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Ich hab noch einen Koffer in Leipzig: Abschied eines Exilberliners

Henryk Boeck
Bald nun Berlin ...
Bald nun Berlin ...
Foto: Henryk Boeck
"Nutzeranfrage zu Ihrer Kleinanzeige" steht auf meinem Handy. „Ist der Küchenschrank noch da und was soll er kosten?“, will Madeleine aus Markkleeberg wissen. Das ist eine gute Frage, schließlich ist es das letzte Möbelstück, das ich vor meinem Umzug von Leipzig nach Berlin verkaufe.

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Und so langsam wird mir bewusst, was ich, seit ich weiß, dass ich aus Leipzig wegziehe, vergeblich versuche zu verdrängen. Ich muss mich von der Stadt, in der ich die letzten sieben Jahre gelebt, geliebt und gearbeitet habe, verabschieden. Und noch nie zuvor war mir das so bewusst wie jetzt.

Klar, ich bin auch früh er schon umgezogen, habe in Städten wie Bremen, Münster oder Hannover gewohnt, aber noch nie hat mich die Verlagerung meines Lebensmittelpunktes so beschäftigt. Eigentlich müsste die Vorfreude auf Berlin alles andere überwiegen, schließlich habe ich hier meine Kindheit und Jugend verbracht. Aber so ist es nicht, denn Berlin ist nicht Leipzig, was mir schmerzhaft bewusst wird, als ich mir in der "Satellitenansicht“ eines beliebten Internet-Routenplaners meine neue Wohngegend ansehen will.

Allein das Größenverhältnis impliziert schon ein völlig anderes Identitätsgefühl zu meiner neuen Heimat, obwohl schon jetzt absehbar ist, dass ich diesen Begriff wohl eine ganze Weile nicht mehr benutzen werde.

In Berlin ist manches ein bisschen anders ...
In Berlin ist manches ein bisschen anders ...
Foto: Henryk Boeck
Dabei bin ich damals rein zufällig in Leipzig gelandet und habe mich irgendwie sofort wohl gefühlt. Alles war etwas persönlicher und die Menschen wirkten offener und freundlicher, als ich es, damals aus Berlin kommend, gewohnt war. Natürlich kann man beide Städte nicht miteinander vergleichen. Aber eben dieses Gefühl, sich auf der „Karli“ einfach an einen Tisch zu Fremden setzen zu können und nach spätestens 10 Minuten haben beide Seiten vergessen, dass man sich eigentlich erst eine Zigarettenlänge kennt, das war es, was mich sofort mit dieser Stadt verband. Es schien mir fast, als würde den Leipzigern dieses "gesunde" Misstrauen gegenüber Fremden fehlen, das ich mir in anderen Städten mühsam antrainiert hatte.

Schnell war also klar: Ich ziehe nach Leipzig, woran die Bekanntschaft einer attraktiven Leipzigerin einen nicht unerheblichen Anteil hatte. Also packte ich meinen überschaubaren Single-Hausrat in einen mehr als überdimensionierten Kleintransporter und kam pünktlich zur Fußballeuropameisterschaft 2004 in Leipzig an, gerade noch rechtzeitig um zu lernen, was ein Freisitz ist.

Von da an ging alles sehr schnell, denn die bereits erwähnte „Leipziger Offenheit“ sorgte dafür, dass ich in relativ kurzer Zeit das knüpfen konnte, was Sozialwissenschaftler häufig als „Soziales Netzwerk“ bezeichneten. Damals musste man dazu allerdings noch den persönlichen Kontakt mit anderen Menschen herstellen.

In Leipzig findet man auf Schritt und Tritt irgendwas Grünes.
In Leipzig findet man auf Schritt und Tritt irgendwas Grünes.
Foto: Henryk Boeck
Nachdem ich mich nun also heimisch fühlte in der Messestadt, konnte mein persönlicher Entdeckungs-Nightliner starten, nächster Halt: Nachtleben, Leipzig. Neben den zahlreichen Clubs in der Stadt entdeckte ich schnell die vielen Treffpunkte für Studenten, die mit ihrer Mischung aus Spielhalle, Kneipe und Unterhaltungseinrichtung dafür sorgten, dass meine Freitagabende oft erst Samstagmittag endeten.

Dabei kam mir die Kompaktheit dieser Stadt mehr als einmal zu Gute, denn man kann so gut wie jede Location mit dem Fahrrad erreichen, spart dabei sehr viel Geld für Taxi oder Sprit und der oft erwähnte „Zug durch die Gemeinde“ bleibt damit kein geflügeltes Wort.

Sehr oft startete ich mit meinen Leipziger Freunden die Abende im Four Rooms im Leipziger Osten, zog dann weiter in den Studentenkeller (StuK) machte einen Abstecher in die Moritzbastei, um mich dann zum Nightfever in der Innenstadt vorzuarbeiten. Nicht selten besuchten wir Konzerte im Leipziger Süden, zogen dann von Kneipe zu Kneipe auf der "Karli", um dann den Abend auf einer der zahlreichen Südvorstadt-WG-Parties ausklingen zu lassen.

Wahrscheinlich war es auch dieses studentische Flair, das den Wunsch nach geistiger Weiterentwicklung in mir weckte. Und so entschloss ich mich, mein Abitur nachzuholen, um anschließend Sport und Geschichte zu studieren (was ich dann natürlich nicht gemacht habe). Gesagt, getan, im Spätsommer 2005 war ich wieder Schulkind. Zur Belustigung meiner Mitschüler hatte eine mir nahestehende Person den grandiosen Einfall, mich mit einer Schultüte auszustatten, aber auch das ging vorbei.

Und manche erfüllen sich in Leipzig auch den Traum vom Wohnen am Wasser.
Und manche erfüllen sich in Leipzig auch den Traum vom Wohnen am Wasser.
Foto: Henryk Boeck
Dieser Schritt war wahrscheinlich einer der wichtigeren in meinem Leben und wäre so, ohne die Einflüsse der Studentenstadt Leipzig wohl eher nicht passiert. Die Ruhe, sich selbst zu finden und zu entwickeln, ist etwas, was Leipzig als Lebensstation so attraktiv für mich macht. Die Mischung aus großer Studentenspielwiese und ernsthafter Universitätsstadt mit Tradition sorgt für ein breites Portfolio an Entfaltungsmöglichkeiten, sowohl beruflich als auch privat.

Dabei war für mich sehr beeindruckend zu sehen, dass es trotz der vielleicht fehlenden „Leistungsnachweise“ viele Menschen in Leipzig gibt, die einem abseits der amtlich-formellen Daseinsberechtigungen zunächst einmal eine Chance geben zu zeigen, was man drauf hat oder welches mögliche Potenzial in einem schlummert. Eben diese Herangehensweise ist möglicherweise der Motor, der Leipzig in den kommenden Jahren weiter voranbringen wird. Gerade weil viele Leipziger so bewusst und verantwortungsvoll mit ihrem Lebensumfeld umgehen und es selbstbestimmt gestalten wollen, werden die persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten eines jeden Einzelnen eine größere Rolle spielen als es vielleicht in anderen Städten der Fall ist.

Ein weiterer Pluspunkt ist auf jeden Fall die hohe Lebensqualität in Leipzig. Diese ist natürlich rein subjektiv bewertet und spiegelt sich nicht unbedingt im durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen wieder, denn in dieser Kategorie geht der „Preis“ wohl an andere Metropolen. Vielmehr ist es die Tatsache, dass man alle zehn Meter über Bäume, Liegewiesen und Parkanlagen stolpert, man maximal 20 Minuten braucht, um an einen der schönen Badeseen rund um Leipzig zu gelangen, oder man beim Flanieren durch die Innenstadt das Gefühl nicht los wird, dass eine Symbiose aus Tradition und Moderne doch möglich ist (noch ausstehende Großprojekte in der Nähe des Hauptbahnhofs mal ausgeschlossen).

Und natürlich sind der wichtigste und positivste Faktor die Leipziger selbst: offen, freundlich, nicht ohne Selbstironie, verbindlich und zuverlässig. Damit machen sie es jedem Zugereisten schwer, an den Eigenarten und Sitten seines Herkunftsortes krampfhaft festzuhalten, das habe ich an mir selbst und an anderen Exilanten mehrfach beobachtet, egal ob man aus Stuttgart, München oder Memphis an die Pleiße kommt.

Dass man in Leipzig für einen akzeptablen Teil seiner monatlichen Arbeitsaufwandsentschädigung eine eher überdurchschnittliche Behausung findet, ist ein weiteres, nicht zu vernachlässigendes Puzzleteil im stimmigen Gesamtbild der Stadt. Der Versuch, allen Facetten in einem Artikel gerecht zu werden, muss unweigerlich scheitern, viele Details kann man nur erwähnen.

Da ist zum Beispiel das sehenswerte Kulturangebot oder die Begeisterung für Sport, die den Wohlfühlfaktor in die Höhe treiben. Manchmal ist es auch nur die Tatsache, dass sich der kleine Ladenbetreiber an der Ecke die Zeit für einen wirklich persönlichen Plausch nimmt, oder der Aspekt, dass man neu gewonnene Bekanntschaften verlässlich wiedertrifft, obwohl man vergessen hatte, die Kontaktdaten auszutauschen.

Während in Wiesbaden beinahe inflationär das Bundesintegrationsreh an Vertreter des urbanen Sprechgesanges verliehen wird, geht mein persönlicher Bambi in dieser Kategorie an die Stadt, in der man außer zwei Beinen nicht viel braucht, um als Zugereister Anschluss in der lokalen Freizeitfußballszene zu finden.

Zusammenfassend kann man also sagen, das „Lebenskonzept Leipzig“ funktioniert auffallend gut, lässt man die Widrigkeiten, mit denen jede Stadt vermutlich zu kämpfen hat, einmal außen vor.

Mir persönlich fällt der Abschied aus dieser Stadt sehr schwer, aber ich tröste mich mit dem Gedanken, eine zweite Heimat hinzugewonnen zu haben. Und aus verlässlicher Quelle weiß ich, dass man in zwei Stunden mit dem Auto in Leipzig sein kann, wenn man am Ostkreuz startet. Aber ich hab ja eh noch einen Koffer in Leipzig ...


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