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Bald nun ist Weihnachts-Einkaufs-Zeit - auch und erstmals in den Höfen am Brühl

Karsten Pietsch
Höfe am Brühl.
Höfe am Brühl.
Foto: Ralf Julke
Leipzigs Weihnachtsmarkt muss man gesehen haben! Es hat sich herumgesprochen! Busladungen voller Neugieriger mit Schaulust und Kaufkraft, ganze Sonderzug-Besatzungen rollen an, und alle Leipziger „gehen ä ma übern Weihnachtsmarcht!“ Das muss so sinn! Sonst werds nich Weihnachdn!


Und nun gibt’s noch einen ganz besonderen Weihnachtsmarkt mehr – Shopping witterungsunabhängig, weil überdacht, in den „Höfen am Brühl“. Aus der alten, volksmündlich sogenannten, Bemmenbüchse, von Medien gelegentlich als Blechbüchse bezeichnet, wurde ein Parkhaus, und drum herum bis zum Halleschen Tor Shopping ohne Ende!

„unique selling proposition“

Als Einkaufszentrum sieht es so aus, wie Einkaufszentren anderswo auch. Es sollte aber etwas ganz Besonderes werden, hatten die Bauherren versprochen. Sozusagen eine unique selling proposition, ins Deutsche übersetzt ist das ein Alleinstellungsmerkmal. In der Welt des Tourismusmarketings und der Übernachtungsstatistiken redet man so.

Zumal es eine geschichtsträchtige Gegend ist! Ach so, ja, das Richard-Wagner-Geburtshaus zeigt sich, in grobem Pixelraster skizziert, an der Fassade. Ach, ja! Und drei Innenhöfe tragen altmodische Namen. Na, ja.

Wir hatten es uns anders vorgestellt. Und der Leipziger Barnabas hat es zur Diskussion gestellt, und bekam dafür Applaus. Das war 2010, und das kam so.

Alle Jahre wieder ... ein paar Tage vor Ostern, wird in Münchens „Paulaner“-Brauerei, wie auch dem Leipziger Paulaner-Restaurant in der Klostergasse, gefeiert: „Salvator-Starkbierprobe“. In München werden unter TV-Kamera-Augen Politiker derbleckt, so heißt das dort, von einem Bruder Barnabas. Neuerdings tut das eine Miss Bavaria. In Leipzig steht seit vier Jahren als Bruder Barnabas der Journalist Karsten Pietsch im Mönchs-Habit am Lesepult und hält die Fastenpredigt. Zu seiner Bestandsaufnahme der letzten 12 Monate gesellen sich Verbesserungsvorschläge. Und im Jahre 2010 erträumte sich Barnabas/Pietsch die „Höfe am Brühl“. Und zwar so:

Längst vorbei die Zeit, als Stadtplaner a. D. Niels Gormsen bekannte: erst wollte er die Wohnhäuser wegreißen, als die Abrissbagger kamen, hätte er sie am liebsten stehen lassen und sanieren wollen!

Vorbei der Streit, nehmen wir die Blechbüchsenfassade ab, restaurieren den Jugendstil!

Es wurde gebaggert und geklotzt!

Lost under Shoes: Höfe am Brühl.
Lost under Shoes: Höfe am Brühl.
Foto: Ralf Julke

Leipzig bekommt endlich das, was noch gefehlt hat: Ein neues Einkaufszentrum. Wir haben ja nichts gegen Schuhläden, Stehcafés mit Bäckerei, Juweliere, Apotheken und Reisebüros.

Aber! Aber es wäre Platz genug für eine Einkaufs-Mall und eine zweite Gasse: eine Leipziger Zeitreise mit lebendigen Leipziger Originalen!

Dungeon Leipzig

Ein Dungeon! Wie in London oder in Hamburg, in der Speicherstadt!

Eine Art Geisterbahn! TÜV, DIN und brandschutzgerecht, in Hamburg können aller 7 Minuten rund 20 Leute unterwegs sein!

Wir werden in einem Atrium sitzen, nicht schutzlos ausgeliefert der Sonne, dem Regen und den Sternen, wir werden das schön alt aussehende Geburtshaus von Richard Wagner umrunden, so wie einst das schön alt aussehende nachgebaute Goethe-Gartenhaus-Double, das jetzt in Bad Sulza steht.

Wir laufen weiter zu einem Gasthaus „Zu den drey Schwanen“, in denen ein Großes Concert angesagt ist, wie immer muss man frühzeitig kommen, denn viele Leute drängen nach den Plätzen, um die 16 Musici zu hören. Und abends lässt hier der Universitätsmusikdirektor zum Jazz aufspielen!

Die Neubersche Theatergruppe zieht hier vorbei, auf dem Weg zum Großen Blumenberg, oder andersrum Richtung St. Petersburg, um vor der Zarin zu spielen. Den Weg hätten sie sich sparen können, wenn sie ankommen, wird die schon tot sein.

Goethe, Till, Steiff und Brecht am Tisch

Einkaufen, ohne Leipzig sehen zu müssen: Höfe am Brühl.
Einkaufen, ohne Leipzig sehen zu müssen: Höfe am Brühl.
Foto: Ralf Julke
In einem Lokal mit Weinkeller beim Wirte Schönkopf gibt es um Mitternacht noch eine Suppe, wie sie alle gern aßen, die Studiosi bekamen sie einst bei Käthchen manchmal kostenlos. Ein gewisser Goethe aus Frankfurt am Main auch, der sich gerade komplett neu eingekleidet - modernisiert - hat!

Till Eulenspiegel verhandelt mit einer Horde edel gekleideter Kürschnermeister: über einen Hasen!

Margarete Steiff fährt im Rollstuhl an die Theke und ruft „Allasch für alle!“, und malt Pläne in ihr Auftragsbuch, wie sie in Giengen an der Brenz so bald 3.000 ihrer Teddybären für die Lieferung nach Amerika herstellen kann ...

Bertolt Brecht kommt aus dem Alten Theater von der Uraufführung seines Stückes „Baal“, noch nicht wissend, dass es bald bei der Uraufführung von Kurt Weills Oper „Mahagonny“ mit Brechts Text am Neuen Theater einen Skandal geben wird. Mutig sind sie ja, die Leipziger Theaterdirektoren! Wenn es schon Krach um Dichter gibt, dann wollen sie den in ihrem Haus haben!

Schiller, Blum, Bebel und Liebknecht...

Brecht wird freundlich gegrüßt von einem rothaarigen, rotbärtigen Geist, der über dem Pflaster schwebt: der Theatersekretär Robert Blum, das Unikum aus dem noch älteren Alten Theater, ein Schiller-Fan vor dem Herrn! Der dem Schiller zu Ehren einen Verein von Verehrern gründete, und ein Museum in Gohlis schuf. Das erste Literatur-Museum in Deutschland! Robert Blum, den sie in Wien erschossen haben... Erschossen wie Robert Blum! Wer nichts über Blum weiß, weiß vielleicht das!

Theodor Fontane kommt mit den Apothekerlehrlingen vom Schwimm-Bad in der Parthe! Naja, eigentlich kommen sie jetzt schon vom Biertrinken nach dem Schwimmen aus dem Schweizer-Gasthaus! Und gehen nun zur Arbeit in die Hainstraße, zur Adler-Apotheke! Falls da was schief gegangen sein sollte, da ist längst Gras drüber gewachsen! Und der Fontane wurde zum Glück als Dichter berühmt!

Liebte der Homöopath Samuel Hahnemann eigentlich auch das Schwimmen? Und das Schwarzbier danach?

August Bebel und Wilhelm Liebknecht trinken ein Bier im Stehen. Sie feiern - im kleinen Kreise - dass sie soeben die Sozialdemokratie erfunden haben! Und Wilhelm schreibt eine Postkarte an Marx und Engels und fragt sie als Taufpaten für den kleinen Karl an.

Und nebenan steht Seiferts Oscar vor seinem eigenen Denkmal und parliert. „Leute gooft Gämme, es gommen lausige Zeiten!“,

In einem Rennwagen fährt die junge, traumhaft schöne Blondine Friedel Hönisch, einst Rennfahrerin und Schönheitsfestkönigin, ganz langsam, wie von Geisterhand gezogen, durch die Mall und rezitiert sächsische Lyrik.

Und spätabends geht man hinab in das Badehaus Lotters! Jenes Kaufmanns, Ratsherrn und Bürgermeisters Hieronymus Lotter! Der, dem immer die Lotter-Wirtschaft, das Lotter-Leben und sogar das Lotter-Bett angedichtet werden!

Das Bad ist separiert nach Frauenbad und Männerbad. Exakt getrennt dem Eingang nach, im Innern nur durch ein paar wehende Vorhänge. Rübölfunzeln, Fackeln und Kerzen bilden ein Muschebubu sondersgleichen, so dass ein jeder Zufriedenheit und Entspannung findet...

Ein Tunnel für’s Museum

Durch den Tunnel geht’s zum Naturkundemuseum. Schon der Weg zeigt Leipziger Untergründe, seit der Entstehung der Braunkohle. Und seit 7.000 Jahren siedeln hier Leute. Und drüben ist das ganze Naturkundemuseum eine Wunderkammer, ein vollgestopftes Haus, das ganze Magazin ist das Museum, wie die Naturalien-Wunderkammern in einem alten Kloster.

Genug geträumt. Unsere Museums-Mall in den „Höfen am Brühl“ war nur ein Traum! Träumen wir weiter? Vielleicht bis zum nächsten Umbau?

Noch sind die „Höfe am Brühl“ nicht unique service position (altdeutsch: Alleinstellungsmerkmal) geworden. Mehr ein Einerlei, irgend ein Allerlei ... eben kein ... Leipziger Allerlei. War da nicht etwas … ein einziges und einzigartiges „Leipziger Allerlei“ Ein kulinarisches Erbe, das weiß Gott ein Welterbe sein könnte. Aber von dem ganz bestimmten „Leipziger Allerlei“ redet ja kaum noch jemand ...


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