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Kater am Mittwoch: Expedition, Versuch Nummer 3 3/4

Der Kater
Brechen wir auf, fragte Pieps auf ihre typisch mausige Art. Natürlich fragte sie das nicht. Pieps sagt einfach "Pieps" und jeder weiß, worum es geht. Diesmal ging es um das langversprochene Sommerpicknick. Eigentlich MEIN Geburtstagspicknick. Hatte ich mir gewünscht.

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Und dann haben wir es verschoben, weil es am ersten Wochenende regnete. Und dann verschoben wir es noch einmal um eine Woche. Weil es natürlich regnete. Und am Wochenende, das nun folgte, hat es ja auch geregnet. Immer, wenn ich hoffnungsfroh meine Äuglein öffne, rinnen dicke Fäden Wasser die Scheibe herunter. Drei Mal haben wir das Picknick dann doch in der guten Stube machen müssen, haben die von Amalia geschmierten Salatsandwiches (ohne Salat) genüsslich vertilgt, die Käsehäppchen kleingeraspelt (Pieps) und die Sardinen aus der Dose gefischt, haben Lambada aus der Konserve gehört und mit Sangria nachgespült. Und mit Eierlikör, als der Sangria alle war. Und haben ein Kerzchen nach dem anderen von Amalias allerliebster Geburtstagstorte angezündet, damit es ein bisschen heimelig wurde. (Die Torte hat ein hungriger Geist schon an meinem Geburtstagstag verschwinden lassen - ich war sehr, sehr ärgerlich, als ich das merkte. Am anderen Tag. Mit den Bauchschmerzen.)

Aber irgendwann ist das schönste Teppichpicknick nicht mehr schön. Dann fängt erst Schröder an zu seufzen. Er ist immer der erste. Dann seufzt Amalia (weil sie die ganze Schweinerei wieder saubermachen muss). Dann seufzt in der Regel Pieps, weil sie vom Emmentaler so langsam auch die Nase voll hat.

"Pieps!"

Das war gestern. Gestern, als die großen Astronomen zum ersten Mal wieder ein winziges Löchlein in den fetten englischen Regenwolken entdeckten und die Blinkzeichen aus der Wohnung von Oma Blümchen wieder erkennbar wurden. Ich hab bloß noch nicht rausgefunden, ob Oma Blümchen am Fenster raucht oder ob Felicitas versucht, mir heimliche Botschaften zu senden. So nach dem Muster: "Goldige Stubenkatze wünscht sich angenehme Gesellschaft. Auch Junggesellen haben eine Chance."

Aber da die Blinkzeichen immer nur für Sekunden durch den Regen drangen, blieb ich ratlos, rollte mich lieber wieder zu einem Überlebenspäckchen zusammen und wurde am Ende von Pieps geweckt, die sich aus einem Gefrierbeutel ein hübsches Regenkostüm geschneidert hatte und nun partout zum richtigen Picknick raus in die grühüne Heieide wollte.

Hat sie zwar nicht gesagt. Aber ich hab's verstanden. Hab mir meine gelbe Pelerine übergeholfen und die roten Allwetterstiefel. Und los ging's. Quer durch sieben Kubikmeter Fadenregen, 28 Millionen Liter Nieselregen, 36 Kilogramm extra schwere Pladdertropfen, eine kleine Regenpause mit 90-prozentiger Luftfeuchtigkeit, 33 zerlaufene Hundehaufen ...

"Pieps!"

Nach anderer Zählung 132. Es kommt wohl doch immer auf die Sichtweise an.

"Pieps!!"

Na gut. Jetzt sind es 133. … 134. Da hab ich selbst nicht aufgepasst.

"Pieps!!!"

Wollen wir nicht doch lieber ...

"Pieps!"

Naja, wer kann schon einer zielstrebigen Maus widersprechen? Also ging's weiter quer über die Wiese. Überall ploppte es und wand sich voller Tatendurst aus dem Boden. Die ganzen Kräuter, die man sonst nicht sieht, weil sie sich irgendwo unten bei den Ameisen verkriechen, reckten ihre Stengel und Dolden und Quaste, rissen die Blätter und Körbchen auf. Eben war Pieps noch zu sehen als kleiner Gefrierbeutelklecks auf einer von hundert Partys plattgewalzten Wiese. Dann schaute nur noch das Körbchen mit der Käsewürfel-Tupperware-Dose aus frischem grünen Zeugs. Und dann war sie weg, klammerten sich Lattiche und Quengel und Wegeriche an meine Stiefel. Und auf einmal stand ich selbst mitten im Urwald.


Man kann einer platten Wiese einfach nicht trauen. So weit das Auge sah: Ein Geblättere und Gestengele. Und keine Maus.

Und ich hatte natürlich keine Machete dabei. Wer denkt schon an sowas, wenn er in Leipzig zum Picknick spaziert? Sind doch sonst ganze Heere von besessenen Rasenmähern unterwegs, die mit schwerem Räumgerät die naseweisen Stengel von der Wiese jagen.

Doch diesmal: Nicht mal eine der berühmten Linden in Sicht. Nur Blätter, Sträucher, Urwaldriesen, die eben noch um meine Stiefelspitzen scharwenzelten und nun ihr ganzes Wasser auf mich niederprasseln ließen, als ich mich wie wie Karl May durch die Büsche schlug.

Pieps! Wo bist du?

Keine Antwort. Nur Rauschen und Trommeln und überall das pflanzliche Gejubel und Gejauchze. Ein Schachtelhalm warf mich einfach um, als er sich zwischen Primeln, Veilchen und Sumpfdotterblumen hinauf in die Wolken reckte. Ein Knöterich erwischte mich von hinten und ein Lauch schnellte genau vor meiner Nase hoch, als ich versuchte, wieder auf die Stiefel zu kommen.

Das tat vielleicht weh.

Und ich brauchte sechs Wochen und sieben verzweifelte Stunden, bis ich endlich so etwas wie eine Lichtung erreichte. Da stand ein Schild, das mir erst vertrauter vorkam, als ich im selben Moment wie 91 frischgewachsene Gänseblümchen dort anlangte. Es war das altvertraute Schild aus wasserloseren Tagen: der berühmte durchgestrichene Hund bei der Erledigung seines Geschäftes. Die berühmte Aufforderung an alle einheimischen Hunderassen: Du darfst!

Nur war von denen natürlich keiner zu sehen. Bei so einem Wetter dürfen sich selbst ausgewachsene Boxterrier mit Migräne und Halsweh entschuldigen.

Dafür saß eine kleine, völlig von Moosen und Farnen zerstochene Maus auf dem Schild.

"Pieps?"

Wer kann da Nein sagen? - Ich packte meinen mutigen Gefährten in meine Manteltasche zu den Überlebens-Drops, kämpfte mich - das Schild wies ja den Weg - zurück auf die gepflasterte Straße, wo uns ein hübscher, angenehmer Fadenregen auf den letzten Kilometern unserer abenteuerlichen Expedition begleitete. Als wir das Ziel erreichten, waren die Drops zwar alle, Pieps piepste und hatte Bauchschmerzen. Und Amalia war überglücklich, uns wieder in ihre Arme schließen zu können.

Sie hatte tatsächlich Angst gehabt.

Wahrscheinlich um Pieps. Pieps ist solche Expeditionen noch nicht so gewohnt wie ich. Aber Mumm hat sie, das muss man schon sagen.

Nur Drops verträgt sie überhaupt nicht. Sie klebt im Bad in ihrer Lieblingsseifenschale und schrubbt und schrubbt und schrubbt. - Rauskommen will sie erst wieder, wenn sie nicht mehr nach Pfefferminze riecht.

"Pieps!"

Und nach Eukalyptus.

"Pieps!!"

Und nach Nummer 135.

Naja. Den hab ich auch nicht bemerkt. Ich war sehr beschäftigt damit, das heimische Ufer wieder zu erreichen. Da kann einem schon mal eine Maus aus der Tasche fallen.

Meint: Der Kater.


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