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Kampf für den Leipziger Auwald: „Umweltzerstörungsminister“ soll Rodungen stoppen

Gernot Borriss
Protest gegen Auwald-Fällungen.
Protest gegen Auwald-Fällungen.
Foto: Gernot Borriss
In klaren Worten formulierten Leipzigs Umweltschützer beim Protest am Tag des Waldes ihre Forderungen. Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) soll den „Tornado-Erlass“ kassieren und die Rodungen auf den Deichen im Auwald stoppen. Der Kampf für den Auwald habe erst angefangen, unterstrich Leipzigs Grünen-Chef Jürgen Kasek.

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Leipzigs Umweltschützer nahmen Bundesumweltminister Norbert Röttgen am vergangenen Sonnabend beim Wort. Angela Merkels Mann fürs Grüne wollte, dass der diesjährige Tag des Waldes am 16. April so etwas wie ein „Weckruf“ wird. Diesem ministeriellen Wunsch kam man an Elster und Pleiße gern nach. Bei der gemeinsamen Protestaktion des Umweltverbandes Ökolöwe und der Leipziger Grünen wurden die deutlichen Worte durch eindringliche Trommellaute ergänzt.

In Leipzig begeht man den 16. April bereits seit 1994 als Tag des Auwaldes. „Der Auenwald braucht Wasser – keine Kettensägen!“, so lautete das Motto der diesjährigen Kundgebung auf der Sachsenbrücke. Mit dieser wolle man „Für den Leipziger Auwald kämpfen“. Den gleichnamigen Aufruf des Ökolöwen haben Künstler wie Rosa Loy, Sighard Gille und Neo Rauch unterzeichnet, aber auch Politiker verschiedener Parteien.

Der Sturm der Entrüstung richtete sich zuerst gegen die Rodungen auf den Deichen. „Der Deicherlass muss weg!“, sagte Nico Singer vom Ökolöwen unter dem Beifall der zahlreichen Anwesenden. In Folge des sogenannten „Tornado-Erlasses“ von Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) wurden in den letzten Monaten allein im Leipziger Auwald 6.500 Bäume gefällt. Insgesamt 100.000 Deichbäume sind in Sachsen nach Angaben der Veranstalter noch von der geplanten Fortsetzung des Kettensägenmassakers am Deich bedroht.

Protest am 16. April gegen Kahlschlag im Leipziger Auwald.
Protest am 16. April gegen Kahlschlag im Leipziger Auwald.
Foto: Gernot Borriss

Gegen dieses Vorgehen sammelte der Ökolöwe Unterschriften. Die Grünen warben für ihre Postkartenaktion. Auf den Karten „Wir trauern um den Auwald“ an Umweltminister Kupfer heißt es zu den Rodungen: „Wir fordern Sie auf, diesen Wahnsinn zu stoppen, den Erlass zurückzunehmen und die Diskussion über ein Hochwasserschutzkonzept zu ermöglichen, das dem Auwald Rechnung trägt und das ökologisch ausgewogen ist“.

In seiner Rede nannte Ökolöwe Singer den Tornado-Erlass „blinden Aktionismus“. Der Auwald sei ein „Markenzeichen Leipzigs“, ein Refugium für viele bedrohte Arten sowie „unsere kostengünstige natürliche Hochwasserschutzversicherung“. Deshalb erwartet Nico Singer vom sächsischen Umweltministerium, dass bei allen künftigen Planungen der Naturschutz unbedingt Vorrang haben müsse.

Leipzigs grüne Landtagsabgeordnete Gisela Kallenbach sprach von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion", in der die Eichen unter dem Vorwand des Hochwasserschutzes plötzlich weichen müssten. „Völlig intransparent“ sei das Ganze aus ihrer Sicht. Gegen die Rodungen will der Ökolöwe klagen, doch Klagen kosten Geld. Deshalb bat Gisela Kallenbach darum, für die anstehenden Rechtshändel dem Ökolöwen Geld zu spenden und ging selbst mit gutem Beispiel voran. „Wenn wir uns nicht wehren, sind wir selbst dran schuld“, so die Umweltpolitikerin weiter, „und das sollte vorbei sein“. Dass weitere Bäume gefällt werden, müsse verhindert werden.

Dass weder ein Vertreter der Landestalsperrenverwaltung, noch ein Vertreter des städtischen Umweltdezernates der Einladung auf den Deich gefolgt ist, beweist für Leipzigs Grünen-Chef Jürgen Kasek „die Ahnungslosigkeit, von der wir regiert werden“. In seiner Rede bezeichnete der Umweltaktivist Minister Kupfer mehrfach einen „Umweltzerstörungsminister“. Doch auch in der Leipziger Stadtverwaltung mangelt es Jürgen Kasek am nötigen Bewusstsein für den Auwald. Er sprach von Bauvorhaben, die den Auwald bedrohten, ohne konkret zu werden. Derweil hat ein Bauvorhaben im Auwald, nur ein wenig weiter flussab, bereits begonnen.

Zum Beweis dafür, dass es um das Bewusstsein für den Auwald im Rathaus einmal besser bestellt war, bemühte Kasek Aussagen des damaligen Leipziger Oberbürgermeisters Hinrich Lehmann-Grube aus dem Jahre 1992.

Auch wir haben eine Rückschau in jene Zeit unternommen, in der der Schutz und die Revitalisierung des Auwaldes noch so etwas wie ein nachrevolutionärer Konsens war. So heißt es in der „Naturschutzfachliche Konzeption des Leipziger Auensystems“ aus dem Februar 1993, die Leipziger Umweltexperten für das Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landesentwicklung entwickelt hatte. Auf deren Inhalt hatten sich damals alle regionalen Akteure festgelegt.

Dort ist in These 1 die Erhaltung des Auwaldes, sein Schutz und die „weitestmögliche Regenerierung inzwischen geschädigter Teile“ als oberstes Ziel der Landschaftsplanung und -entwicklung im Gebiet bestimmt. „Dabei müssen die Belange des Naturschutzes in jeder Hinsicht das absolute Primat haben“, steht dort apodiktisch. Nach These 2 ist das Leipziger Auensystem als „ein geschlossenes, naturnahes Biotopverbundsystem zu behandeln“. Dafür solle zwischen Süd- und Nordwestaue unter den Prämissen des Naturschutzes im Bereich der Nonne, des Clara-Zetkin-Parkes und des Elsterbeckens ein grüner Korridor entwickelt werden, der die notwendige Verbindung beider Teile gewährleistet. „Ein weiterer Flächenentzug im Naturschutz-Bereich durch Baumaßnahmen und andere gebietsverändernde Maßnahmen ist grundsätzlich zu vermeiden“, liest man in These 5, denn: “Jeder Quadratmeter wäre ein Quadratmeter zu viel!“

Unter den Menschen auf der Sachsenbrücke war am Sonnabend auch Tobias Hollitzer. Der Bürgerrechtler nannte die Rodungen gegenüber L-IZ eine „Nummer, die wesentlich zu weit geht“. Hier sei die „Zivilgesellschaft gefordert, dem Einhalt zu gebieten“. Der heutige Leiter des Museums Runde Ecke erinnerte daran, dass das Aufbegehren von 1989 gerade in Leipzig auch einen ökologischen Antrieb hatte. „Genau deshalb bin ich hier“, so Hollitzer.

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