Leo Leu auf Reisen (10): Abschied von Erbsensuppe, Hexen und Fuchs
Leo Leu
02.09.2011
Das Heimweh hat einen Namen ...
Foto: Ralf Julke
Die letzte Nacht. Der letzte Traum. Leo Leu von Burgtrümmern erschlagen. Die ganze Nacht hat er geschuftet und die Lauenburg wieder aufgebaut, während der Olle Fritz daneben stand und "Hurtig, hurtig! Kerl!" rief. Bis der Bau über Leo zusammenstürzte. Mitsamt Bücherberg und Nachttischlampe. Nie wieder nach Preußen, schwört er sich. - "Gut geschlafen, Herr Leu?" - Primabestens. - "Und die Beule an Ihrem Kopf?"
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Och, die Beule. Das war nur ein Buch. - "Sieht aus, wie ein Prankenhieb von einem Bären." - Hier gibt's doch keine Bären? - "Wer weiß", sagt der Wirt. "Man hört ja so Gerüchte."
Ein Bär? - Leo hat keinen gesehen. Zum Bärendenkmal wollte er noch. Daran erinnert er sich. Das hat er genauso wenig geschafft wie die Teufelsmühle und die Lessinghöhle, die Friedrichsburg und die Bückmühlen. Stücker vier gibt es davon. Aber hier oben, von wo man an solchen heiteren Tagen den Brocken sieht, verfliegt die Zeit genauso schnell wie unten in der großen Stadt. Man merkt's nur nicht so bald, weil keiner hupt und klingelt oder streng ausschaut, wenn Leo nicht schnell genug beiseite springt.
Manchmal sommers hat er das Gefühl, nur die grimmigen Menschen bleiben in der ofenwarmen Stadt zurück. Die anderen hat Leo hier oben im Wald vermutet. Aber nicht gefunden. Seinen Rucksack muss er noch ausräumen. Dinge sind drin, die hat er nie hineingetan. Tannenzapfen und Bucheckern. Eine Adlerfeder und vier schwarze Käfer. Eine Wanderkarte von Paris und ein angebissenes Croissant. Das ist nun trocken und krümelig. Ein dickes Couponheft, das er gar nicht gebraucht hat. Im Hotel Asgard hätte er damit ein Verwöhnfrühstück für Zwei bekommen.
Das hätte er vielleicht probieren sollen. Vielleicht wäre eine Walküre dabei gewesen. Oder eine Hexe. - Auch eine Hexe steckt in seinem Rucksack. An die er sich wirklich nicht erinnern kann. Die bunten Lädchen auf dem Tanzplatz hat er, so weit er sich erinnert, alle gemieden. Bis auf das, wo es Erbsensuppe gab. Da hat er sich gleich mehrmals angestellt. Vielleicht gab's die Hexe mit Hakennase als Bonus dazu. Für einen starken Esser, wie Leo einer ist. Heimliche Anerkennung von professioneller Seite.
Nur: Hexen mag er lieber mit Stupsnase. Und etwas weniger bekleidet.
Und was würde die schöne Bäckerin sagen, wenn er ihr so eine Hexe mitbringt? - Da hätte er auch eine Tröte oder eine Triller kaufen können. Was er nie im Leben täte.
Also legt er auch die Triller beiseite.
Mit Croissants kann man Leo Leu immer nach Hause locken.
Foto: Ralf Julke
In der Eisvilla hätte er 10 Prozent Rabatt bekommen auf das dort verkaufte legendäre Eis. Und er hätte 15 Minuten auf Stelzen laufen dürfen. So kindisch war er nie. Er ist immer mit beiden Füßen auf der Erde gegangen. Rauf und runter. Vorgestern hat er deswegen einen Frosch gefunden in seinem Schuh, gestern ein kleines blaues Ei. Da hat er schon überlegt, ob er irgendwo etwas zu lange saß unter Eichen, Eschen und Buchen aller Art. Das hat er mehrmals getan, froh, aus Preußen wieder heil entwichen zu sein. Auf den letzten steilen Metern hatte ihn ein panischer Fuchs begleitet. Da genügte ein Blick und es prasselte nur so im Wald. Und der Fuchs war keinesfalls als erster oben.
Deswegen hat er denn auch die preußischen Saalsteine verpasst. Und landete auf einer großen, knisternden Wiese mitten im Wald. Wo er sich drei Grashüpfer, einen roten Käfer und zwei Ameisen einfing. Gebissen hat nur die letzte. Mitten in seinem Wiesenschlummer. In dem ein Fuchs vorkam, der ihm ein Märchen erzählen wollte. Und eine hübsche Bäckerin, die argwöhnisch in einen Briefkasten schaute. Nur lag kein Brief drin und kein Gruß. "Du wolltest mir jeden Tag schreiben, Leolein. Jeden Tag."
Hat er einen Tag ausgelassen? - Er erinnert sich nicht. Er hört im Geiste noch den Briefkasten klappern. Er hört die Bode rauschen und das Schurren der Steine. Und das zufriedene Knurren seines Magens, als er gestern endlich die große Erbsensuppen-Station im Wald erreichte, wo er seinen Durst mit einem böhmischen Bier stillte. Die Pfandflasche steckt noch im Rucksack. Ein Korkenzieher mit Hirschhorngriff. Und noch ein angeknabbertes Croissant. Er hätte gar nicht gedacht, dass er so viel Heimweh haben würde. Und vor allem: so ganz unbemerkt.
Groß, flockig, lecker - so mag Leo seine Croissants.
Foto: Ralf Julke
Als der Kutscher vorfährt, geht es Leo, wie es ihm auf all seinen Reisen so geht. Er ist ein bisschen aufgelöst und doch schon fort. Er kauert sich in den Sitz und sieht den Wald davonfahren und die vielen kleinen Schilder, die auf einmal aufklappen wie frische Pilze: Zimmer frei. - Wäre er ein unverhoffter Reisender, er würde hinausspringen und sich einbuchen. Doch heute ist er nicht mehr unverhofft, sondern adieu. Bestimmt sieht der Herbergswirt sein rot kariertes Taschentuch noch flattern. Vielleicht auch nicht. Denn welcher Wirt hängt sich mit seinem Herzen schon an flüchtige Gäste? - Wenn's aufregend war, steht der mollige Herr L. nächstes Jahr wieder vor der Tür. Vielleicht nicht ganz alleinig dann.
Das weiß man nie. Jetzt kommt das große Blätterfallen im Wald. Und dann der Schnee. Auch das Ski-Museum hat Leo nicht besucht. Ein Bärenmuseum hätte ihn gereizt. Oder eins mit Hexen drin. "Leo, du schummelst schon wieder!"
Nein, ich schummele nicht. Du bist ja kein Museum, sagt er der kleinen Bäckerin in seinem linken Ohr. Sie lebt ja und kann Kaffee kochen. Das kann nicht jede so schön. Und servieren schon gar nicht. "Noch ein Croissant, Dickerchen?"
Später vielleicht. Er muss den Zug noch erreichen, der ihn zurückbringt ins Vergnügen. Müssen muss er eigentlich nicht. Aber das "Ich komm ja schon!" steckt ihm in den Knochen. Das wird einem eingebaut, wenn man nur lang genug in der großen Stadt L. lebt, wo immer was eilt und pressiert und noch wichtiger ist als der Sonnenaufgang. Den Sonnenuntergang sieht er nicht mehr. Denn er schläft. Mit offenem Mund. Als wollte er noch einmal "Oh!" sagen.
Und das war's schon.
Morgen wird ein anderer Leo wieder die gewohnten Wege gehen. Und das Gefühl haben, als hätte er etwas Wichtiges vergessen. Und eine glückliche Mamsell wird ihm einen Kaffee und ein Croissant servieren. Und nicht fragen: "Wie war's?" - Denn das wird sie ihm ansehen. Und sich mit ihm freuen, dass er wieder da ist. Ein bisschen anders geworden. Aber wie erzählt man das in einer Stadt, die vollgestopft ist mit Sensationen? - Wer hört noch zu?
"Meinereine", sagt die glückliche Mamsell. "Nu erzähl schon."
Wo anfangen? - Achja: Hier. "Jedes Jahr, wenn die Sonne fleißig ist, bekommt auch Herr Leo Leu aus Leipzig den Rappel ..."
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