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Die Augen sehen, der Weg ist weit: Eine Bürgerreise in Leipzigs Partnerstadt Addis Abeba (1)

Gastbeitrag von Katharina Krefft und Co-Autorinnen
Am Meskal Platz startet auch der Great Ethiopian Run.
Am Meskal Platz startet auch der Great Ethiopian Run.
Foto: Katharina Krefft
Leipzig hat 14 Partnerstädte. Die jüngste ist das israelische Herzlyia. In vier Partnerstädten bot die Stadt 2011 Bürgerreisen an: Vom 6. bis 15. Oktober führte eine Bürgerreise in die äthiopische Partnerstadt Addis Abeba. - "Die Augen sehen, der Weg ist weit. Doch die Füße, sie gehen los", lautet ein äthiopisches Sprichwort.

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Am 6. Oktober 2011 reisten Leipziger Bürger zum zweiten Mal in die äthiopische Partnerstadt. Unter den 21 Reiseteilnehmern waren sechs Schülerinnen und Schüler des Leipziger Schiller-Gymnasiums und ihre Lehrerin, Simone Walther. Sie war bereits vor vier Jahren mit von der Partie und ist bestens vertraut mit der Partnerschule, der Menelik II Preparatory School.

In der ersten staatlichen Schule Äthiopiens, gegründet 1905, bereiten sich rund 3.000 Jugendliche auf die Zugangsberechtigung zur Universität vor. Etwa 130 Lehrer und Lehrerinnen unterrichten die 40 bis 50 Schüler umfassenden Klassen. Da dies nicht ausreicht und pädagogische Fachkräfte fehlen, zeigte man uns stolz den „Telescreen-Apparat“, der einen unterrichtenden Lehrer virtuell ins Klassenzimmer bringt. Bei der Disziplin der Schüler kann man sich vorstellen, dass es gelingt. Doch entspricht dies sicher nicht unseren Vorstellungen von individuellem Lernen.

Wie viel Engagement ein Schüler oder eine Schülerin aufbringen muss, um unter äthiopischen Lebensbedingungen zu studieren, lässt ein Blick über die dunklen, engen Wohnviertel nur erahnen. Da erfreut der Neubau der Bibliothek, der bei der ersten Bürgerreise noch im Rohbau war und wo nun am Nachmittag das Lernen in Ruhe erfolgen kann. Immerhin schaffen 95 Prozent das Examen. Nahezu alle, wurde von Elternvertreter Ato Bekele und Schulleiter Ato Zewdu berichtet, gingen anschließend zum Studium an die Universität. Allerdings müssten einige im ersten Jahr aufgeben, da sie den Anforderungen nicht gerecht würden. Ob wirtschaftliche Gründe, also das Arbeiten neben dem Studium, dafür der Hintergrund ist, blieb unbeantwortet.

Die Leipziger saßen also im „Leipzig room“, der ausgestattet ist mit Büchern, Plakaten und Souvenirs aus der fernen Partnerstadt, und verfolgten eine traditionelle äthiopische Kaffeezeremonie. Die Schiller-Schüler hatten aus dem Erlös des Spendenlaufes am 13. September und aus der Woche der internationalen Schulspeisung insgesamt 2.000 Euro im Gepäck. Eine Woche lang war in Leipzig international gekocht worden und am Weltkindertag, dem 20. September, äthiopisch. An allen Leipziger Schulen konnte an diesem Tag Hühnchen in scharfer Soße mit hart gekochtem Ei (Doro-Wot) bestellt werden.

Die Spende aus der Partnerstadt, so kündigte Direktor Ato Zewdu an, soll vorwiegend für Braille-Bücher und weitere Materialien für blinde Schüler und Lehrer der Menelik II Preparatory School verwendet werden. Ein Rundgang durch weitere Gebäude schloss sich an. Der Hof ist an drei Seiten bebaut und wird durch ein neues mehretagiges Schulhaus ergänzt. Im Computerkabinett lernten die Schüler gerade den Umgang mit Excel, als unsere Gruppe eintrat und der Unterricht für einen Film von den Schillerianern kurz unterbrochen wurde.

"Schritt für Schritt lernt ein Ei, auf seinen eigenen Beinen zu gehen."
(äthiopisches Sprichwort)

Impression aus Addis Abeba.
Impression aus Addis Abeba.
Foto: Katharina Krefft

Wie wichtig die persönlichen Kontakte zwischen den Schulen sind, wurde uns dadurch bewusst, dass kaum einer der Jugendlichen der Preparatory School von der langjährigen Schulpartnerschaft wusste. Bei wechselnden Direktoren und einem nur zweijährigen Besuch in dieser Einrichtung (Klasse 11 und 12) ist Erinnerung offensichtlich notwendig, auch wenn es einige Brieffreundschaften zu Schülern des Schiller-Gymnasiums nach wie vor gibt. Dass es nicht beim alleinigen Kontakt zwischen Schulleitern und Projektkoordinatoren bleiben sollte, nehmen die Leipziger unter anderem als Arbeitsauftrag mit.

Gleich darauf geht es nach nebenan zur Menelik II Primary School (Klassen 1 bis 8), deren Absolventen später an eine der drei High Schools im Stadtteil Arada kommen und an der Preparatory School weiterlernen, wenn sie zur Uni gehen wollen. An der Primary School wurde die Leipziger Gruppe sehr herzlich von der Schulleitung und den Schülern begrüßt und hocherfreut ein Schulpartnerschaftsvertrag unterzeichnet. Es ist der zweite Vertrag des Friedrich-Schiller-Gymnasiums mit einer Schule in Addis Abeba.

Die Lehrervertreterin und zugleich Englischlehrerin der Primary School zeigte sich enttäuscht, weil sie zur Unterzeichnung nicht vorgesehen war. Da sie jedoch diejenige sein wird, die die Partnerschaft langfristig und ganz praktisch mit unterstützt, kam ihr Name noch eigens auf dem Dokument hinzu. Überhaupt sind die Vertreter sehr aufgeschlossen und an enger Zusammenarbeit interessiert. Auch diese Schule konnte sich über eine Spende von 2.000 Euro freuen, wovon 1.350 Euro vom Spendenlauf und 650 Euro von den Leipziger Catering-Firmen stammte. Glücklich berichtete der Schulleiter, dass der Großteil der Spende in Höhe von 1.600 Euro für die Fertigstellung des Speisehauses der Primary School verwendet werden soll, eine gar treffliche Fügung!

Bildung war insgesamt ein wesentliches Thema der Bürgerreise. So konnte auch die Sefere Selam Primary School, Partnerschule der 24. Grundschule Leipzig-Altpaunsdorf, besucht werden, wo die Freude über eine Teilsumme aus der Woche der internationalen Schulspeisung ebenfalls sehr groß war. Die 2.300 Euro der Leipziger Cateringfirmen waren somit gut aufgeteilt.

Die Leipziger Reisegruppe in Addis Abeba.
Die Leipziger Reisegruppe in Addis Abeba.
Foto: Katharina Krefft
Durch die Spendenprojekte aus der Partnerstadt überlegten die Schulen schon, wie sie Gelder selbst auftun können, die auf Eigeninitiative beruhen oder wie sie sich helfen können. So wurde beispielsweise an der Menelik II Primary School ein Schulgarten zur Essensversorgung angelegt. Partnerschaft als Initialzündung für schulisches Engagement – zu sehr sind die Schulen ganz offensichtlich Lernstätte für das eigene Vorankommen, noch zu wenig soziale Bildungsstätte einer Gesellschaft.

Mehr Gemeinsinn stiftende Erlebnisse – das war ein Beitrag der Leipziger für die Partnerstadt: Ein Volleyballturnier in der Deutschen Botschaftsschule brachte erstmalig Kinder, die an äthiopischen Schulen Deutsch lernen, Schüler der beiden Menelik II Schulen und Schüler vom Schiller-Gymnasium zusammen. Die fünf Teams kämpften nach den Regeln von Schiedsrichter Tefera – es gewannen die Jungs von der Menelik II Preparatory School.

Im Habesha Art Studio stellten die kunstbegabten Kinder der beteiligten fünf Schulen aus Addis Abeba und Leipzig ihre Bilder zum Thema „Die Stadt, in der ich lebe“ aus. Trotz der liebevollen Unterstützung von in Addis lebenden Deutschen zeigte sich, wie schwierig es ist, ein Kunstevent wie dieses in 5.300 km Entfernung zu organisieren. Und auch dazu diente die Reise: neue Kontakte, mehr Ohren, Augen und Hände für die Partnerschaft zu gewinnen.

Denn bei allen Aktivitäten, die der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Leipzig - Addis Abeba leistet – es fehlt ein Pendant in Addis. Die staatliche, die lokalpolitische und die schulische Ebene ist verknüpft, nicht aber die des bürgerschaftlichen Engagements. Sie hätte zum Beispiel hilfreich sein können bei der Durchführung der Vernissage im Habesha Art Studio.

Um so schöner war es für alle Beteiligten, dass der frühere äthiopische Diplomat und Generalkonsul in Frankfurt, Worku Erge, bei der Eröffnung anwesend war. Er unterstützte die Leipziger Städtepartnerschaft von Anfang an, und nun auch, als die Leipziger durch Kulturattaché Thilo Blume in der parkähnlich gestalteten Deutschen Botschaft empfangen wurden, nahm er sich die Zeit, dabei zu sein.

Auf dem 12 Hektar großen Gelände begründeten die Deutschen 1905 als erste eine Auslandsvertretung zur Förderung ihrer politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen. Addis gilt als spannender Ort in der Diplomatie. Ist es doch mit dem Sitz der Afrikanischen Union das „Brüssel Afrikas“ mit Vertretungen aller afrikanischen Staaten, politischen Organisationen und der oft einzigen Vertretung westlicher Staaten in Afrika. Mit seinen spannungsgeladenen Nachbarschaften gilt Äthiopien zunehmend als Ort der Stabilität – sicherlich unter dem Vorbehalt, dass man Ansprüche an ein demokratisches Gemeinwesen außer Acht lässt.

Addis Abeba vom Entoto-Berg aus gesehen.
Addis Abeba vom Entoto-Berg aus gesehen.
Foto: Katharina Krefft
Doch Demokratie fängt im Kleinen an und da gibt es auch auf der Ebene der Stadtverwaltungen einen engeren und weiteren Austausch. Der Empfang der Reisegruppe im Rathaus wird genutzt, um dem Berater des Bürgermeisters die Aktivitäten des Vereines vorzustellen. Bekannt ist, dass Verwaltungsmitarbeiter in Leipzig die Finessen des Katasterwesens studieren oder Vertreter des Zoos das genetische Material des äthiopischen Löwen sicherten. Ob die Umfeldbedingungen im heutigen Addiser Löwenzoo dazu angetan sind, diese besondere Raubkatzenart zu erhalten, darf bezweifelt werden. Derzeit leben die Löwen in viel zu kleinen Käfigen und die Kinder der Besucher schauen beinahe lieber zum Vergnügungspark, der gleich daneben laut für sich wirbt.

Beratung aus Deutschland und vor allem aus Leipzig kann sicherlich helfen. Unter anderem gab es ein Projekt, das eine bereits vorhandene Grünfläche für den künftigen Zoo auswählte. Bei der ersten Bürgerreise 2007 konnte das Areal besichtigt werden, nun scheint das Thema in weite Ferne gerückt zu sein. Mit neuen politischen Vertretern, einer wirtschaftlichen Stagnation nach Jahren des Aufschwunges und darüber hinaus einer gigantischen Inflation sind die Probleme in Addis Abeba gerade andere.

Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika betraf Äthiopien überwiegend als Aufnahmeland für Flüchtlinge. Doch die Preissteigerung im Zuge der Weltwirtschafts- und Weltfinanzkrise hat ganz existentielle Auswirkungen. Über Sicherung von Grünflächen für die Luftverbesserung der Stadt denkt gerade kaum jemand nach, auch wenn die Luftverschmutzung als Ölrußfilm auf der Haut direkt spürbar und als Husten hörbar wird. Immerhin wurden einige der schwarzrußenden Busse, die wir vor vier Jahre sahen, ausgetauscht und durch moderne Fahrzeuge ersetzt.

Lesen Sie morgen Teil 2 des Berichts.


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