Alles, was man im Haushalt so braucht: Ein Jahr Sozialwarenhaus im Leipziger Osten
Ralf Julke
03.04.2011
Im Sozialwarenhaus wird mit angepackt.
Foto: Ralf Julke
Am Donnerstag, 31. März, feierte ein nicht ganz alltägliches Warenhaus im Leipziger Osten seinen ersten Geburtstag: das Sozialwarenhaus. Adresse Eisenbahnstraße 163 bis 171. Hier gab's eine Zeit lang mal einen Discounter. 3.000 Quadratmeter stehen hier zur Verfügung. Das Bülowviertel ist gleich nebenan.
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Wenn Discounter ausziehen, hinterlassen sie zuweilen gar keine so üblen Immobilien. Man kann mit ihnen etwas anfangen, wenn man die richtige Idee hat. Erst recht, wenn es eine ist, die in Leipzig auch gebraucht wird. Die Idee hatte der Verein Resozialisierungshilfe Leipzig e.V.. Der hat sich schon mit mehreren sozial engagierten Projekten in Leipzig profiliert - mit einer Kleiderkammer, mit einer Löffelstube, mit einem betreuten Wohnprojekt für Menschen, die wieder den Weg zurück suchen in die nicht ganz einfachen Strukturen der Gesellschaft, mit umfassenden Beratungsabgeboten für Menschen in finanziellen und sozialen Schwierigkeiten. Und das sind, so rechnet der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Thomas Oldenburg, vor, ja nicht allzu wenige.
Rund 80.000 sind es, wenn man nur all jene betrachtet, die in den diversen "Bedarfsgemeinschaften" der Jobcenters betreut werden. Rund 140.000 sind es, wenn man die offiziell errechnete Armutsquote heranzieht, die alle umfasst, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens in Leipzig zum Leben haben. Wenn man freilich bundesdeutsche Maßstäbe anlegt, sind es eher 200.000.
Mit Anpacken gehört dazu im Sozialwarenhaus.
Foto: Ralf Julke
Jedenfalls hält Oldenburg diese Zahl für sinnvoller, denn schon wer nur mit 1.000 Euro über die Runden kommen will, dem fehlen in der Regel die Gelder für die nötigsten Anschaffungen. Besonders prekär natürlich für alle, die eine teure Neuanschaffung tätigen müssen, weil Waschmaschine, Herd oder Kühlschrank ihren Geist aufgegeben haben. Oder die einen neuen Hausstand gründen müssen, weil eine Partnerschaft in die Binsen ging oder eine Familie neu entsteht. Von Einkommensarmut sind die jüngeren Leipziger noch deutlich stärker betroffen als die älteren.
Ergebnis einer Beschäftigungspolitik, die immer mehr vollwertige Arbeitsplätze in Mini-, Midi- und Teilzeitjobs verwandelt hat, Dumpinglöhne als Fortschritt verkaufte und selbst hochspezialisierte Tätigkeiten durch Leiharbeiter abdecken lässt.
Da lag die Idee nicht fern, ein Warenhaus zu gründen, das all jenen hilft, die sich die teuren Neuausstattungen nicht leisten können. Und eine Erfahrung hatte man ja bei der Resozialisierungshilfe Leipzig schon gemacht: Es gibt sie noch, die spendenfreudigen Menschen, die das, was sie selbst nicht mehr brauchen, gern hergeben, wenn es wieder in gute Hände kommt. Oft sind es Leipziger, die ihren Wohnraum verkleinern müssen, weil die Kinder ausziehen, andere wollen sich neu einrichten, die alte Ausstattung aber nicht auf dem Sperrmüll entsorgen, manchmal ist es auch eine Haushaltsauflösung oder gar ein Wegzug aus Leipzig, die die Frage aufwerfen: Wohin mit all den Dingen? Wohin mit dem Schrank, der Küche, der Couch-Garnitur, die man nicht mitnehmen kann?
Zum Geburtstagsfoto aufgestellt: die Mannschaft des Sozialwarenhauses.
Foto: Ralf Julke
Die Idee, das alles in einem Sozialwarenhaus wieder jenen zur Verfügung zu stellen, die es dringend brauchen, lag also auf der Hand. Das Gebäude war da. Und ein hilfreiches Instrument gab es auch: den Kommunal Kombi als Eingliederungsinstrument für Menschen, die schon ewig ihre Schleifen drehten auf der Suche nach einer Arbeit. "Wer erst mal ein paar Jahre raus ist aus dem Beruf, der fängt ja praktisch wieder von vorn an", sagt Oldenburg.
Das Sozialwarenhaus ist also für die mittlerweile 15 Mitarbeiter ein Neuanfang. "Wir haben sie gezielt in den Berufsgruppen gesucht, die wir hier brauchen", sagt Jan Schrubarz, der für das Projekt Sozialwarenhaus zuständig ist. Ein Dispatcher organisiert die Warenströme. Denn tatsächlich entsteht auch Arbeitsaufwand, selbst dann, wenn viele Spender ihre Spenden selbst vorfahren. Dazu gibt es eine eigene Annahmerampe.
"Wir nehmen nicht alles", sagt Schrubarz. "Wer glaubt, wir wären hier ein besserer Sperrmüll, der hat nicht verstanden, um was es geht." In der Regel wird schon im Telefongespräch vorab geklärt, ob die Spenden noch in gutem Zustand sind. Ist sich der Spender unsicher, dann wird auch mal ein Vorab-Besichtigungstermin in der Wohnung vereinbart. Nicht jeder lädt die guten Stücke einfach auf den Autoanhänger und fährt dann selber vor. "Wir sind mit unserem eigenen Kombi unterwegs", erklärt Oldenburg. "gerade wenn es um größere Teile oder ganze Wohnungseinrichtungen geht."
Was reinkommt, wird geprüft und ausgestellt im 1.200 Quadratmeter großen Verkaufsraum. "Dass augenblicklich Küchen und Doppelbetten da sind, ist eher die Ausnahme", sagt Schrubarz. "Im Grunde ist so etwas so schnell wieder raus, wie's reingekommen ist. Dasselbe gilt für Waschmaschinen. Alles Sachen, die im Laden richtig viel Geld kosten."
Gleiches ist praktisch für Kinderzimmermöbel, Kinderwagen, aber auch Spielzeug zu sagen. Jedes dritte Leipziger Kind wächst in einem Haushalt auf, der zu den armen Haushalten in Leipzig zählt. Und so ist an diesem Tag im Sozialwarenhaus auch kein Kochtopf zu sehen. Dafür Vieles, was auch so mancher Student braucht, wenn er sich seine Wohnung wohnlich einrichten will - vom Geschirr bis zum Wasserkocher.
Zwischen 30 und 100 Leipziger frequentieren das soziale Warenhaus an der Eisenbahnstraße an den Öffnungstagen. "Viele kommen regelmäßig vorbei", weiß Schrubarz. Denn Vorbestellungslisten für bestimmte Stücke gibt es nicht. "Dann wäre hier bald alles vorbestellt." An einigen Möbeln sind dann die Reservierungszettel zu sehen. Denn auch die 25 oder 50 Euro, die das ein oder andere Möbelstück kostet, hat der regelmäßige Besucher nicht immer in der Tasche.
Mancher nutzt auch die Kleiderecke, um sich für kleines Geld einmal wieder neu auszustatten. "Eigentlich könnten wir deutlich mehr Fläche nutzen", sagt Oldenburg. Gerade wird ein neuer Raum hergerichtet. Das Sozialwarenhaus wächst. Mit den Straßenbahnen, die in der Eisenbahnstraße und der nahen Wurzner Straße halten (8, 7, am Torgauer Platz auch die 3), ist das Warenhaus gut ans ÖPNV-Netz angeschlossen.
"Und wir liefern auch nach Hause", sagt Schubarz.
Für die 15 Beschäftigten soll es nicht bei einem Drei-Jahres-Projekt bleiben. "Wir wollen schon dahin kommen, dass wir sie nach den drei Jahren in feste Beschäftigung nehmen können", sagt Oldenburg. Gebraucht wird das Warenhaus augenscheinlich dringend und die Käufer kommen nicht nur aus den nahen Stadtteilen Sellerhausen, Volkmarsdorf und Schönefeld. Die Spender melden sich auch nicht nur aus Leipzig sondern aus weiterem Umkreis. "Ungefähr 1.200 haben wir schon", bilanziert Oldenburg. Und wer weiß, was man in einem Haushalt alles so braucht - gerade dann, wenn man erst mal einen gründen muss -, der weiß auch, was alles gebraucht wird.
Wer Neuwertiges abzugeben hat, kann sich unter Tel. (0341) 2315283 kundig machen.
Das Sozialwarenhaus selbst ist immer dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Da kann man sowohl als Kunde als auch als Spender vorbei kommen.
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