Video: Ausstellungseröffnung "Hauptsache Arbeit" im Zeitgeschichtlichen Museum
Ralf Julke
15.12.2010
Foto: Ralf Julke
Manche Ideen kommen einfach. "Ganz naiv", sagt Dr. habil. Harald Biermann. Er ist Direktor Kommunikation der Stiftung Haus der Geschichte und in der Regel dicht dabei, wenn neue Ausstellungen für das Haus der Geschichte und sein Pendant in Leipzig geboren werden. "Und das Thema Arbeit war schon öfter im Gespräch."
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Arbeit ist ja ein moderner Mythos. Der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin hat darüber 1995 schon ein Buch veröffentlicht: "Das Ende der Arbeit". Der Buchtitel erinnert nicht ohne Grund an einen anderen Wälzer, der Anfang der 1990er für Furore sorgte: Francis Fukuyamas "Das Ende der Geschichte". Doch während Fukuyama das Hohelied des anbrechenden (neo-)liberalen Zeitalters sang, steckte in Rifkins Analyse ein gerüttelt Maß Warnung vor der völligen Befreiung der Märkte.
Denn was da verschwindet - auch in Deutschland - sind die klassischen Fabrikarbeitsplätze. Die Produktion wird weltweit immer stärker automatisiert, immer mehr körperliche Arbeit wird durch den simplen Erfindergeist der Menschen von Maschinen bewältigt. Und genau an dem Punkt warnt Rifkin in seinen späteren Büchern vor dem, was Fukuyama noch grenzenlos lobte: die völlige Ökonomisierung der Gesellschaft.
Und so ähnlich hat auch Prof. Dr. Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, das Problem gesehen, als 2009 die Vorarbeiten zur Ausstellung "Hauptsache Arbeit. Wandel der Arbeitswelt nach 1945" begann. Die Federführung lag zwar bei Dr. Christian Peters, der die Ausstellung für das Haus der Geschichte in Bonn konzipierte. Doch natürlich brauchte es auch Zuarbeiten aus Leipzig. Denn die Veränderung der Arbeitswelt sollte für alle drei deutschen Staaten der jüngeren Geschichte dargestellt werden: die DDR, die alte Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland nach 1989.
Rainer Eckert, Christian Peters und Harald Biermann zur Pressekonferenz.
Foto: Ralf Julke
Die wichtigste Überraschung für die Ausstellungsmacher: Die Einstellung zur Arbeit und ihrer Rolle unterschied sich in allen drei Ländern kaum. Arbeit ist ein Lebensinhalt. "Der allseits bekannte Spruch 'Arbeit ist das halbe Leben' ist eigentlich noch zu tief gestapelt", stellt Peters fest als Resümee für 40 Langzeitinterviews mit Menschen in Ost wie West, die den Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 miterlebt haben und mit dabei waren, als die große Fabrik in Wolfsburg oder das Eisenhüttenkombinat Ost in Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) das Bild der modernen Arbeit veränderten. "Für die Meisten bedeutet Arbeit eine Sinngebung und soziale Teilhabe", sagt Peters. "Und Arbeit ist auch weiterhin ein hoher Wert." Das zeigen dann 30 Kurzinterviews, in denen auch junge Leute in Ausbildung zu Wort kommen oder Menschen, die gerade ihre Arbeit verloren haben.
Wobei man da schon korrigieren muss. Um Arbeit geht es ja da gar nicht, sondern um den Erwerb und das Erwerbseinkommen. Manchmal auch um den Job. Ein Thema, bei dem Rainer Eckert kämpferisch wird. Denn: "Jobs sind etwas Flüchtiges. Arbeit ist ein Lebensinhalt." Auch Worthülsen wie "Freizeitpark Deutschland" oder "soziale Hängematte" machen ihn kampflustig, weil sie den Realitäten nicht entsprechen. Weder sei Deutschland ein Freizeitpark, in dem die Menschen nur noch arbeiteten, um ihr Vergnügen zu finanzieren, noch sei das, was etwa Hartz-IV-Empfänger erlebten, ein Leben in der Hängematte. Gerade sie empfinden den Verlust eines Erwerbseinkommens in der Regel als echte Ent-Wertung und gesellschaftliche Degradierung.
Und die Ausstellung thematisiert auch nicht das Verschwinden von Arbeit, sondern 65 Jahre eines erlebbaren Wandels von Arbeit. Dargestellt nicht nur an den großen Fabriken der 1950er Jahre, sondern auch an der schon in den 1960er Jahren sichtbar werdenden Veränderung durch das, was man heute so landläufig "Globalisierung" nennt. Auch kein wirklich neues Phänomen. Damit hat sich schon ein Kettenraucher namens Karl Marx im 19. Jahrhundert beschäftigt. Und mindestens ebenso lange wirkt auch der Druck dieser weltweiten Produktionsteilung: Industrien, die mithalten wollen, sind zu Kostenminimierung und ständiger Innovation verdammt. Im 20. Jahrhundert hat man das oft mit Worten wie Automatisierung und Rationalisierung beschrieben. Es gehört alles zusammen. Und es hat Folgen.
Für die Textilindustrie der Bundesrepublik schon in den 1960er Jahren. Sie war die erste, die fast flächendeckend aus dem Westen Deutschlands verschwand, während die Katalogproduktion noch für fast 30 Jahre in ein Billiglohnland wie die DDR abwanderte.
Arbeiten vor 50 Jahren: das Eisenhüttenkombinat Ost.
Foto: Ralf Julke
Aber genau diese Jahrzehnte zeigen auch, wie zwar die Industrie immer wieder neue Arbeitskräfte "freisetzte", gleichzeitig aber auch immer neue Wirtschaftszweige entstanden, was mit der Computerisierung ab den 1980er Jahren noch einen ganz neuen Schub bekam. Es entstanden neue Betätigungsfelder. Und es begann der Begriff "Job" zu grassieren, weil - befeuert durch die Chicagoer Schule - auch eine neue Philosophie einzog: Das bewusste Entwerten von Arbeit - verbunden mit dem erhöhten Druck, prekäre Beschäftigungen auch mit prekären Einkommen zu verbinden.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der ein Großteil der Arbeit schlecht oder gar nicht mehr bezahlt wird. Und immer wieder wird der "Markt" oder der "Wettbewerb" als Argument angeführt. "Man kann damit nicht alle sozialen Einschnitte rechtfertigen", sagt Rainer Eckert. Und auch Peters und Biermann sehen es ganz ähnlich. Die Idee, eine Ausstellung zur Veränderung der Arbeitswelt zu machen, hat ja auch damit zu tun, dass Arbeit augenscheinlich für den Menschen eben mehr ist als ein Job und ein Erwerb. Besonders die vielen Interviews, die in der Ausstellung interaktiv aufgerufen werden können, zeigen, wie sehr Menschen sich auch und gerade über Arbeit sozial anerkannt sehen, wie sie in ihrer Arbeit persönliche Erfüllung und gesellschaftliche Teilhabe finden.
Es stehen zwar rund 600 Exponate in der am gestrigen Dienstag, 14. Dezember, eröffneten Ausstellung. Darunter recht eindrucksvolle wie uralte Fabriknähmaschinen, ein Schweißeranzug, ein Traktor oder die ersten computerisierten Setzmaschinen (die dem uralten Beruf des Setzers den Garaus machten). Aber besonders fasziniert hat augenscheinlich die Besucher der Ausstellung in Bonn, wo sie seit Dezember 2009 zu sehen war, die Interaktivität. Sie haben die Dutzenden Stationen genutzt, an denen sie die Zeitzeugen sprechen lassen konnten. Und sie haben sich aufs Ergometer geschwungen in jenem Ausstellungsteil, in dem eine Installation der Dresdner Künstlergruppe "Reinigungsgesellschaft" dazu einlädt, ein bisschen zu strampeln für die bereitgestellte Informationen. Denn die dort abrufbaren Informationsfilme bekommt nur zu sehen, wer sich in die Pedalen kniet.
So sah es auch einmal in deutschen Nähfabriken aus.
Foto: Ralf Julke
Veränderung der Arbeitswelt wird auch an großen, bekannten Konzernen erlebbar gemacht. Der Dresdner Bank zum Beispiel, die sich - einst eines der größten deutschen Geldhäuser - mittlerweile in Luft aufgelöst hat. Oder der guten alten Bundespost, die als Aktiengesellschaft versucht, ein großer "global player" zu sein. Anhand der auf vier Kontinente verteilten Produktion eines Handys wird fast zum Schluss erlebbar, wie moderne Produktionsteilung funktioniert. Und dann darf man, wenn man fleißig interagiert hat, darüber nachdenken: Was wird denn nun künftig aus der Arbeit?
Ziemlich sicher ist: Sie wird nicht verschwinden. Sie ist das eigentliche und wichtigste Feld gesellschaftlicher Teilhabe, auch wenn das in neoliberalen Wirtschaftstheorien einfach nicht vorkommt.
Wie Arbeit und Arbeitsteilung freilich künftig aussehen werden, das kann auch kein Experte sagen. Denn es ist - zum Glück - kein Einmaleins für Milchmädchen oder die Zaubergenies diverser "wirtschaftskompetenter" Parteien. Es ist ein Prozess, in dem - das belegen selbst die Bankenrettungen von 2008, 2009, 2010 ... - der Staat als Regulativ unersetzbar ist. Der viel beschworene "Markt" regelt nichts. Schon gar nicht, wenn Gesellschaften ihren größten Reichtum auf diesen "Markt" schmeißen, als wäre es Futter für Schweine.
Und dieser Reichtum ist - wer hätte das gedacht - die ganze Vielfalt menschlicher Arbeit.
Höchste Zeit also für so eine Ausstellung und für das Nachdenken über die simple Frage: Was ist Arbeit?
Die Ausstellung "Hauptsache Arbeit. Wandel der Arbeitswelt nach 1945" im Zeitgeschichtlichen Museum Leipzig ist vom 15. Dezember 2010 bis zum 8. Mai 2011 als Wechselausstellung zu sehen. Eintritt frei.
Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen, das im Museumsshop für 19,90 Euro erhältlich ist.
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