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Kater am Mittwoch: Gute Reise, Ingo

Der Kater
Der Sommer geht zur Neige. Die Gastronomen greifen zu Hammer und Nagel und packen sich ein. Die Freisitze verwandeln sich in Bretterbuden. Der alte Geist der sächsischen Werkelmeister feiert fröhlich Urständ. Noch ein Gasboiler rein, fertig ist die Laube. Nur Ingo musste nun dicht machen. Keiner hat seine Kneipe mehr gesehen hinter all den Schirmen und Planen. Ich auch nicht.

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Ich lief immer fröhlich pfeifend dran vorbei und dachte mir: Na holla! Der Junge macht Geschäft. Die Bude blüht und gedeiht. Der Laden quillt schon auf die Straße. Da will ich mal nicht stören.

Hätte ich nur!

In den Fenstern hängen Plastefolien. Die Einrichtung hat die Bierfirma schon abgeholt. Die alten Familienbilder von Ingo, seinem Papa, Opa und seiner Tante Irmintrud ("Nie um einen guten Scherz verlegen! Und ihr Sauerkraut ...!") sind abgehängt. Nur die Schmauchspuren aus Zeiten, als hier noch die Gilde der Connewitzer Gelegenheitsraucher einkehrte, sind noch zu sehen durch den schmalen Spalt an der Tür, in dem das Schild hängt: "Alle Vögel sind schon fort. Ich nu auch. Euer Ingo."

Hätte ich doch!

Aber ich hab nicht. Ich hab meinen Sommer vertrödelt mit fluffigen Katzen und muffigen Gummistiefeln, hab auf Sonnenschein gewartet und mir drei Schnupfen geholt, hab an sechs blöden Beerdigungen teilgenommen, ohne mich danach zu besaufen. Fridolin war ja diesmal, wie ihr alle wisst, auch dabei. Bloß weil irgend so ein blöder Amselvogel aus Afrika ein blödes Virus mitgebracht hat. Und ihr wisst ja, wie Amseln sind. Sie sind wie Ingo. Singen bis zum letzten Träller, nie klagen, nie jammern.

Und dann sind sie auf einmal weg. Nur ein Häuflein Federn liegt noch da. - Waldi hat ihn gefunden. Ja, genau der Waldi, der hier immer mit Herrn Schwurbel zusammen auftauchte, bis Herr Schwurbel im Peterssteinweg eine Kneipe aufgemacht hat. Und die heißt - wer will, darf raten - natürlich "Waldi". Weshalb weder Waldi noch Schwurbel hier in den letzten Monaten auftauchten. Sie waren schwer beschäftigt. Und auch diesmal kamen sie eigentlich nur spätnachts nach getaner Arbeit nach Hause gedackelt. Einer zog den anderen. Bis Waldi über das Federhäuflein stolperte.

"Den kennnsch", hat er gebellt. "Dasch isch doch ..."


Und er war's auch. Kurz vorher hat Fridolin im Innenhof noch ein wunderhübsches Konzert gegeben. Mit Zugaben auf Wunsch mehrerer Amselinnen und einer verliebten Spätzin. Jeder Triller hat gepasst. Niemand hätte auch nur geahnt, dass das der letzte "Kleine grüne Kaktus" auf dem Balkon sein würde. Und der letzte Lipsi. Und der letzte "Rock around the Clock". Aufgehört hat er erst, als Tante Sonne auch das rote Einschlaflicht ausmachte. Ringsum flatterte es noch einmal. Und selbst Familie Krähe fand sich im Heimwärtsflattern zu anerkennenden Worten angeregt: "Hatta prima jemacht, hatta das."

Wir haben uns alle nicht gewundert, dass Hubert Krähe dann auch persönlich zum Begräbnis kam. Ganz in Schwarz. Mit würdiger Miene. Seine Leichenpredigt war kurz und logisch: "Im Winta war er zwar nie da. Da hätten wa'n jebraucht. Aba jetzt wirtta uns och im Somma fehln. Warn dufta Kumpel."

Sie können sich ja vorstellen, dass eine ganze Menge Leute in den Wochen danach ziemlich zerknittert war. Es sind auch einige Kindergeburtstage deshalb ins Wasser gefallen. Einige Ausflüge die Karli rauf und runter auch. Weswegen uns auch Ingos Abschied völlig durch die Lappen ging. Ingo, der Hunde nie leiden konnte - und trotzdem immer eine Blechschüssel mit Wasser vor der Tür stehen hatte. Der auch Raucher nie leiden konnte, und trotzdem eine hübsche Raucherbank hingestellt hat. Mit einem freundlichen Blumenstrauß aus echten vietnamesischen Kunstblumen.

Deswegen fiel es auch nicht so auf, als die neue Kneipe nebenan, die natürlich nicht Kneipe hieß, sondern "Café & Bar", erst mal einen Schirm hinstellte, zwei Tische und acht Stühle. Und dann einen Heizstrahler und ein Servierwägelchen. Und dann noch einen Schirm und noch paar Stühle. Und dann ein Podest und einen Blumenkübel. Und noch ein paar Tische und Stühle. Und noch zwei Heizstrahler. Und eine Wetterschutzplane. War ja alles supi. Handel und Wandel. Und florierende Gastlichkeit. Fröhliches Rimmbimm in der nostalgischen Kasse. Und lauter blasse Jungunternehmer, die sich den Hals in der Sonne bräunten bei Espresso und aufgeschäumter Milch. Da dachte ich schon manchmal beim Vorübertraben: Ein Bierchen wär doch was. Und vielleicht noch eins, für Fridolin.

Ach, hätte ich doch!

Am Montag las Schröder als erster die Bescherung: "Wieso ist der fort? Kneiper sind doch keine Zugvögel, verflixt nochmal!"

Fluchen ist nicht so Schröders Ding.

Meins war's in dem Moment auch nicht. Ich hab bei Lisa im Blumenladen lauter lila Erika gekauft. Fünf Töppe voll. Und hab sie vor Ingos ehemalige Kneipe gestellt. Und hab's Hubert erzählt. Und abends wusste es das ganze Viertel. Und da lagen schon Kränze da, Orchideen und Vergißmeinnicht. Plüschteddybären und lauter Fotos von alten treuen Stammgästen, die alle geglaubt hatten, dass Ingo von Stammgästen ersoffen ist in diesem Sommer.

Man soll aber nix glauben. Man soll seinen blöden Schweinehund schnappen und jeden Freitag losgehen und gucken, ob die Welt noch in Ordnung ist. Und nur wenn man sich mit eigenen Augen und drei Bier überzeugt hat, dass sie's noch ist, darf man glauben, dass sie's noch ist.

Alles andere ist in den Wind gebellt und in den Regen gemaunzt.

Gute Reise, Ingo.

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