Video: Attac Leipzig sorgt für Stress bei der Deutschen Bank: Ackermann verhaftet
Ralf Julke
30.09.2010
Attac zieht mit Gefangenem in die Petersstraße.
Foto: Ralf Julke
Am Mittwoch, 29. September, bekam der Wachdienst des Gebäudes Martin-Luther-Ring 2 ein bisschen Stress. Ist ja kein ganz unauffälliges Gebäude: Hier hat die Deutsche Bank ihre Filiale. In Goldlettern steht es am Haus. Und draußen rief ein Sprechchor: "Ackermann, komm raus!"
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Und er kam. Ein wenig fülliger, als man ihn kennt. Aber das kann auch am Schneider liegen. Teure Schneider beherrschen die Kunst, aus fülligen Männern stramme Männer zu machen. Zwei Robin Hoods legten ihre Bögen an, den dicken Fisch zu erlegen. Aber nicht das machte im Hause am Martin-Luther-Ring besorgte Gesichter: Das Leipziger Attac-Bündnis hatte Punkt 12 Uhr einfach mit einem Sperrband den Eingang abgesperrt.
Darauf stand freilich an diesem Tag nicht "Polizei", sondern genau dieselbe Botschaft, die die Attac-Aktivisten per Transparent auch mutig in den verregneten Himmel hielten: "Großbanken zerschlagen! Reichtum umverteilen!"
Attac-Zug in die Petersstraße: Der Gefangene ist hinters Pferd gespannt.
Foto: Ralf Julke
Keine roten Fahnen, sondern nur die orange von Attac. Die Linkspartei demonstrierte diesmal nicht. Aber in der Botschaft treffen sich die Linken und die Globalisierungsgegner. Die hatten am 29. September 2010 noch eine andere Botschaft.
"Zwei Jahre nach der Lehman-Pleite ist die Weltwirtschaftskrise nur für die Vermögenden vorbei", sagte Mike Nagler von Attac Leipzig. "Banken sind mit staatlichen Rettungspaketen gestützt worden, die milliardenschweren Kosten der Krise werden auf die Ärmsten abgewälzt."
Gleichzeitig tue die Bundesregierung nichts, um zu verhindern, dass Banken erneut die Allgemeinheit erpressen können. Sie lasse im Gegenteil zu, dass aus gefährlichen Riesen wie Commerzbank und Deutscher Bank noch größere Monstren werden. "Um Krisen dieser Art in Zukunft zu verhindern, müssen Banken endlich streng reguliert und zu große Institute zerschlagen werden", sagte Nagler. "Und die Krisenkosten bezahlen müssen diejenigen, die von den aufgeblähten Finanzmärkten profitiert und die Krise verursacht haben." Als Gegenkonzept zum Kürzungspaket hat Attac Deutschland am Montag in Berlin ein detailliertes "Umverteilungspaket" vorgelegt.
Die neue Zeitung ist da: Financial Crimes.
Foto: Ralf Julke
Die Leipziger Globalisierungskritiker verteilten bei der Aktion vor der Deutschen-Bank-Filiale auch mehrere hundert Exemplare einer "Financial Crimes", die der bekannten Tageszeitung "Financial Times" auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sieht. Doch statt tagesaktueller Berichterstattung finden sich in diesem Blatt geballte Hintergrundberichte über Ursachen und Folgen der Finanzkrise.
Als Autoren der "Financial Crimes" konnte Attac viele prominente Schreiberinnen und Schreiber gewinnen, etwa den Journalisten und Buchautor Harald Schumann ("Der globale Countdown"), Heribert Prantl, Ressortleiter Politik bei der Süddeutschen Zeitung, Ulrike Hermann, Wirtschaftsredakteurin bei der Taz, den Kabarettisten Georg Schramm ("Neues aus der Anstalt") sowie Daniela Dahn, Mitherausgeberin des "Freitag". Die "Financial Crimes" ist das zweite Produkt aus der Fälscherwerkstatt von Attac und wird in einer Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren deutschlandweit verteilt. Für das Plagiat der "Zeit" erhielt Attac 2009 den Otto-Brenner-Medienprojektpreis.
Der Protest von Attac Leipzig war eingebettet in einen dezentralen Bankenaktionstag, an dem sich Bürgerinnen und Bürger in mehr als 60 Städten beteiligten. Die Aktionen reichten von Straßentheater über Kranzniederlegungen und Blockaden bis zu Besetzungen. Auch europaweit wurde protestiert: Am Mittwoch kam es neben einem Generalstreik in Spanien sowie einer Demonstration in Brüssel zu Protesten und Streiks in Portugal, Italien, Irland, Litauen, Lettland, Tschechien, Zypern, Serbien, Rumänien und Polen.
Robinia ist stolz auf ihren Fang - doch in der Bank im Hintergrund ist man sichtlich besorgt.
Foto: Ralf Julke
Und die Besorgnis im Martin-Luther-Ring 2? - Die bezog sich mehr auf den reibungslosen Geschäftsablauf im Inneren des Hauses. Manche Kunden schlüpften denn auch recht sportlich unter dem Absperrband hindurch, andere stellten bewusst eine beleidigte Miene zur Schau. Wie kann man denn vor einer derart noblen Bank gegen das Gebaren dieser Bank protestieren? - Ein paar Schnappschüsse des emsigen Wachpersonals werden dieser Tage auch die Management-Etagen der größten Deutschen Bank beschäftigen. Wirklich gestört wurden die Geschäfte des Geldinstitutes nicht. Schon nach ein paar lauteren Rufen kam Herr Ackermann freudig aus dem schmiedeeisernen Portal gestürmt - und wurde von den beiden Attac-Robin-Hoods - oder doch eher Robinias - verhaftet und in Ketten gelegt. Attac verlas die offiziellen Anklage-Punkte speziell gegen die Deutsche Bank und ihren Sprecher Josef Ackermann, die beide keine geringe Rolle spielen in der 2008er Finanzkrise und darin, im Nachhinein die 2008/2009 vollmundig angekündigten Regulierungen für die Banken zu verhindern.
Attac hat die Rolle der Großbanken vom 9. bis 11. April 2010 bei einem "Bankentribunal" in Berlin recht öffentlichkeitswirksam und detailliert aufgearbeitet. Immerhin weiß man in dieser Initiative recht genau, wovon man spricht. Die Forderungen von Attac, den Finanzsektor weltweit zu regulieren, damit genau das, was 2008 ablief, nicht geschieht, stammen aus den frühen 1990er Jahren.
Die bloßen Fakten sprachen also gegen den Burschen, der an diesem vernieselten Septembertag die Rolle des Dr. Josef Ackermann spielte. Mit sichtlich selbstgedruckten 500-Euro-Noten versuchte er, sich bei seinen Wächtern loszukaufen. Doch diesmal gelang es ihm nicht. Er wurde hinter ein braves weißes Pferd gespannt und öffentlich durch die Petersstraße eskortiert. Auf dem Marktplatz wurde noch einmal die Anklageschrift verlesen und der Chef der Deutschen Leitbank in Sicherheitsverwahrung übergeben.
Spektakuläre Verhaftung vor den Toren der Bank.
Foto: Ralf Julke
Gleichzeitig haben ja gestern auch Tausende in Dresden gegen die speziellen sächsischen Kürzungsorgien protestiert. Auch da spielt die Zockermentalität einer bestimmten Bank ja bekanntlich eine wesentliche Rolle. In diesem Fall waren es die Verantwortlichen der Sächsischen Landesbank, die über ihre Tochtergesellschaften Sachsen LB Europe plc, die Conduits Ormond Quay und Georges Quay mit unsicheren Wertpapieren gezockt hatte und schon 2007 - noch vor dem Ausbruch der Subprime-Krise - in die Malaise schlitterte.
Und hätten nicht die anderen Landesbanken einen Teil der wahrscheinlichen Kreditausfälle übernommen - der Freistaat Sachsen wäre pleite. Denn die Gesamtrisiken aus dem Geschäft der Sachsen LB beliefen sich am Ende auf über 17 Milliarden Euro. Das ist mehr als ein kompletter sächsischer Jahreshaushalt. Für einen Teil davon stehen mehrere deutsche Landesbanken in der Haftung - man geht von rund 8,5 Milliarden Euro aus.
Großbanken zerschlagen, Reichtümer umverteilen: Attac präsentiert seinen Gefangenen.
Foto: Ralf Julke
Die LBBW, die Ende 2007 die Sachsen LB kaufte, steht für immerhin 6,4 Milliarden Euro gerade. Selbst das wäre eine Summe, die der Freistaat Sachsen nicht stemmen könnte. Der ist bis 2019 mit einer Bürgschaft von 2,75 Milliarden Euro in die Haftung gegangen. Über 700 Millionen davon hat er schon zurückgelegt und es sieht ganz so aus, dass Finanzminister Georg Unland damit rechnet, dass bis 2019 die komplette Summe fällig wird. Auch deshalb scheint der Doppelhaushalt 2011/2012 derart zurechtgestutzt zu sein, dass es auch in wichtigen Existenzbereichen heftige Einschnitte gibt.
Mit einem Großteil der geplanten Einsparungen bezahlen die Sachsen schlichtweg für die Zockereien im Schattenfeld der Sachsen LB.
Für den 3. November wurden schon weitere massive Proteste gegen die Kürzungspolitik der Sächsischen Staatsregierung in Dresden angekündigt.
Und wer wissen will, was in der nachempfundenen "Financial Times" stand, kann es auch hier lesen: www.financial-crimes.net
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