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2008: Die LIZ verrät ihre innigsten Wünsche

Ralf Julke
Gleich geht's los. Erst zählen 78 verschiedene Moderatoren und Silvesterpraktikanten im deutschen TV nieder, brüllen ins Mikrophon, damit alle glauben, man ginge mit 100 Dezibel an den Start und nicht mit 3 Promille. Und dann gibt es Luftballons, Konfetti, Schrammelmusik und tanzende Blondinen. Wie sollte man eigentlich starten in ein neues Jahr? .

Schöne Frage. Zum Neujahrslauf zieht es ja doch nur die Dauer-Enthusiasten Der findet morgen wieder statt, ausgerichtet vom Stadtsportbund und der SG Olympia. Die Streckenführung in Leipzigs Innenstadt geht wie im vergangenen Jahr wieder über Peters-, Schiller- und Universitätsstraße. Start und Ziel ist wieder in der Grimmaischen Straße vor der "Galeria Kaufhof". Womit dann schon mal der Sponsor genannt ist. Nutzt das was?

Dem Neujahrslauf bestimmt. Ohne Sponsoring geht im Leipziger Sport so gut wie gar nichts mehr. Klamm geht die Stadt auch ins nächste Jahr. Dabei hat sich Finanzbürgemeisterin Bettina Kudla so gewünscht, dass es etwas weniger klamm sein sollte. Immerhin durfte sie in den letzten Jahren sinkende Schuldenstände vermelden. 900 Millionen Euro waren es noch vor einem Jahr. Im September waren es 889 Millionen. Das war kurz vor den Trauerenachrichten aus der Steuerecke: Ein größeres Telekommunikationsunternehmen erspart sich lieber die höheren Leipziger Steuersätze.

Deswegen gibt es im Januar eine heftige Debatte um den neuen Haushalt 2008. Haupttenor: Sparen. Sonst erhöht sich das strukturelle Defizit der Stadt am Jahresende. Prognostiziert sind rund 44 Millionen Euro.

Spannend wird das Jahr spätestens am 27. Januar zum Bürgerentscheid über die kommunalen Unternehmen. Wenn sich die Bürger gegen einen Verkauf entscheiden, gibt es in diesem Jahr auch keinen Teilverkauf der Stadtwerke. Dann muss die Finanzbürgermeisterin neu rechnen. Und darf natürlich bangen: Allerlei Bescheidwisser warnen vor einer Schwächung der Konjunktur. Auch wenn sie sich allesamt streiten: Werden trotzdem neue Arbeitsplätze geschaffen? Oder werden alte wieder abgebaut? Gibt es höhere Einkommen? Und wenn ja: Für wen?

Denn irgendwie scheint ja alle Gnadengabe 2007 an den Westsachsen vorbei gegangen zu sein. Die Arbeitslosenzahl ist zwar gesunken. Aber dafür stieg auch die Zahl der ALG-II-Bezieher, die nicht genug verdienen mit Arbeit. Und so wird die Stadt ihren größten Zahlposten nicht los. Und hat noch weiteren Ärger an der Backe. Im Klimaschutz ist praktisch nichts passiert. Seit Jahren. Und dabei war man so stolz im Mai, als an der Pleiße die "Leipzig Charta" verabschiedet wurde. Quasi eine Modellskizze der Art Stadt, die zukunftsfähig ist.

Leipzig wird zwar gern als Vorbild genommen. Und in wenigen Städten wird so viel experimentiert wie hier. Aber es will einfach nicht in eine handfeste, belastbare Politik münden. Die Konzepte von gestern verhindern die notwendigen Taten von heute. Vor einem Jahr hockte sich die komplette Verwaltung in abgelegenen Werkstätten zusammen, um die Grundlagen für ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept auszuarbeiten. Der OBM schwärmte davon wie von einem Klassenausflug. Zwölf Monate später hat das Seko noch immer keine Konturen, wird wohl erst Mitte des Jahres zur Diskussion reifen. Von integrierten Ansätzen ist noch nicht viel zu sehen. Dazu müsste man die richtigen Fragen stellen.

Beim Stadtentwicklungsplan Zentren etwa, den man einst in einem EU-Projekt untersuchen wollte: "Einkaufszentren und Verkehr". Dem Verkehr stehen Verwaltung und Stadtrat so hilflos gegenüber wie 1993, als man ein millionenschweres Verkehrskonzept beschloss. Das Konzept verstellt den Akteuren bis heute die Sicht auf die Wirklichkeit. Der "Luftreinhalteplan" der Stadt entpuppte sich im dritten Jahr in Folge als Luftnummer. Die Instrumente der alten Ära greifen nicht. Und: Was hat das mit der in der "Leipzig Charta" skizzierten "kompakten europäischen Stadt" zu tun, der "Stadt der kurzen Wege", von der die Marketingverantwortlichen so gern schwärmen?

Bislang noch nichts.

Deswegen.

Wünscht die Leipziger Internet Zeitung allen Leipzigern - wirklich ALLEN - im Jahr 2008:
  • die nötige Muße und Geduld zum Nachdenken,
  • den Mut zum Zurückstecken, wenn Prestigeprojekte nicht gelingen wollen,
  • das Verständnis für die schwächeren Mitbürger, das sich nicht im "Restaurant des Herzens" erschöpfen darf,
  • die Konsequenz, Nicht-Bewährtes von der Agenda zu nehmen,
  • die Lust darauf, wieder in menschlichen Größenordnungen zu denken: fußläufig, kindergerecht, familienfreundlich,
  • die Freude am notwendigen Verzicht - nicht nur auf China-Böller und Zigaretten, sondern auch auf 50 PS oder das Parkrecht in der Leipziger City,
  • die Energie, sich im eigenen Stadtteil einzumischen, wenn Händchen und Köpfchen gebraucht werden,
  • die Ausdauer, für gute Ideen zu kämpfen,
  • den Nerv, für eine lebendige Stadt auch gegen die Großen und Starken einzustehen,
  • das Vertrauen darauf, dass auch Frauen gute Chefinnen sind und Basta-Primaten garantiert IMMER die falsche Personallösung,
  • den kritischen Geist zu bewahren bei allen täglichen Verheißungen - den guten wie den schlechten,
  • die Laune am Lernen nicht zu verlieren und am Nachfragen - wenn niemand antworten kann, sollte man sich auch vor der alten Erkenntnis nicht sträuben: Der Kaiser ist nackt.

Das ist unbequem. Das macht die Potemkinschen Dörfer so schwer zu realisieren.

Aber wer versprach den Leipzigern in der Stunde ihrer Geburt ein bequemes Leben? Außer Mama. Und die würde dem quäkenden Schreihals noch ganz andere Sachen versprechen. Denn der Balg ist ja Zukunft. Eltern, die alle Entwicklungsetappen mitgemacht haben, wissen, was das heißt: 25 Jahre Kummer, Sorgen und Lebensfreude.

Natürlich könnte man der Stadt jetzt auch viele Kinder schenken. Und alle Zahlen beweisen: Die jungen Frauen geben sich alle Mühe. Wenn der Zeiger auf die Zwölf rückt, werden so um die 4.400 bis 4.500 Leipziger Kinder des Jahrgangs 2007 geboren worden sein. Die Einwohnerzahl wird irgendwo 508.000 verharren, vielleicht etwas drüber. 20.000 Leipziger weden weggezogen sein, vielleicht 21.000 hergezogen, angelockt vom Glanz der quirligen Großstadt, die wieder da und dort mit alten Tugenden und Schönheiten glänzt. Und jenem verflixten urbanen Kern, in den es gerade die jungen Familien zieht.

Mit allem Ärger für den Sozialdezernenten, der sich nur immer entschuldigen kann: Damit konnten wir doch nicht rechnen! - Wie denn auch? Stadtpolitik ist eben nicht nur Technologie. Es ist auch Psychologie. Was ein Näschen dafür voraussetzt, warum es es so viele Leute aushalten in dieser Stadt.

Achja, das Näschen wünschen wir uns natürlich ganz herzlich von jedem, der sich 2008 für diese vielgelobte Stadt verantwortlich fühlt. Ein Näschen auch dafür, wie Freiheit sich leben lässt in so einer Stadt und auch geben. Aber wer gibt schon gern Verantwortung ab?

Was Leipzig 2008 wahrscheinlich nicht braucht, ist ein Freiheitsdenkmal. Es würde nur ablenken von der so ungern gelernten Weisheit, dass Freiheit täglich neu errungen sein will. Auch gegen so unsterbliche Widersacher wie Bequemlichkeit, Kontrollzwang und Inkompetenz.

Die LIZ wird, das ist versprochen, zumindest versuchen, ihr Teil beizutragen, dass Leipzig so wird, wie es in Erklärungen und Memoranden eigentlich sein soll. Sie wird täglich berichten. Vielleicht noch ausführlicher als im letzten Jahr. Mit kritischen Lesern, die auch mal nachfragen. Und die sich - mit Recht - noch mehr Geschichten wünschen aus der Stadt. Die wird es geben. Und noch ein ganzes Bündel von Änderungen, Neuerungen, Erweiterungen dazu. Nicht gleich am 1. Januar. Manches braucht seine Zeit. Aber Stück für Stück.

Das Jahr kann also spannend werden. Stoßen wir drauf an!


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