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Wovon Leipziger träumen: "Bild"-Fotograf Benjamin Weinkauf "Nur informiert zu sein, reicht nicht"

Daniel Thalheim & Benjamin Weinkauf
Benjamin Weinkauf
Benjamin Weinkauf
Foto: Star Media
"Meine Arbeit als Reporter ist so abwechslungsreich und überraschend, wie das Leben selbst", schreibt Benjamin Weinkauf auf seiner Homepage. Als Bildberichterstatter kam er in der Welt herum. Der 1972 in Leipzig geborene Fotograf hält in Fotos Landschaften, Situationen und Menschen fest. Seine Arbeiten sollen den Anschein erwecken, als wären Leser dabei gewesen. Im L-IZ-Interview spricht er über seine Foto-Einsätze, seinen Lebensweg, sein Engagement. Und natürlich über seine Träume.

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Benjamin, woher kommst du?

Ich bin in Leipzig geboren, falls Deine Frage die geografische Herkunft meint. Die Liebe meiner Eltern hat mich also hier das Licht der Welt erblicken lassen. Im ehemaligen Eitingon-Krankenhaus, gegenüber der Stadtreinigung. Das erste, was ich von Leipzig zu sehen bekam, waren die orangefarbenen Müllautos.

Was treibt dich an?

In erster Linie sicherlich diese allgemeine Mischung aus den Bedürfnissen Nahrungsbeschaffung und Abenteuerlust. Desweiteren ließe sich eine Menge philosophisches erzählen, bzw. konstruieren. Ich habe immer wieder erlebt, daß ich mit meiner Arbeit als Journalist dazu beitragen konnte, daß sich Dinge bewegen. Es wäre Illusion, von jedem Report zu erwarten, daß er mit großem Hallo irgendetwas verbessert. Aber natürlich treibt mich auch das an: mit einem Bild und ein paar Worten auf Schicksale aufmerksam zu machen, die dadurch nicht mehr sich selbst überlassen sind.

Wohin hat es dich bisher mit deiner Arbeit als Fotograf verschlagen?

Natürlich erzählt es sich am besten und farbigsten von den Auslandseinsätzen. Für solche Berichte flog ich nach Afghanistan, Pakistan, Chile, Südafrika, Kongo, Kosovo, Bosnien, Namibia und Haiti. Die Namen der Länder klingen nach wilden Abenteuern und Gefahren, die es zu bestehen galt. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, daß ich nicht auf der Suche nach Grenzerfahrungen war oder bin.

Die Besuche bei den KFOR- und ISAF-Kontingenten der Bundeswehr sind nicht im Ansatz mit der Arbeit der Kriegsreporter zu vergleichen. Ich will auf keinen Fall, daß der Eindruck entsteht, ich würde meine Arbeit auch nur ansatzweise mit diesem Knochenjob vergleichen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich das nicht durchstehen könnte. Physisch wie psychisch.

Aber mein Beruf führt mich auch immer wieder in interessante Stuben kluger Leute, gleich um die Ecke. Wer als Journalist mit offenem Blick und weitem Herzen durchs Leben geht, kann eine Menge Wunder erleben und an Erfahrungen anderer teilhaben. Es sind die Menschen, die dich ein Stück an ihr Leben heranlassen und von sich erzählen. Da schaue ich auf viele Begegnungen, die durch keine noch so abenteuerliche Auslandsreise zu ersetzen wären.

Benjamin Weinkauf, Fotograf, Weltenbummler und Träumer: Ich werde nicht müde, wie viele, viele Menschen auch, immer wieder den Wunsch zu äußern, dass unsere Erde ein liebens- und lebenswerter Ort werden möge. Ein friedlicher Ort.
Benjamin Weinkauf, Fotograf, Weltenbummler und Träumer: Ich werde nicht müde, wie viele, viele Menschen auch, immer wieder den Wunsch zu äußern, dass unsere Erde ein liebens- und lebenswerter Ort werden möge. Ein friedlicher Ort.
Foto: Star Media

Gab es eine Situation in deiner Arbeit, die dich besonders bewegte?

Zweifelsohne war es der emotional schwierigste Moment meines Berufslebens, als wir in Carrefour, eine gute Stunde von Port-au-Prince entfernt, endlich einen Berg bestiegen hatten, auf dem eine Schule stand. Das Erdbeben hat sie zerdrückt wie eine Sandburg. Unter unseren Füßen lagen die Körper von 150 Kindern in den Trümmern, die es nicht mehr aus dem Gebäude geschafft haben. Wir wußten das am Morgen, als wir aufgebrochen waren. Sich das dann aber dort an dieser Stelle bewußt zu machen, das ist dann schon etwas anderes.

Ich bin noch heute glücklich darüber, in diesem Moment von Kollegen umgeben gewesen zu sein, die auch nicht als harte Hunde in die Geschichte eingehen wollen. Wenn man aus Katastrophengebieten berichtet, darf man auch heulen. Wer das ein Leben lang runterschluckt, hat eine düstere Perspektive für seine Seele.

Benjamin Weinkauf im August 2007 in Afghanistan: Die weiße Taube von der blauen Moschee in Mazar-i-Sharif
Benjamin Weinkauf im August 2007 in Afghanistan: Die weiße Taube von der blauen Moschee in Mazar-i-Sharif
Foto: Benjamin Weinkauf

Welches Projekt lag dir besonders am Herzen?

Ich habe einige Projekte gesehen, die ich wirklich liebenswert und unterstützenswert finde. In Kabul lernte ich die Hilfsorganisation "Robin Aid" kennen. Nun unterstütze ich privat seit vielen Jahren die "Kinderhilfe Afghanistan". Und auf zu vielen Baustellen sollte man nicht graben. Um so mehr freue ich mich, daß Matthias Angres von "Robin Aid" zu unserem Afghanistan-Benefiz eine Grußbotschaft geschickt hat. An der Arbeit anderer von Herzen Anteil zu nehmen, ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich liegt mir auch der erdbebensichere Wiederaufbau der Schule in Carrefour am Herzen. Durch unsere Berichterstattung in "Bild" haben die Leser von dieser Geschichte erfahren. Im Januar 2011 waren Kai Feldhaus und ich Gäste beim symbolischen Ersten Spatenstich für die neue, erdbebensichere Schule. Im „Gepäck“ 1,7 Millionen Euro der "Bild"-Hilfsorganisation "Ein Herz für Kinder". Gespendet von unseren BILD-Lesern. Du glaubst nicht, was das für ein Gefühl ist, wenn man die Wirkung der eigenen Berichterstattung so erleben kann. Du bist nicht nur Zaungast, und Du gaffst nicht das traurige Elend anderer an. Du berichtest – und das führt dazu, daß Menschen einander helfen.

Woher nimmst Du die Energie für deine Projekte?

Ich selbst tu unterm Strich sehr wenig. Das jährliche Benefiz zugunsten der "Kinderhilfe Afghanistan" ist zwar mit meinem Namen verbunden, aber es entsteht ja in den Köpfen und durch die Arbeit vieler. Und es gibt deutlich unschöneres, als ein Rockkonzert zu organisieren. Die Energie dieses Projekts liegt neben dem Wunsch, etwas Gutes zu tun, auch in der herzlichen Freude auf eine tolle Show auf der Bühne. Helfen darf durchaus auch richtig Spaß machen.

Im November warst du mit Kai Feldhaus im "Kaza"-Nationalpark in Namibia: Was war dein Beweggrund?

Der Beweggrund? Ich wurde gefragt, ob ich den Job machen möchte – und da ich mit Kai wirklich sehr gern arbeite, sagte ich zu. Ganz ehrlich: die Freude, mit dem Kollegen mal wieder eine Reportage zu fliegen, war das wichtigste Argument. Wenn die Frage kommt, ob ich „mit Kai nach...“ - unterbreche ich ganz gern schon mal das Gespräch und sage „ja“, bevor ich weiß, wohin die Reise geht.

Faszination Afghanistan: "Ich versuche, mit den mir möglichen Aktionen, den Menschen dort zu helfen."
Faszination Afghanistan: "Ich versuche, mit den mir möglichen Aktionen, den Menschen dort zu helfen."
Foto: Benjamin Weinkauf

Hast Du deine Ziele, die du als Teenager verfolgt hast, umgesetzt oder ist alles ganz anders gekommen?

Ich bin 1979 eingeschult worden. Als ich dann Teenager war, sang IC Falkenberg gerade „Es tut mir nichts leid, ich bin ein Zigeuner, Zigeuner auf Zeit!“. Das imponierte mir. Natürlich wollte ich auch so ein Typ werden, der irgendwann sagen kann: ich bereue nichts, es mußte alles so sein. Was blieb? Ich bereue einiges, und weiß trotzdem, daß alles so kommen mußte, um zu werden, wer ich bin.

Mein anderer Held dieser Zeit war Stephan Krawczyk. Ein frecher, mutiger Geist, ein begnadeter Liedermacher – und seit vielen Jahren auch ein ganz umwerfender Romanschreiber. Seine Unbeugsamkeit beeindruckte mich. Krawczyk hat mit seinen Songs und seinem Einsatz für Freiheit und Bürgerrechte gezeigt: es lohnt sich, etwas zu riskieren, es lohnt sich, den Mund aufzumachen. Man kann etwas bewegen, wenn man die Umstände und die Zukunft unserer Gesellschaft wichtiger nimmt, als die Einrichtung des eigenen privaten Glücks. Um so trauriger macht es mich immer wieder, daß unsere Freundschaft in den 90ern zerbrochen ist, vermutlich irreparabel – aber ich weiß es nicht, da sind Fragen unbeantwortet geblieben, und das tut mir weh und leid.

Ein Traum, den wir damals kaum zu träumen wagten, ist in Erfüllung gegangen: freien Schrittes von Deutschland nach Deutschland zu gehen. Da kann noch so viel über Unzulänglichkeiten zwischen Ost und West gesprochen werden. Natürlich sind die da, unübersehbar! Aber in einem wiedervereinigten Heimatland zu leben, war das größte Geschenk, das meine Generation bekommen konnte.

Und schon als Kind lag über dem Wort „Afghanistan“ für mich ein Zauber. Leider waren die Gründe für meine Flüge nach drüben ja an sich traurigen Ursprungs: Krieg, Terror, Elend. Aber ich konnte das Land meiner Kindheitsträume besuchen – und ich bin nicht als Betrachter wieder abgereist. Ich versuche, mit den mir möglichen Aktionen, den Menschen dort zu helfen . Und so schließt sich der Kreis zwischen Faszination und Teilnahme am Schicksal Afghanistans.

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Und für dich persönlich?

Ferien auf Hiddensee. Mit meiner Frau, unserem Sohn und Freunden. Den Familienurlaub mit lieben Menschen zu teilen, die man sonst nur selten sehen kann, ist wunderschön. Zumal auf dieser Insel.


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