Ein großes Fragezeichen am Lindenauer Markt: Ein kleiner Rundgang durch die Geschichte eines Stadtteilcenters
Daniel Thalheim
10.03.2010
Lindenauer Markt
Foto: Ralf Julke
Es ist kalt in Leipzig. Der scharfe Wind treibt die Schneeflocken über das freigeräumte Gelände in Alt-Lindenau, wo ein Stadtteilcenter entstehen soll. Mit knapp genauso viel Verkaufsfläche wie das Reudnitzcenter oder das Center Leipzig Gohlis-Süd. Darauf für den ruhenden Verkehr ein offenes Parkdeck mit Straßenlaternen. Und es wird nach innen gerichtet sein.
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„Allen Beteuerungen zu trotz, die Pläne zeigen damals wie heute ein nach innen gerichtetes Center mit einer Mall. Die Läden besitzen keine zur Straße gerichteten Zugänge zum Kaufland.“, sagen Michaela und Frank Kindler, die eine Tischlerei betreiben und das Haus in der Henricistraße 14 vermieten. „Wir verstehen nicht, dass der Projektentwickler Behauptungen aufstellt, der Betonklotz wäre zum Lindenauer Markt hin ausgerichtet.“ Tatsächlich fehlen in den Grundrissen beim näheren Hinsehen die aufgeklappten Türen, wie sie für Bauzeichnungen typisch sind. Der einzige Eingang geschieht über den Lindenauer Markt, wo durch die schmucke Gründerzeitfassade ein großes Einkaufstor prangt.
Für die Tischlereibetreiber kommen noch einige Ungereimtheiten hinzu: „Der Projektentwickler behauptet, vor Ort herrsche einhellige Zustimmung zum Bau dieses Centers. Das stimmt nicht. Wir sammeln gerade Unterschriften von Händlern, die belegen, dass seine Annahme unrichtig ist. Hier soll gezielt mit Falschmeldungen Stimmung für einen Bau gemacht werden, der gar nicht mehr hierher passt. Der Lindenauer Markt hat sich in über einem Jahrzehnt zu einem Schmuckstück entwickelt, der alles aufweist, was ein nachhaltig entwickelter Ortskern zu bieten hat.“ Natürlich brauche es eine architektonische Lösung für ein fußläufig erreichbares Center, aber die Größe sei nicht mehr normal, so die beiden 1962 in Leipzig geborenen Unternehmer weiter.
Der Lindenauer Markt vor ein paar Tagen noch eisfrei
Foto: Ralf Julke
„Die erste Ungereimtheit ist, dass es 1996 schon einen Stadthausbebauungsplan gab mit grünen Innenhöfen und der für die Kuhturmstraße typischen Ladenzeilenstruktur. Damals war auch von der Seite des Konsum Leipzig Interesse bekundet worden. Ihre Anfrage wurde nach unserer Kenntnis abgeschmettert.", kritisiert Michaela Kindler. 1999 traten Klotz-Anlagen und Projektbau GmbH laut Konsum-Vorstandssprecherin Petra Schumann an den Konsum Leipzig heran. Doch aus ihrer Sicht ist damals das Projekt einer kleinteiligen Blockrandbebauung eingeschlafen. „Wir sind immer interessiert, was sowohl am Lindenauer Markt, als auch an anderen Orten in Leipzig passiert, um kleinteilige, unserer Qualitätsstrategie folgende Konzepte zur Stadtteilbelebung umzusetzen. Für uns sind Flächen von 300 bis 1500 Quadratmetern interessant." 1995 hatte Konsum eine Filiale in der Demmeringstraße eröffnet, die es dort noch heute gibt..
Während Michaela Kindler den Plan aus dem Jahr 1996 aus ihrer Mappe herausholt und entfaltet sagt sie weiter: „Das Modell von damals ist immer noch diskutierbar. Vor allem, weil die Lösung sich dem Stadtteil anpasst und keine unmöglichen Verkehrsströme in das Viertel lenkt. Denn geplant ist in der heutigen Version, dass auch Grünauer und Bewohner des Waldstraßenviertels in den Genuss des Centers kommen. Und die kommen nicht zu Fuß oder mit der Straßenbahn, sondern mit dem Auto. Durch die nicht vorhandenen Durchgangspassagen am Lindenauer Markt bleibt der Kundenstrom nur im Supermarkt. Und weshalb sollen eigentlich Grünauer Bürger kommen? Sie haben doch schon ein Kaufland in der Kiewer Straße.“
Auch der Möbeltischler Frank Kindler sieht viele Widersprüche bei der jetzigen Bebauungsplanung und sagt: „Wenn am Lindenauer Markt ein Parkdeck entsteht, so wird er bei einbrechender Dunkelheit wie beim Gohlis-Süd Center von Straßenlaternen beleuchtet. Das ist unzumutbar für unsere Mieter, deren Kinder ihre Kinderzimmer zum Hof gerichtet sind. Davon mal abgesehen, wer dämmt den ständigen Verkehrslärm bei der Auffahrrampe und wie wirken sich die Benzindämpfe des ruhenden Verkehrs auf die Umgebung aus?“
und ziemlich verkehrsberuhigt ...
Foto: Ralf Julke
Kindler sieht auch kein vernünftig geplantes Verkehrskonzept. „Wo sind dafür die Unterlagen, die beweisen, dass die Kuhturmstraße und das eng bebaute Viertel mit dem ständigen schleichenden Verkehr zurecht kommt? Zumal alle Straßen um die Henricistraße Anliegerstraßen sind und auf beiden Seiten Autos parken. Schon heute rollen hier regelmäßig große Sattelschlepper durch diese Gassen und haben keinen Überblick, wohin sie eigentlich fahren.“
Auch der Abriss der Henricistraße 12 scheint nach den Aussagen der Tischlerei Kindler und der L-IZ vorliegenden Dokumenten von langer Hand vom Projektentwickler geplant worden zu sein. So zeigen computergenerierte Ansichten des Projektentwicklers aus dem Jahr 2002, dass das Grundstück in der Henricistraße 12 schon mit einem Parkhaus bebaut sein soll, obwohl laut Informationsstand der L-IZ die Abrissgenehmigung seitens der Unteren Denkmalbehörde Leipzig erst 2007 vorliegt. „Wir fühlen uns verklappst.“, das ist nicht nur die einhellige Meinung der beiden Unternehmer, sondern auch nach ihren Aussagen vieler Bürger vor Ort.
Richtig enttäuscht zeigen sich die beiden Leipziger von den Stadträten, die sich anscheinend die Pläne nicht genau durchgesehen haben. „Warum ist gerade Siegfried Schlegel Linke-Stadtrat und Herr Schulze SPD-Stadrat für diesen überdimensionierten Bau? Am Connewitzer Kreuz wurde 2007 das Projekt gekippt. Auch Stadträtin Stefanie Götze war dagegen, weil der Charme und das Flair von Connewitz laut der damaligen Meldung einer großen Leipziger Tageszeitung erhalten bleiben und nicht ein überdimensioniertes EKZ geschafft werden sollte.
Das hier ist nichts anderes.“, so Frank Kindler weiter. “Wir können uns nicht vorstellen, dass die Stadträte und Stadtplaner dieses überdimensionierte Ding hierher bauen wollen, wo es doch andere Lösungen gibt. Dieses Bauvorhaben, den die Handwerkskammer und IHK schon 2007 negativ beschieden, muss am 24. März von den Stadträten unbedingt gestoppt werden. Wir sind schon dabei, mit einzelnen zu reden und ihnen die Bebauungspläne zu vertiefen.“
Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Brache am Lindenauer Markt liegt verödet da. Erhöhte Verkehrsströme, Licht-, Lärm- und Feinstaubverschmutzungen werden Nebeneffekte eines Kaufland am Lindenauer Markt sein. Sowie Jobs auf 400-Euro-Basis und viel Unruhe in einem Stadtteil, der sich mit ein wenig Geschick von selbst entwickelt hätte. Die Linden wurden bereits herausgebaggert. Laut Michaela und Frank Kindler ein Fakt, der darauf hindeutet, dass die Baugenehmigung bereits erteilt wurde und die Stadträte die Stadtteilplanierung nur noch politisch absegnen sollen.
Von 19:30 bis 21:15 Uhr findet am morgigen 11. März dazu erstmal eine Podiumsdiskussion im Großen Saal des Theater der jungen Welt am Lindenauer Markt statt. Thema ist dann „EinKaufland Lindenauer Markt!“ und wird von der Lindenauer Bürgerinitiative veranstaltet.
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