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Lotterhof in Geyer (1): Verfallen, doch kein Zeichen von Lotterwirtschaft!

Erzgebirgs-Report von Karsten Pietsch
Lotterhof in Geyer.
Lotterhof in Geyer.
Foto: Karsten Pietsch
Abseits von Annaberg-Buchholz und Oberwiesenthal, wohin die Touristenströme ziehen, liegt die Bergstadt Geyer. Wenn vom „Lotterhof“ die Rede ist, und der einstigen Besitzerfamilie, fallen schnell die Begriffe Lotterleben und Lotterwirtschaft. Zwar irrtümlich, aber sprachlich verwandt.

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Zu erzählen und zu entdecken gibt’s in und um die Stadt Geyer viel mehr. Ob Weihnachtsland und Montanregion - das Erzgebirge hat seine Beinamen, die Silberstraße leitet die Touristen, die keine eigenen Ziele haben. Vom „Berggeschrey“ war nach den Erzfunden und dem Abbau im Mittelalter, erst gefolgt durch die Uran-Bergwerke im 20. Jahrhundert, lange nur in Museen und Schaubergwerken zu hören. Jetzt lebt der Bergbau wieder auf. Um welche Metalle geht es? – „Um alle! Zumindest in Spurenelementen!“, sagt ein Kenner der Bohr-Ergebnisse früherer Zeiten.

Vom Rittersgut Geyersberg, seinen Besitzern und Wandlungen, vom Herrensitz zu Fabriken für Waschbretter, Kleinmöbel und Leitern, hat der Annaberger Historiker und Stadtführer Klaus-Peter Herschel vor Jahren in mehreren Büchern berichtet. Eins widmete er dem Bergherrn von Geyer namens Hieronymus Lotter, jenem Kaufmann, der es bis zum kurfürstlich-sächsischen Baumeister gebracht hat, der in Leipzig lange Zeit Ratsherr war, und acht Mal für jeweils ein Jahr ehrenamtlicher Bürgermeister.

Eine Kaufmanns- und Baumeisterkarriere im 16. Jahrhundert

1497 geboren in Nürnberg, über Annaberg-Buchholz nach Leipzig gekommen kündet Hieronymus Lotters Leben von fränkischem Migrations-Hintergrund bis hin zum Tod als einer der Geyerschen, wie sich die Einwohner von Geyer nennen. Sein Sterbehaus steht noch. Beziehungen ins Erzgebirge hatten schon die Familien von Hieronymus und seiner Frau Katharina Bauer, einer der Werkmeister beim Bau des Leipziger Rathauses stammte aus dem benachbarten Ehrenfriedersdorf – doch halt: die Bezeichnung „Erzgebirge“ gab es damals noch nicht.

Winterlandschaft mit Glühweinbude auf dem Lotter-Hof.
Winterlandschaft mit Glühweinbude auf dem Lotter-Hof.
Foto: Karsten Pietsch

Abends brennt wieder Licht

Sowieso sind der Wachtturm mit dem Museum über sieben Etagen und die St. Laurentiuskirche daneben die fotogensten Baudenkmäler von Geyer, und daneben freistehend der imposante Klotz des Lotterhofes, besser gesagt des einstigen Herrenhauses, das vom Hof übrig geblieben ist. Imposant ist das an den Berg gelehnte Haus. In der Abenddämmerung sieht man kaum, dass in den Fensterrahmen der oberen Etagen nur Lückenfüller ohne Glas hängen. Weiter unten steht in einem Fenster eine Kerze, woanders ein Schwibbogen. Wo Licht ist, ist Leben.

Mehrfach in Lotters Familienbesitz

Besitzer hatten das Rittergut Geyersberg und der Lotterhof viele. Jahrzehnte, nachdem Hieronymus senior gestorben war, kam der Hof noch einmal für ein paar Jahre zur Familie Lotter. Heute ist es eine andere Art von Familie, der Verein Kulturmeile Geyer-Tannenberg e. V. sorgt sich um eine ganze Reihe von Bauten, Denkmäler und Erinnerungen, und hat sich mit dem Besitz des Hofes zum Vertreter Lotters auf Erden gemacht. Eine schwere Bürde ist zu tragen, was jeder Neugierige beim Rundgang durchs Haus erkennt.

Unmögliches machen

Der Autor als Hieronymus Lotter zu Besuch beim Vereins-Hutzenabend am warmen Ofen in Lotters Wohnküche.
Der Autor als Hieronymus Lotter zu Besuch beim Vereins-Hutzenabend am warmen Ofen in Lotters Wohnküche.
Foto: Kulturmeile e. V., Geyer-Tannenberg
Auf dem Lotterhof ist man sich im Klaren: „Eine Zukunft für den Lotterhof, das heißt das Unmögliche möglich machen“. Dieser Tage erschien eine neue zwölfseitige Broschüre, gestaltet mit vielen aktuellen Fotos, frisch gedruckt, ebenso initiativreich gesponsert. Beim Sehen und Lesen sollte man alle selbst entdeckten Risse und Fehlstellen vergessen, sondern dem Gedanken folgen: „Lotter errichtete 1566 ein Herrenhaus, ein Musterbeispiel sächsischer Renaissance-Architektur.“ Lotters Bauplan kündet von zwei Etagen Vorratslager, zwei Wohngeschossen, funktional, übersichtlich, Bauschmuck nur im Kleinen. So kann man es heute noch erleben. Nicht in der Ausstattung, wie es Kurfürst August Vater und Kurfürstin Anna sahen. Auch nicht so, wie hier die letzten Bewohner lebten. Von Decken, Wänden und Böden schälen sich schichtweise die Zeiten ab. Eine große Glaskuppel, über das Haus gestülpt, könnte alles genau so erhalten. Eine naive Vorstellung.

Mehrzweck-Nutzung

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Gerettet hat den Lotter-Hof über Weltkriege und mangelwirtschaftlichen Sozialismus die Nutzung als Fabrik, Werkstatt und Wohnhaus – bis 1990. Spätere Träume von Romantikhotel und Seniorenresidenz verschwanden wieder. Was unter dem neu gedeckten Dach bisher geschah, nennt man Notsicherung. Jetzt wird wenigstens das Erdgeschoss wieder genutzt. Im Ofen prasselt das Feuer durch die Räume unterm Gewölbe, die Küche ist sozusagen neuzeitlich das, was man heute eine Teeküche nennt und so nutzen kann.

Und was zu Gastronomie und Tourismus notdurft-zwangsläufig gehört, ist ebenso aktuell. Familien und Freunde aus der Umgebung haben sich schon gern zum Feiern im Lotterhof-Gewölbe eingemietet. Wie viele Arbeitsstunden und Organisationsmühen dahinter stecken, kann man jetzt nur ahnen.

Morgen an dieser Stelle: Der nächste Tag des offenen Denkmals könnte der letzte sein ...


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