut. Und ein moosiges Schild verrät ihm stücks weiter, dass er jetzt keine Kilometer mehr laufen muss. Das Schild ist hübsch in Stein gehauen. Ein Grenzstein zwischen Braunschweig und Anhalt. Jetzt hat er Preußen verloren. Fast ist er froh. Er putzt sich Nadeln und Kiesel von der Hose. Hört er noch ein Hufeklappern? - Nichts. Nur so ein kleines Klipp-Klapp. Als baumele was im Wind.

Will man da Raubritter sein, wenn Karrieren so enden?

Heiß ich denn Erich, fragt er. "Manchmal bist schon einer", lästert sein Stimmchen im Ohr. "Aber flott warst du. Das war beachtenswert." - Na warte, bis ich wieder zurück bin bei Dir. - "Kommst Du tatsächlich zurück?" - Aber sicher, sagt er. Nur rausfinden muss er sich irgendwie. Am besten, bevor -

Klipp-Klapp.

"Wusstichs doch", kichert's hinter ihm. "Bist ein ganz ein fixes Kerlchen." Aber das hört er nicht mehr. Er ist sehr beschäftigt mit ganz flottem Wandern.

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