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Leo Leu auf Reisen (9): Nur noch Ruinen und kein Ritterschmaus

Leo Leu
Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ
Auf 507 Meter über NN erwacht ein etwas zerkratzter Leo Leu. Eine Schramme schmerzt auf der Stirn. Gestern ist er im Dickicht gelandet und musste sich durchschlagen, weil's keinen Weg mehr gab. Auch das gibt es: Wege, die einfach verschwinden. Schüchterne Wege. Schüchtern wie Leo, wenn er seine kleine Bäckerin lobt für ihre Croissants. Und die Brötchen. Und - ja: das andere sowieso.

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Aber da ist er nicht allein, weiß er nun mittlerweile. Das geht anderen Kerlen auch so. Sich durch dichte Brombeerhecken zu prügeln ist leichter. Und gibt schöne Schmarren an Beinen und an der Stirn. Selbst der Herbergswirt bewundert ihn dafür. Solch tapfere Gäste hat er nur noch selten. Echte Waldläufer. Die auch am vorletzten Tag nicht klein beigeben und auch die eiserne Ration ablehnen für die letzte kleine Wanderung. Man wird ja wohl unter stolzen Burgen auch eine ritterliche Einkehr finden.

Geirrt haben soll er sich dieses Mal. Weiß er bloß noch nicht. Der stachelige Pfad von gestern hätte ihn warnen sollen. Auch Wanderkarten sind trügerisch. Auch wenn sie frisch gedruckt sind und eine Laufzeit bis 2013 garantieren, wie die Karten des Dr. Barthel aus Borsdorf bei Leipzig. Manchmal sieht Leo innerlich den Dr. Barthel in Borsdorf in seinem Armstuhl sitzen und grübeln, welche Farbe er nun dem Wanderweg gibt, den er durch grüne Forste schlängeln lässt. Rot oder Blau?

Und dann noch ein stattlicher Hirschkopf hinzu: Hier wohnt der Förster! Vorsicht! Selbstgeklaute Früchte und Tiere des Waldes rechtzeitig verstecken. Karpfen nur einen pro Tag und pro Nase. - Wo hat er das nun wieder gelesen? An einem Teich, erinnert sich Leo. Aber an welchem? In seinem Tagebuch findet er sich nicht mehr zurecht. Zu viel hat er sich notiert. Zu viel war zu lernen. Und die Stellen, an denen er unverrichteter Dinge umkehren musste, hat er mit wilden Kringeln ummalt.

Heute kommt wieder einer dazu. Diesmal ist ein Weg da, der gar nicht da sein sollte, surrt und zirpt sogar, als Leo heute zwischen Brombeeren hindurchmarschiert. Erst am nächsten Waldrand erfährt er, dass sich hier der Förster höchstpersönlich einen Spaß gemacht hat mit den Wanderern. Er hat einen besonders bequemen Hochsitz für die Verirrten gebaut und ihm den sinnigen Namen "Quedlinburger Blick" gegeben. Was Leo sieht, sind lauter stramme Fichten. Drübergucken konnte man wohl vor ungefähr 50 Jahren. Oder 60. - Leo hört den Fichten beim Wachsen zu. Und bewundert den zweiten Spaß des Försters: Er hat hier auch ein Stempelkissen aufgestellt. Nummer 192. Jetzt weiß Leo zumindest, wieviele Stempel er braucht, wenn er die Harzer Wandernadel bekommen will.

Drei hat er nun. Und morgen muss er den Koffer packen. Vielleicht sollte er Asyl beantragen? Aber wer vermisst ihn dann in seiner geliebten Stadt mit dem staubigen Pflaster? Die Bäckerin? - "Ich werd' mich schon trösten", tröstet sie ihn. "Wander du nur."

Vielleicht hätte er die süße Bäckerin doch einpacken sollen. Sicherheitshalber. So hätte er vielleicht keine Burg zu sehen bekommen, aber viele bunte Blumen. Liebschönkraut. Und Gutschaumichan. Männertrost und Liebvergiss. Kleine gelbe Kummerzart und große gelbe Schönwettertau. Vielleicht heißen sie auch anders. Aber Leo ist kein Botaniker. Er freut sich, wie es summt und flattert. Manchmal verschwindet er in Wolken weißer Schmetterlinge.

Manchmal studiert er spaßeshalber die Karte, obwohl er sich hier gar nicht mehr verlaufen kann. Er ist wieder auf dem Heer- und Handelsweg. "Marchons!" brüllt er, dass die Vögel in den Baumspitzen aufflattern. Er brüllt sicherheitshalber. Er ist ja wieder in Preußen. Und wo preußische Heerstraßen hinführen, weiß er als Sachse. In diesem Fall - immer bergab. Die Kiefern, denen er eben auf den Kopf geguckt hat, sind jetzt über ihm. Und unten ist immer noch ein Stück Tal, in das er nicht hineingucken kann. Ja, an so einer Stelle würde er wohl auch eine Burg bauen. Eine mit Weinkeller und Terrasse.

Leo Leu mit Hirschen.
Leo Leu mit Hirschen.
Montage: L-IZ

Aber die Burg, die er findet, ist kaputt. Und Kleine Lauenburg heißt sie auch nicht. Da kann er zehn Mal drumherum laufen. Es bleibt dabei. Ein Geländer soll die Schaulustigen abhalten. Wer die Steinmauern von innen sehen will, muss wie eine Gemse klettern und darf dann Handwerkskunst aus Tagen des Kaisers Heinrich IV. bewundern: starke Wände, ordentliche Mauern. Das, was Männer an 900 Jahre alten Bollwerken eben so bewundern. Und das ist, wenn das Schild stimmt, erst die Vorburg. Die richtige Lauenburg steht weiter drüben. Das Schild zeigt, wie sie mal aussah: groß, mächtig und gewaltig. Wie Reichsburgen zu Heinrichs Zeiten eben aussahen. Wer nicht auf Heinrichs Heerweg sollte, der kam hier nicht durch. Zwei gewaltige Bergfriede hatte die Burg. Die Vorburg noch einen kleineren. "Bergfrite" steht da. Man lernt doch nie aus.

140 Meter lang war die Lauenburg. 140 Meter marschiert Leo noch über Stock und Stein und Steinhaufen. Könnte hinkommen, wenn das die Burg war. Ein paar knorrige Mauern stehen noch malerisch im Wald und warten auf ihren Caspar David Friedrich. Mit Leo können sie nicht viel anfangen. Der klettert rauf und herum und wieder runter. Wenn das mal eine stolze Burg war, ist es jetzt nur noch ein Steinhaufen. Eine hingehäufte Enttäuschung.

"Ich will eine Burg sehen!", ruft er enttäuscht in den Wald. Denn seine Karte hat ihm ein Kulturdenkmal versprochen. Das hier ist keins. Hier hat der Hausmeister schon vor Jahren gekündigt. Jetzt kann ihn nur noch ein frugales Rittermahl trösten. Zur Not auch eine Erbsensuppe. Unten am Fuß des Burgbergs liegt Stecklenberg - erbaut aus den Steinen der Lauenburg, die vor 300 Jahren noch stolz ins Land gelugt haben soll. Bis Friedrich Zwo von Preußen auch hier kolonisierte und die Burg zum Abbruch freigab.

Da denkt man immer, stolze Burgen fallen in stolzen Schlachten mit Kanonendonner und gesprengten Pulvertürmen.

Doch siehe da: Kleine fröhliche Bauern sind's, die sich die ollen Klamotten vom Berg holen dürfen, um sich ein Haus zu bauen. Was sie wohl heute noch tun, denkt Leo sich, als er den ausgekarrten Weg hinunterkullert, vom Magenknurren befeuert: Nun ein Rittermahl! - Und dann die letzte Burg! Ahoi, ich komme!

Am Fuß des Burgbergs ist ein Weinglas eingemalt. Hier sollte er schmausen dürfen. Das Weinglas findet er nicht. Das Dorf liegt beinah verlassen. Nur sein Magenknurren ist zu hören und macht die Hunde nervös.

"Das hör ich bis hierher, mein Süßer! Fang dir ein Huhn und brat's dir auf einem Feuer."

Niemals, beschließt er. Ich bin doch hier in der Zivilisation.

"Denkst du", flüstert ihm seine ferne Liebste ins Ohr. "Du bist in Preußen. Pass auf dich auf."

Das hätte sie jetzt nicht sagen dürfen. Nun gruselt's ihn tatsächlich. Und er nimmt dann doch lieber den nächsten Weg zur nächsten Burg. Es läuft sich nicht unbedingt leichter mit leerem Magen. Aber so ist er wenigstens nicht allein. Und braucht auch nicht mehr "Marchons!" zu brüllen. Das erledigt jetzt sein Magen für ihn. Leo hört regelrecht Flüchten und Fliehen im Wald. Kein Getier nimmt nicht erschreckt die Beine in die Hand.

"So krieg ich doch noch einen sportlichen Galan", spottet seine Bäckerin, als Leo außer Puste im Hof der Stecklenburg steht, von der auch nur noch ein paar Steinmauern stehen. Und ein Schild natürlich, das erklärt, warum hier keine Zugbrücke mehr klirrt und kein Türmer mehr tutet. Auch hier hat der Olle Fritz 1713 die Genehmigung zum Abreißen gegeben. Und so hat Stecklenberg drei Burgruinen, aber keine Burg mehr. Womit Leo jetzt auch weiß, warum es in dem Nest nichts mehr zu Schmausen gibt. Ohne Burg keine Ritter. Ohne Ritter kein Schmaus.

"Armer Leo. Komm nach Hause!"

Was kann er noch tun? Ein Reh fangen oder ein Wildschwein? - Dafür ist er heute nicht gerüstet. Und sein Magen ist eh schon voranmarschiert. Er hört ihn vorn an der Wegbiegung knurren. Jetzt braucht er nur noch dem Knurren zu folgen. Es ist ihm jetzt unbeirrbar voraus.


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