Kanalnachbarschaft: Mütter aus dem Leipziger Westen trainieren für die Rückkehr ins Erwerbsleben
Kerstin Grießmeier
26.11.2009
Kanalnachbarschaften
Wenn Frauen nach der Elternzeit beruflich nicht wieder voll durchstarten können, liegt das selten an den Frauen. „Das Hauptproblem ist die Kinderbetreuung“, sagt die Leipziger Soziologin Karin Lange. Sie leitet ein Projekt, in dem Frauen aus dem Leipziger Westen ihre Elternzeit schon einmal nutzen fürs Comeback.
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Sie erlernen die Webseitengestaltung – und Kontakte zu lokalen Arbeitgebern zu knüpfen, noch während ihre Kinder betreut werden.
Es ist 9 Uhr morgens. Auf den Bildschirmen der Computer im Medienkabinett der GaraGe in der Karl-Heine-Straße flimmert ein Satellitenbild des Karl-Heine-Kanals, auf dem mehrere Punkte markiert sind. „Das ist nicht immer logisch, manches muss man einfach so schlucken“, erklärt Webdesignerin Ines Bolle. Mit ihrer Hilfe soll später ein Klick auf dem Satellitenbild zu Kurzvorstellungen von in der Nähe gelegenen Unternehmen und Informationen zu lokalen Vereinen und Initiativen führen.
Im Medienkabinett der GaraGe ...
Hier entsteht die Homepage www.Kanalnachbarschaften.de, die sich mit der Nachbarschaft des Karl-Heine-Kanals auseinandersetzt. Neben den Vorstellungen von Unternehmen und Initiativen sollen dort auch Plätze für Familien präsentiert werden. An den Rechnern sitzen allerdings keine ausgebildeten Webdesignerinnen oder Informatikerinnen: Hier arbeiten unter anderem eine Pharmazeutische Technische Assistentin, eine Diplompsychologin und eine studierte Kulturmittlerin zusammen.
Die neun Frauen zwischen 25 und 40 Jahren verbindet, dass sie Mütter kleiner Kinder sind, aus dem Leipziger Westen kommen und sich beruflich weiterqualifizieren oder umorientieren wollen und sich für das Erstellen von Webseiten interessieren.
Der zweimonatige Workshop im Rahmen des Projekts Wasser im Westen soll dafür eine Grundlage bieten: „Ich hoffe, dass wir mit diesem Kurs Hemmschwellen gegenüber der Webtechnik abbauen können. Gemeinsam mit anderen Frauen fällt das vielen leichter als in gemischten Gruppen“, sagt Projektkoordinatorin Karin Lange. Sie ist Wissenschaftlerin am Institut für Soziologie der Universität Leipzig, wo der Workshop im Rahmen des EU-Projekts Wasser im Westen entwickelt wurde. Lange ist selbst Mutter zweier Kinder im Kindergartenalter und kennt die besonderen Herausforderungen, die der berufliche Wiedereinstieg mit sich bringt: „Vielen hochqualifizierten Frauen fehlt es nicht an Einsatz oder Engagement, sondern an einer Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder“.
Für die Dauer des Workshops hat sie dieses Problem gelöst: Die Mütter wissen ihre Kinder im nahegelegenen Mütterzentrum Linde e.V. von 8 bis 12 Uhr gut betreut und können sich ganz dem anspruchsvollen Inhalt des Kurses widmen: Die Seite wird vollständig von den Kursteilnehmerinnen erstellt – vom Entwurf des Layouts bis zur technischen Umsetzung in HTML. Auch alle Texte auf der Seite werden von den Teilnehmerinnen verfasst, Fotos selbst geschossen und digital bearbeitet.
... entsteht durch die Frauen das Webprojekt Kanalnachbarschaften.de
Das ermöglicht Einblicke in sehr unterschiedliche Arbeitsbereiche, setzt an vier Vormittagen pro Woche allerdings auch ein straffes Programm, das mit Hilfe von Fachleuten umgesetzt wird: Webdesignerin Ines Bolle vermittelt die Grundlagen der Internetseitengestaltung und erklärt, wie man diese mit Hilfe von HTML und CSS umsetzt. Die selbständige Unternehmerin hofft, neben den fachlichen Inhalten auch den Schritt in die Selbstständigkeit schmackhaft zu machen: „Man braucht einfach nur den Mut“, sagt sie.
Der Leipziger Fotograf Swen Reichold bringt den Teilnehmerinnen die Grundzüge des Fotografierens und der digitalen Bildbearbeitung bei. Beides wird in der Arbeit für die Webseite sofort praktisch erprobt, die Steckbriefe werden mit eigenen Bildern illustriert, also müssen während des Kurses sowohl gelungene Architekturfotos als auch ausdrucksstarke Porträts interessanter Gesprächspartner entstehen.
Auch wie man gute Texte schreibt und aussagekräftige Interviews führt, gehört zum Inhalt des Kurses, denn die Projektteilnehmerinnen sollen in direkten Kontakt zu Unternehmen und Institutionen in der Nähe treten: Sie führen Interviews mit Unternehmensvertretern und Kreativen aus dem Leipziger Westen.
Einerseits sollen diese Gespräche die Inhalte für die Unternehmenssteckbriefe und Textbeiträge zu Institutionen und Vereinen auf kanalnachbarschaften.de liefern. Wichtig ist aber auch ein zweiter Aspekt dieser persönlichen Kontakte: „Im Rahmen des Projekts wird es leichter, auf potenzielle Arbeitgeber direkt zuzugehen. Im Idealfall ergeben sich für die eine oder andere Teilnehmerin aus diesen Kontakten berufliche Perspektiven“, erklärt Projektkoordinatorin Lange.
Ob das gelingen kann, hängt jedoch stark davon ab, ob die Frauen Betreuungsplätze für ihre Kinder finden. Je nach persönlicher Situation sind die Motivationen der Teilnehmerinnen, am Kurs teilzunehmen, sehr unterschiedlich und reichen von dem Wunsch „mal rauszukommen“ oder „eine private Homepage für die eigene Familie“ zu erstellen oder dem Ziel mit Vertretern der lokalen Wirtschaft ins Gespräch zu kommen, bis hin zu konkreten Plänen, in Zukunft als Selbständige Webseiten zu erstellen und dafür weitere Kurse zu belegen.
Das nächste Etappenziel ist allerdings die Vorstellung der fertigen Webseite, zu der auch die Interviewpartner eingeladen sein werden. Bis diese fertig ist, werden die Projektteilnehmerinnen noch zahlreiche Zeilen HTML-Code verfassen, Fotos schießen und bearbeiten und Interviews führen und auswerten, um daraus druckreife Texte machen.
Einige dieser Beiträge werden auch in der Leipziger Internet Zeitung zu lesen sein.
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