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Leipziger Industriekultur: Ohne gelebte Bindung zur Vergangenheit gibt es keine Zukunft

Gernot Borriss
Einstige Maschinenfabrik Philipp Swiderski.
Einstige Maschinenfabrik Philipp Swiderski.
Foto: Gernot Borriss
„Bürger Leipzigs seht her“, nennt Heinrich Moritz Jähnig das Motto des Leipziger Vereins Industriekultur. In der Musik- und Buchstadt Leipzig will der Verein auf die Industriekultur hinweisen. „Industriekultur ist ein identitätsstiftender Faktor“, sagt der Plagwitzer im L-IZ-Interview. Und hierbei sei Plagwitz eines der Alleinstellungsmerkmale von Leipzig.

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Kultur verbinden viele Menschen eher nicht mit Industrie. Wie würden Sie diesen Zeitgenossen Industriekultur erklären?

Solchen „Zeitgenossen“ versuche ich im Gegenzug eine Erklärung zu dem Wort „Jugendkultur“ oder „Soziokultur“ zu entlocken. „Sozio“ und „Kultur“, da sträuben sich einem doch die Haare. Was wird heute nicht alles kultiviert. Und welcher Wortteil, bitte, ist bedeutungsführend in dem aufgeblähten Koppelwort „Unternehmenskultur“?

Kurz: Ich finde das deutsche Wort Industriekultur unglücklich, weil es den Gegenstand sprachlich zu stark in die Nähe solcher reinen Marketing-Kultivierungen rückt. Für mich ist das Reden von Industriekultur immer die Beschreibung eines Prozesses.

Das Wort trat zunächst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Westdeutschland auf. Es hat nichts mit Arbeits- oder Arbeiterkultur wie z. B. Brieftaubenzüchten zu tun, sondern beschreibt die Einflüsse der Industrialisierung der letzten 200 Jahre auf die industrielle und die deindustrialisierte bzw. bereits einsetzende postindustrielle Gesellschaft.

Im Englischen heißt es „industrial heritage“. Der Begriff meint, die durch die Industrie bzw. im Verlauf der Industrialisierung hervorgebrachte Sachkultur, also Anlagen, Fabriken, Maschinen, Produkte, aber auch industriell geprägte Regionen. Die in ihr verwurzelten Menschen und deren Biografien setzen wir in unserem Verständnis als Verein hinzu.

Vom alten industriellen Glanz ist in weiten Teilen Europas, wie in Leipzig, jedoch wenig geblieben ...

Die einstige Maschinenfabrik Philipp Swiderski in der Zschocherschen Straße in Plagwitz.
Die einstige Maschinenfabrik Philipp Swiderski in der Zschocherschen Straße in Plagwitz.
Foto: Gernot Borriss
Das klassische Industriegebäude findet in den deindustrialisierten Regionen zunehmend keine Verwendung mehr und wird zum Fall für die Abteilung Denkmalpflege in den Verwaltungen. Die Denkmalbehörden stehen vor der eines Titanen würdigen Aufgabe, für welche sie personell und materiell nicht ausgelegt sind. Schon den Bestand an alter Industriearchitektur und aufgelassenen Industrieanlagen – in Sachsen allein sind es schätzungsweise 20.000 Objekte – lückenlos zu dokumentieren und dann eine Auswahl für deren Erhalt zu treffen, ist kaum zu schaffen. Es dauert Jahre und die Gebäude verfallen unrettbar.

Die Industriebrachen sind eine Herausforderung für Städteplaner und Architekten, Ökologen und Soziologen. Viele der Gebäude und Anlagen sind wichtige Quellen für die Identität einer Region, Mittelpunkt von Stadtteilen und Drehpunkt von Biografien.

Hier setzt der Verein für Industriekultur Leipzig e.V. an - in Zusammenarbeit mit der Verwaltung und den vielen anderen Vereinen, die in Leipzig und Umgebung auf dieser Strecke unterwegs sind. Partner sehen wir in den Handwerkern Leipzigs, in den Architekten und Ingenieuren, sonderlich in der Tourismusbranche.

Leipzig sieht sich selbst als Bürgerstadt, preist seine traditionsreichen Stätten der Hochkultur und Gründerzeitviertel. Welche Motive führen bei Ihren Mitstreitern und Ihnen zur Beschäftigung mit Industriekultur?

Das Bürgerschaftliche hat immer zwei Seiten: Die wundervolle Hochkultur, das bewundernswürdige Waldstraßenviertel, die Südvorstadt, die Villenviertel und so weiter. Die andere Seite, die Basis, das sind Mietskasernen, dicht gedrängt um die Fabriken, Mischstrukturen mit schlechtem Wohnkomfort.

Leipzig war eine bedeutende Industriestadt, eine Stadt der Forschung und der Technikentwicklung, die ihren Ursprung in den Initialzündungen auf dem Gebiet der Elektrotechnik, der Atomenergie oder der Entwicklung des Fernsehens hatte. Wenn Sie mich jetzt nachfragen „Ja welche?“, dann berühren Sie einen der Gründe, warum wir uns mit dieser Seite der bürgerlichen Kultur beschäftigen. Industriekultur ist ein identitätsstiftender Faktor.

Das Hauptmotiv für das Engagement unserer Mitglieder scheint aus meiner Sicht das Interesse an Technik und an der geschichtlichen Entwicklung Leipzigs mit allen ihren Facetten zu sein. Es ist Begeisterung für Technik, die mit der industriellen Entwicklung verbunden war. Wir halten die Erinnerung daran wach als eine Grundlage heutiger Innovationen. Wir wollen diese großen Traditionen an die Jugend weitergeben. Es geht dabei auch um die Prägung eines Unternehmerbildes heute, das ohne Bezug auf die geschichtliche Entwicklung und Leistungen in der Vergangenheit nicht auskommt.

Was hat Leipzig in Sachen Industriekultur, was andere Städte nicht haben?

Heinrich Moritz Jähnig.
Heinrich Moritz Jähnig.
Foto: privat/ HMJ
Plagwitz. Das sage ich nicht nur, weil ich selbst dort wohne. In Sachen Industriekultur ist Plagwitz eines der Alleinstellungsmerkmale von Leipzig. Es war ein in kürzester Zeit planmäßig angelegtes, quasi für die Industrie kultiviertes Stück Land mit Ansiedlungsflächen und den für ihre Zeit modernsten Transportanlagen im Westen der Stadt.

Wenn anderswo die Existenzgründer dort Fuß fassten, wo es sich, aus welchen Gründen auch immer, ergab, organisierte hier ein weitsichtiger Leipziger Techniker und Geschäftsmann ein Gewerbegebiet. Karl Heine. Auf seine Initiative hin entstanden Gleisanschlüsse für die Pferde- und spätere Eisenbahn, die von der Werkhalle des Fabrikanten bis zur Laderampe direkt vor die Haustür des Händlers reichten. Dieser Service zog Unternehmer an.

In Karl Heines Todesjahr 1888 gab es über 100 Firmen auf dem Gelände Plagwitz, stolze Firmen mit imposanten Gebäuden. Was vielleicht eine weitere Eigenart der Leipziger Industriekultur ist: die schlossartige Architektur der Plagwitzer Fabriken. Ich denke dabei an die Wollgarnfabrik und Dampffärberei Tittel und Krüger und die Kammgarnspinnerei Stöhr, beide spätere Buntgarnwerke in der Nonnenstraße.

Wenn man die Zschochersche Straße zwischen Markranstädter- und Naumburger Straße entlang geht, sieht man die Schlosstürme der Maschinenfabrik Philipp Swiderski. Dieses Prachtstück liegt mir besonders am Herzen. Es wartet und wartet auf eine nachhaltige Nutzung und wird nicht besser. Ich frage mich wirklich, warum es da zu keiner Einigung kommt.

Welchen Zielen widmet sich Ihr Verein?

Wir wollen in der Musik- und Buchstadt Leipzig auf den Komplex Industriekultur hinweisen: Nach dem Motto „Bürger Leipzigs seht her“: Es gab eine bedeutende Industriekultur, auch wenn es sich aus den unterschiedlichsten Gründen heute verlagert hat. Die Sachzeugen sind präsent. Wir sehen, was uns erhaltenswert scheint und was erhalten werden kann und denken über zeitgemäße Nutzungen nach. Ohne gelebte Bindung zur Vergangenheit gibt es keine Zukunft.

Zu den Aufgabenfeldern, die wir uns damit an Land ziehen, gehört nicht nur die Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch Sponsoren- und Investorengewinnung. Der Verein ist nicht groß und kann nicht alles immer sofort, perfekt und komplett erledigen, aber er hat angefangen.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Umgenutzte Industriearchitektur in der Markranstädter Straße: Gewerbepark Plagwitz.
Umgenutzte Industriearchitektur in der Markranstädter Straße: Gewerbepark Plagwitz.
Foto: Gernot Borriss
Ganz aktuell bereiten wir den „Katalog der Industriekultur Leipzig“ vor. Es gibt verschiedene „Listen“ und „Immobilienportale“ mit unterschiedlichen Zielstellungen. Aus unserer Sicht ist es an der Zeit, alle bewahrenswerten Zeugnisse der Industriekultur in Leipzig zu erfassen, zu beschreiben und zu bewerten. Die darunter bedeutendsten und am meisten geeigneten Objekte sind zu erhalten, indem eine Wiederzuführung für kulturelle oder wirtschaftliche Nutzung ermöglicht wird. Diese Zusammenstellung wird nach Kriterien der Industriekultur über die Denkmalliste der Stadt Leipzig hinausgehen.

Partner sind die Stadt Leipzig, das Amt für Stadtentwicklung und Denkmalpflege, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und andere Interessierte, wie zum Beispiel der Verein Deutscher Ingenieure Bezirksverein Leipzig. Die Stiftung Denkmalschutz fördert das Projekt finanziell.

Kernziel des Katalogs ist es, eine fortlaufend erweiterte Druckschrift verbunden mit einem Internetportal zu erarbeiten, das Industriedenkmale und Liegenschaften, egal in welchem Zustand, erfasst. Unter Ausschöpfung entsprechender Förderprogramme der Branchensanierung oder der Wirtschaftsförderung lassen diese sich vielleicht schneller für weiterführende kulturelle oder wirtschaftliche Nutzungen vorbereiten.

Zielgruppen der Druckschrift und des Internetportals sind Investoren, Kultur- und Bildungseinrichtungen, an der Industriegeschichte Leipzigs Interessierte sowie die Tourismus- und Kreativbranche. Erstmals könnte der Katalog im zweiten Quartal 2012 erscheinen, aber noch ist das Theorie.

Vor einer Woche begannen Sie auch mit thematischen Stadtführungen …

Ein anderes Projekt sind öffentliche Führungen zu Sachzeugen der Leipziger Industriekultur und Technikgeschichte, die von Vereinsmitgliedern angeboten werden. Das stößt auf großes Interesse.

Weiterhin veranstalten wir seit dem Herbstsemester die Vortragsreihe „Technik als Kulturgut“ an der HTWK, öffentlich und kostenfrei. Hier kommen die unterschiedlichsten Aspekte aus dem Bereich zur Sprache. Die Vortragsthemen sollen das öffentliche Bewusstsein für die Bandbreite der Leipziger Industriekultur wecken. Die Vortragsabende finden einmal monatlich in der Fakultät Energietechnik und Informationstechnik der HTWK in der Wächterstraße 13 statt. Sie sind mittlerweile zum Treffpunkt und Ort des Gedanken- und Informationsaustauschs innerhalb der „Szene“ allgemein geworden. Dem Dekan der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik der HTWK Leipzig, Professor Markus Krabbes, der dieses Vereinsprojekt persönlich begleitet, ist an dieser Stelle besonders zu danken. Am kommenden Dienstag, 5. April, findet um 18 Uhr dort die nächste Vortragsfolge zum Leipziger Elsterstausee statt, auch so ein spezielles Kapitel der Leipziger Kultur.

Zudem gibt der Verein das Magazin „Kunst und Technik“ heraus.

www.industriekultur-leipzig.de

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