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Umbau der Karl-Liebknecht-Straße wird aktuell, aber: Will die Stadt überhaupt Bürgerbeteiligung?

Ralf Julke
Foto: Ralf Julke
Seit zwei Jahren fahren die Straßenbahnen im Schleichtempo durch die nördliche Karl-Liebknecht-Straße. Jeder Tram-Benutzer merkt, dass hier ein Stück Gleis reif ist für die Erneuerung, sogar längst hätte erneuert werden müssen. Jetzt endlich soll das Umbauprojekte Karl-Liebknecht-Straße Gestalt annehmen. Die Bürger sollen sogar mitreden dürfen, am Mittwoch, 23. November, ist ein Bürgerforum anberaumt in der Petrischule.

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Da werden dann die Bürger aus dem Kiez, der ja so klein gar nicht ist, erfahren, was auch den Journalisten am Montag schon vorgestellt werden soll. Und mancher wird sich - wieder einmal - an den Kopf fassen und fragen: Was versteht die Leipziger Stadtverwaltung eigentlich unter Bürgerbeteiligung?

Denn nachdem in den letzten Jahren immer wieder über diverse Variantenuntersuchungen zur „KarLi“ gemunkelt wurde, wäre ein Bürgerforum ja eigentlich ein Ort, über solche Varianten zu diskutieren.

Wäre neu für Leipzig. Stimmt.

Was sich abzeichnet, ist ein Variantenvorschlag, der in den letzten Jahren in Diskussionen zwischen den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) und der Stadtverwaltung ausgereift ist. Ein wenig hat man diskutiert über die Zahl der künftigen Haltestellen, über eine Umgestaltung zum Boulevard - oder eben nicht. Es wird keinen Boulevard geben. Den Mut, Verkehrspolitik tatsächlich einmal anders zu denken, hat die Stadt Leipzig nicht. Man kann auch sagen: Sie hat keine Visionen.

Endlich soll das Umbauprojekt Karl-Liebknecht-Straße Gestalt annehmen.
Endlich soll das Umbauprojekt Karl-Liebknecht-Straße Gestalt annehmen.
Foto: Ralf Julke

Visionen würden die Frage eröffnen: Was könnte die KarLi eigentlich sein in diesem Abschnitt - Pardon: KARLI. Das Projekt wird unter fünf Großbuchstaben verkauft. Die es nicht größer machen.

Wenn ab 2013 vom Wilhelm-Leuschner-Platz bis zur Körnerstraße im Peterssteinweg und in der Karl-Liebknecht-Straße gebaut wird, soll die komplette Straße umgestaltet werden. Was das für Händler, Gastronomen, Kulturschaffende und Gewerbetreibende heißt, erfahren diese schon am Morgen des 23. November im Haus der LVZ. Manche ahnen schon, was auf sie zukommt. Es wird längst heftig darüber diskutiert. Denn wo der "Verkehrsraum für Fußgänger, Radfahrer und Kraftfahrzeuge sowie die Gleisanlagen der Stadtbahnlinie 11" modernisiert und neu gestaltet werden soll, hat das Folgen.

Die Pläne liegen tatsächlich schon seit Jahren im Verkehrs- und Tiefbauamt. Da hat man seine Prämissen längst gesetzt und entsprechend geplant. Eine Prämisse ist die weitgehende Separierung der Straßenbahngleise. Dafür gibt es Fördergelder. Die will man gern noch nutzen, bevor diese Förderung 2013 ausläuft. Klar ist längst, dass es in diesem Straßenabschnitt gar nicht anders geht als in der Georg-Schumann-Straße: Der Querschnitt ist nicht überall breit genug, um die Gleise zu separieren. In einigen Abschnitten kann man keine „Stadtbahn“ bauen. Im Peterssteinweg zum Beispiel.

Visionen würden die Frage eröffnen: Was könnte die KarLi eigentlich sein in diesem Abschnitt?
Visionen würden die Frage eröffnen: Was könnte die KarLi eigentlich sein in diesem Abschnitt?
Foto: Ralf Julke
Was eigentlich eine Vision ermöglichen würde. Die Kreuzung von Peterssteinweg, Härtelstraße und Münzgasse wird sowieso umgebaut. Das ist überfällig. Die LVB planen hier schon seit Jahren eine neue Haltestelle. Die wird es geben. Gleichzeitig wird die Kreuzung, die bislang eigentlich nicht gekreuzt werden kann, neu strukturiert. Es gibt auch die Idee, den neuen Stadtraum dann "Münzplatz" zu nennen. Hier können dann die radfahrenden Studenten künftig tatsächlich zur Mensa über die Straße radeln.

Stadtein- und -auswärts erhalten die Radfahrer endlich den seit Ewigkeiten überfälligen Radfahrstreifen. Die Pkw teilen sich den Fahrraum mit der Tram. Anderes gibt die Straße vom Querschnitt nicht her. Das könnte ein Ansatz sein. Denn solche Straßen leben ja nicht davon, dass Straßenbahnen mit 50 km/h durchrauschen. Beschleunigung ist ein schöneres Wort für Förderanträge - doch sie macht nicht überall Sinn. In Hauptgeschäftsstraßen jedenfalls nicht. Und das hier könnte der Anfang einer guten Geschäftsstraße sein.

Denn Löcher weist der Peterssteinweg erst auf Höhe des LVZ-Gebäudes auf, das vor 15 Jahren hochgezogen wurde und mit einem recht funktionslosen Prunkplatz den Straßenraum aufreißt. Wer alte Fotos der Straße betrachtet, sieht eine mit Läden gespickte geschlossene Häuserfront. Da fügte sich auch der Verlagssitz der Leipziger Neuesten Nachrichten ein, deren Gebäude die LVZ 1945 übernahm. Die letzten Häuser an der Straße wurden - gegen Bürgerprotest - im Zusammenhang mit dem LVZ-Neubau abgerissen. Da steht heute eine funktionslose Hecke.

Stadtein- und -auswärts erhalten die Radfahrer endlich den seit Ewigkeiten überfälligen Radfahrstreifen.
Stadtein- und -auswärts erhalten die Radfahrer endlich den seit Ewigkeiten überfälligen Radfahrstreifen.
Foto: Ralf Julke
In den Plänen des Verkehrs- und Tiefbauamtes soll auch hier der Straßenquerschnitt bewahrt werden. Zwischen Emilien- und Riemannstraße soll auf der Ostseite sogar der Bürgersteig deutlich verbreitert werden, um endlich auch das Zickzack für die Fußgänger zu beenden. Eine kluge Idee. Würde sie einfach südlich der Riemann-Straße fortgesetzt.

Dort gibt es heute noch rechts und links teilweise acht Meter breite Bürgersteige. Ideal eigentlich für einen urbanen Schwerpunkt an der Straße - mit Geschäftsauslagen und Freisitzen und 100-jährigen Platanen.

Die Platanen aber sollen gefällt werden. Die Bürgersteige werden halbiert. Denn die Planer wollen nicht nur ein Gleis der Straßenbahn separieren, sondern neben den geplanten Radfahrstreifen auch beidseitig Parkbuchten für Pkw unterbringen. Das ist eine simple Mathematikaufgabe. Allein die Parkbuchten schneiden je 2 Meter von den Bürgersteigen ab. Da ein Straßenbahngleis separiert werden soll, können sich hier Tram und Pkw den Straßenraum nicht teilen. Die zusätzlichen Meter müssen ebenfalls vom Bürgersteig abgeschnitten werden.

Noch vor vier Jahren galt in diesem Straßenabschnitt Parkverbot. Weil die Stadt es aber nicht durchsetzen wollte oder konnte, hat sie seitdem Parkstreifen auf den Asphalt gemalt. Weiter südlich ab der Paul-Gruner-Straße gibt es zwar keine Parkstreifen. Es wird trotzdem geparkt. Es soll auch künftig geparkt werden. Nichts liegt Leipzigs Verkehrsplanern so sehr am Herzen wie der ruhende Verkehr.

Und die Bürger sollen sogar mitreden dürfen
Und die Bürger sollen sogar mitreden dürfen
Foto: Ralf Julke
Nichts interessiert sie so wenig wie die Fußgänger. Denn warum sonst legt man separierte Straßenbahngleise in eine Hauptgeschäftsstraße? Will man die Fußgänger mit Macht dazu zwingen, so eine Straße nur an den vorgesehenen Ampelkreuzungen zu überqueren? Es ist zumindest ein sehr amtliches Verständnis vom Leben und Treiben auf einer Geschäftsstraße.

Vor allem, weil ein Grund dafür, warum das fußläufige Überqueren vorm Hauptsitz der LVB bislang etwas schwierig war, ja wegfallen soll: die Straßenbahnhaltestelle wird verlegt - rund 100 Meter weiter südlich zwischen Hohe Straße und Paul-Gruner-Straße. Noch so ein Grund, nach dem Sinn der scheinbaren Beschleunigung durch separierte Gleise zu fragen: Eine solche Geschäftsstraße lebt auch davon, dass die Straßenbahn öfter Station macht.

Zwischen Paul-Gruner-Straße und Shakespearestraße sollen beide Gleise der Straßenbahn komplett separiert werden. Das gibt die Straße auch an dieser Stelle nicht wirklich her. Deswegen soll die Straße nach Osten verschwenkt werden, dorthin, wo jetzt noch der breite Fußweg vor dem Neubaublock ist. Da haben dann auch wieder Parkbuchten für Autos Platz, die - logischerweise - auch hier die bislang breiten Fußwege abschneiden. Da wird auch das Volkshaus seinen Freisitz halbieren müssen. Und natürlich werden auch hier alle Platanen gefällt. Sie sollen - an neuem Platz - dann durch Neupflanzungen ersetzt werden.

Erst zwischen Shakespeare- und Körnerstraße bleibt der ursprüngliche Straßenquerschnitt wieder erhalten. Da denkt die Stadt tatsächlich darüber nach, mal ein Parkverbot umzusetzen. Immerhin ist das ein Stück Straße, bei dem man sieht, wie die KARLI auch bis zum Peterssteinweg aussehen könnte, wenn man nur konsequent eine fußgängerfreundliche Geschäftsstraße planen wollte. Das aber wäre eine andere Vision und eine andere Variante.

Die möglicherweise auch etwas weniger kosten würde. Aber die wird am Mittwoch den Bürgern nicht vorgeschlagen. Deswegen ist es zumindest etwas schwierig, die von der Stadt geplanten "vier offenen Informationsveranstaltungen" als offen zu betrachten. Wenn nur eine Variante vorgeschlagen wird und gleichzeitig Zeitdruck besteht, weil 2014 keine Fördergelder mehr fließen für die Separierung der Gleise, dann hat das mit offen eher wenig zu tun. Da geht es dann nur noch um Details.

Es wäre freilich mal eine positive Überraschung, wenn das Verkehrs- und Tiefbauamt am Mittwoch - nach immerhin zehn Jahren Variantenabwägung - tatsächlich mehr als eine Variante vorstellen würde. Eine kleine Auswahl, die den Bürgern aus der Südvorstadt tatsächlich Entscheidungsalternativen böte - zum Beispiel eine beruhigte Hauptgeschäftsstraße mit optimalen Bedingungen für den Umweltverbund, eine mit möglichst sparsamen Angeboten für den ruhenden Verkehr, eine mit Haltestelleninseln und dann eben die, die nun wohl als einzige vorgestellt wird.

Mit entsprechenden Kostenschätzungen für die Stadt.

Das wäre ein Ernstnehmen von Bürgerbeteiligung.

Das Bürgerforum soll am Mittwoch, 23. November, um 19 Uhr in der Petrischule stattfinden.


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