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Video: Menschenkette am Brühl demonstriert gegen den Abriss

Michael Freitag
Ein Gefühl von fehlender Mitbestimmung und Informationen am Leipziger Brühl
Ein Gefühl von fehlender Mitbestimmung und Informationen am Leipziger Brühl
Foto: Info TV
Die Debatte wirkt, nun da sie sich vermutlich dem Ende zuneigt, fast wie der klassische griechische Dramenaufbau. Langsamer Beginn – es wird eine neue Mall im Zentrum von Leipzig geplant. Die Blechbüchse wird entkleidet. Anschließend Krisis – die Bürger sind entsetzt, Protest für die alte Fassade.

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Ein L-IZ-Leser schrieb vor wenigen Tagen in einem Leserbrief: "Und noch eine Zeitung, die sich für die alte Fassade stark macht." – und lag damit falsch. Es geht nicht "nur" um eine Fassade, sondern – wie bei so vielen Vorgängen – um das Gefühl der Leipziger, mitbestimmen zu wollen, was in und mit ihrer Stadt geschieht. Das Stimmungsbild an der derzeit ehemaligen Blechbüchse bleibt durchwachsen, auch aufgrund fehlender öffentlicher Aufklärung seitens der "Entscheider" im Bauplanungsprozess. Und eben diese hat der gleiche Leser quasi angefragt. Eine der zentralen Fragen bleibt nämlich, in welchem Zustand die Fassade des 1908 gebauten Gebäudes wirklich ist.

Von Interesse wäre es also, ein mineralogisches Gutachten über den wirklichen Zustand des ehedem durch einen Brand hocherhitzten Sandsteines, welcher die Restfassade des alten Kaufhaus am Brühl bildet, öffentlich einzusehen. Statik statt Optik könnte beim Beurteilen des Abrissvorhabens helfen – bevor umgesetzt, weggekarrt und eingelagert wird. Allgemein bekannt dabei ist, Sandstein verliert über 50 Prozent seiner Zugfestigkeit bei einer Hitzeeinwirkung von 900 Grad Celsius. Eine rötliche Verfärbung zeigt dabei ab etwa 350 Grad Celsius als sichtbares Zeichen ausfallende Eisenanteile auf. Ab 400 Grad Celsius wird Sandstein allgemein gesprochen zunehmend porös und instabil, das tonige Bindemittel des Natursteines zerfällt langsam ab 600 Grad, feine Microrisse sind dann festzustellen.

Aber gibt es denn ein Gutachten zum mineralischen Zustand der Restfassade in Leipzig? Zumindest liegt der Leipziger Internet Zeitung und vielen anderen Bürgern der Stadt derzeit keines öffentlich vor. Von Stadt und Bauträger wurde es zumindest noch nicht von sich aus vorgelegt, das schafft Platz für Verunsicherungen.

Leipziger umstellten gestern die Baustelle am Brühl, um für eine Sanierung der Fassade am Kaufhaus Brühl zu demonstrieren
Leipziger umstellten gestern die Baustelle am Brühl, um für eine Sanierung der Fassade am Kaufhaus Brühl zu demonstrieren
Foto: Info TV

Also begehrt der Mensch, was er seit dem 17. März 2010 sieht. Ein Stück Geschichte, über hundert Jahre alt, in sanftem Bogen geschwungener Stein am Brühl. Und die Freunde der "Blechbüchse" kämpfen neben dem Argument der baulichen Vorplanungen auch ein klein wenig um einen Rest von DDR-Moderne. Hier hört man die Worte: unmöglich zu sanieren. Beiden Seiten fehlt es nicht an berechtigten Gefühlen und Emotionen, dafür an tiefergehenden Argumenten.

Ein Geruch von "Restauration" contra "Moderne" und DDR-Schick kommt auf.

Rund 250 Leipziger haben sich gestern eingefunden, um eine symbolische Menschenkette rund um die Großbaustelle im Zentrum zu bilden. Man fragt sich schon – immerhin 250 oder nur. Ob und wie marode das Mauerwerk nach dem Brand am 04. Dezember 1943 wirklich ist, wissen die Demonstranten um Moderator Renato Bodenburg auch nicht wirklich genau. Was sie und viele Leipziger umtreibt, ist dieses flaue Gefühl, übergangen und schlecht informiert worden zu sein. Und genau darum geht es beim "Kulturkampf" Blechfassade contra Sandsteinrestauration.

Der Moderator Renato Bodenburg am 17. April natürlich mit vor Ort ...
Der Moderator Renato Bodenburg am 17. April natürlich mit vor Ort ...
Foto: Info TV

Da kann MFI eigentlich mehr tun, als freundlich "Basta" zu sagen (die L-IZ berichtete). Für die Einbeziehung der Leipziger bei dieser Frage ist es noch nicht zu spät. Wenn denn bereits vor Jahren alles geprüft und abgeklärt wurde – warum nicht jetzt einfach noch einmal das Gutachten zu den Brandschäden seitens der Stadt oder des Bauträgers veröffentlichen?

Die Katharsis im Drama steht noch aus. Vielleicht kann der Bauträger MFI statt einer Begründung, welche sich nach "Alles bereits demokratisch geklärt, tut uns Leid." las, durchaus belegen, dass der Sandstein des ehemaligen Kaufhauses bei dem Luftangriff der Alliierten am 04. Dezember 1943 mineralisch so porös wurde und an Zugfestigkeit verlor, dass die Sanierung am Ende zur Katastrophe führen könnte. Vielleicht kann es der Bauträger aber auch nicht.

... wie weitere rund 250 Leipziger Bürger.
... wie weitere rund 250 Leipziger Bürger.
Foto: Info TV

Wenn dann nämlich Automobile bei saniertem Sandsteinbau hinein- und hinausfahren würden, also in größerer Anzahl auf dem Gebäude lasten, wäre die Statikabklärung vorab von großer Bedeutung. Fiele eben diese Klärung, am besten von unabhängiger Stelle, nun der Hast der Zeit zum Opfer, wäre das ein schlechtes Signal an die Leipziger.

Noch in Jahren stünden sie so wohl am dann neu errichteten Parkhausgebäude am Brühl und würden das Gefühl nicht los, übergangen oder gar betrogen worden zu sein. Ein ebensolcher Vorgang läuft gerade zeitlich parallel im Stadtteil Lindenau – unter anderen Vorzeichen und bei gleicher Frustration.

Und an dieses Gefühl kann sich so mancher Leipziger noch gut erinnern. Es hat ihn bereits damals auf die Straße getrieben.

Weitere Kurzinformationen zum Verhalten von Sandstein bei Hitzeeinwirkung: www.baufachinformation.de/denkmalpflege

 
Menschenkette am Brühl demonstriert gegen den Abriss.
Quelle: info tv Leipzig


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