England, meine Perle (5): Englisches Frühstück? Halt dir die Nase zu
Marko Hofmann
11.09.2011
Strategisch guter Ausblick beim Frühstück in Rossbeigh.
Foto: Marko Hofmann
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er nicht nur was erleben, er muss auch irgendwo schlafen. In England und Irland beziehen Touristen vornehmlich Bed and Breakfasts, landen im Wohnhaus einer wildfremden Person, und lümmeln im Zimmer eines Kindes, was „leider schon längst auf der Universität ist“. Warum auch nicht? Eine Geschichte von verkitschten Zimmern, verängstigten Katholiken und gaaanz viel fettigen Würstchen.
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Der letzte Morgen auf unserer Reise
Mittlerweile sind wir in East Anglia, Ostengland, und nur noch zu zweit. In einem Zimmer, von dem wir zwar das Meer sehen können - aber erst, nachdem der holländische Zirkus weggefahren war – haben wir unsere lezte Nacht verbracht. In das Zimmer passen aber nicht mehr als zwei Betten, ein Kleiderschrank und ein Waschbecken, eine unserer vier Taschen haben wir auf den Schrank gepackt.
Für den Morgen haben wir darum gebeten, später zu frühstücken. Eigentlich gibt es in dem B&B in Lowestoft, dem trockensten Ort des Vereinigten Königreichs, nur von 7:30 a.m. bis 9:00 a.m. im Keller des Hauses Frühstück. Weil wir höflich sind und weil uns das englische Frühstück nach 21 Tagen nur noch von zu Hause träumen ließ, haben wir zudem darum gebeten, für uns nicht extra den Tiegel aus dem Schrank zu holen und Würstchen und Ei zu kredenzen. Schon wenn uns in den letzten Tagen der Geruch in die Nase zog, verriegelten sich unsere Mägen automatisch. Klar: Ich hatte mich anfangs darauf gefreut, mal wieder Baked Beans und gebratenen Schinken zu essen, mal wieder so eine fettige Wurst zu frühstücken, dazu ein Spiegelei, gebratene Tomaten, Pilze und Toast, aber wie kann ein Mensch dies sein Leben lang in sich reinschaufeln?
Blick Richtung Heimat in Ostengland.
Foto: Marko Hofmann
Und vor allem: Wie kann der englische Autor Somerset Maugham behaupten, dass englische Essen sei gar nicht so schlecht, man müsse nur dreimal täglich frühstücken? Musste es wirklich dazu kommen, dass sich mein Reisekompagnon am letzten Morgen die Nase zuhält, um aus Höflichkeit, das Frühstück aufzuessen, was uns die Gastgeber ebenfalls aus Höflichkeit auch nach der normalen Frühstückszeit serviert haben? Schlimm diese Höflichkeit.
Es gab kaum eine Möglichkeit, das typische Frühstück, sei es englisch oder irisch – beim irischen kamen noch gebratene Blut- und Leberwurst dazu, auf unserer Tour zu umgehen. Überall wurde es angeboten, wer es ablehnte, musste sich mit Cornflakes begnügen oder auf Toast mit Marmelade zurückgreifen. Wir wollten aber Frühstück und keinen Kindergeburtstag. Das Frühstück war allerdings - leider - die einzige Konstante auf unserer Tour durch die B&Bs der Inseln. Für die Unterschiede sorgten die Hausbesitzer glatt selbst.
Ardara, tiefste irische Einöde im Nordwesten Irlands
Das sind vergleichsweise wenig Kissen auf dem Bett.
Foto: Marko Hofmann
Das erste Mal, dass wir zu viert in einem Zimmer schlafen sollten. So war es bestellt, doch in dem geräumigen Einfamilienhaus vor den Toren der Kleinstadt entfällt der Vermieterin spontan unsere konkrete Zimmerbestellung als sie sieht, dass wir vier Jungs sind. „Vier Jungs in einem Zimmer machen zuviel Lärm, einer muss im Zimmer nebenan schlafen“, erklärte sie uns forsch.
Nicht das erste Mal, dass uns die Iren im Gegensatz zu den Engländern sehr viel direkter vorkamen und sich nicht vor Höflichkeit einen Zahn locker quatschten. Die Begründung war trotzdem seltsam. Wird ja wohl kaum so sein, dass der eine dann den gesamten Abend in seinem Zimmer hockt, außerdem sind wir nicht auf Klassenfahrt. Wir sind Kulturschöngeister. Was soll der Mist? Ein Rundgang durchs Haus ließ uns diese Frau verstehen. An den Wänden hingen nicht wenige Fotos ihres Mannes, ein katholischer Würdenträger, mit Johannes Paul II. Hatten sie etwa Angst, dass wir am Ende nicht nur in einem Zimmer, sondern auch in einem Bett schlafen werden? Und was für eine Art von Lärm meinte sie eigentlich?
Belmullet, noch tiefere irische Einöde
So beginnt der Tag in England.
Foto: Marko Hofmann
Eine Halbinsel an der irischen Westküste. Hier werden die Häuseransammlungen kaum noch zu Dörfern zusammengefasst, es gibt nur noch eine Hauptstraße. Bis zur Stadt sind es 15 Minuten mit dem Auto. Wer kam eigentlich auf die Idee, hier ein B&B zu buchen? Aber, wer hätte das gedacht: Am äußersten Ende der Insel, fünf Minuten Fußweg von unserem B&B steht die Wetterstation, die im Juni 1944 die Wettervorhersage für den D-Day zu den britischen Militärs kabelte.
In einem noch größeren, neu gebauten Haus durften wir alle in einem Zimmer schlafen. Im Haus selbst keine weiteren Auffälligkeiten - bis auf die Vermieterin. Als wir gerade schnell zum Imbiss in die Stadt fahren wollten, kam sie mit ihrem Jeep angefahren und hätte uns wahrscheinlich nur kurz begrüßt, wenn nicht Sascha ihre Frage, ob wir wegen der Natur hier seien, bejaht hätte. Sascha meinte die Natur in Irland an sich, die Vermieterin dachte an die vielen seltenen Vögel in der Gegend, wegen derer viele in ihr Haus kommen.
Es kam wie es kommen sollte, sie hielt uns nicht nur zehn Minuten mit irgendwelchen Vogelarten auf und zwitscherte wie die einzelnen Vögel, sie fragte am nächsten Tag auch noch nach, ob wir die Vögel alle gesehen haben, da wir natürlich – höflich wie wir sind – gesagt haben, dass wir uns die Vögel natürlich jetzt mal angucken werden. Vier Kerle, die sich mit Vögeln auskennen. Das dachte die ältere Frau in Ardara auch schon. Nachdem wir das Thema beim Frühstück gut abgebügelt hatten und nun auf ein Frühstück in Ruhe hofften, startete sie einen Schnellkurs in Irisch. Eine Sprache, die man nicht eben mal am Frühstückstisch lernt. Das störte unsere Lehrerin aber nicht. Binnen drei Minuten hatte sie uns zehn Vokabeln genannt, die wir wiederholen sollten. Als sie sich kurz wegdrehte, musste ich dringend schon einmal packen gehen.
Rossbeigh, ein Dorf am Ring of Kerry, gegenüber Dingle Island
Der Ausblick beim Frühstück in Rossbeigh.
Foto: Marko Hofmann
Zu sagen, es wäre nicht viel los, wäre geschmeichelt. Das Dorf war wie leergefegt, das B&B auch. Zumindest war niemand aus der Familie da. Ein Gast erklärte uns dann, dass alle im Pub unten im Dorf seien. Grandios. Wir stolperten also zum Sonntagabend ins örtliche Pub, wo sich offensichtlich alles, was Rang und Namen hat, und auch alle anderen versammelt hatte.
Doch wer ist die Vermieterin? Live-Musik, viel Alkohol, viele Leute. Zum Glück lief uns eine Bardame über den Weg und zeigte auf die Vermieterin. Tatsächlich war Brenda genau die richtige. Sie stürzte gleich mit uns nach oben, machte uns allen noch einen Tee und schnatterte angenehm zurückhaltend - und nicht über Vögel - mit uns.
Am schönsten war es aber immer noch in Derry. Hier gab es zwar auch irisches Frühstück, aber es war eines der ersten B&Bs, die wir bezogen hatten. Da fiel das nicht so ins Gewicht, ja wir hatten sogar richtig Appetit, und solange wir auch Derry sagten und nicht Londonderry, war uns auch die Vermieterin gewogen. Das Frühstück nahmen wir in ihrem Wintergarten ein.
Geschlafen hatten wir in verkitschten Zimmern, mit denen man in sechs von zehn Fällen bei B&Bs rechnen muss. Ein D R E A M aus Metallbuchstaben über dem Bett hängend musste nicht sein, auch nicht der Elvis-Presley-Bildband auf dem Nachtschrank oder die schwarze Bettdecke mit tausend rosa Punkten. Und was macht eigentlich der dreiteilige Spiegel hier?
Auch das letzte Frühstück auf der Insel war irgendwann geschafft. Sascha nahm zum Schluss noch den wie immer dargereichten Orangensaft als „Spülmittel“ zu Hilfe. Ein obligatorisches „Es hat toll geschmeckt“ - diese Höflichkeit schon wieder - und schon waren wir aus dem Frühstücksraum verschwunden. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, mit uns über Vögel zu reden.
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