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Vollversammlung in der Moritzbastei: Leipziger Erklärung der Freien Kulturszene, ein Blick nach Dresden und ein runder Tisch

Daniel Thalheim
Torsten Reitler und Falk Elstermann
Torsten Reitler und Falk Elstermann
Foto: Daniel Thalheim
Die freie Szene macht Druck und auf sich aufmerksam. Es ist wohl der Schulterschluss des OBM Jung mit den städtischen Kulturbetrieben gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes, die die freien Kulturschaffenden der Initiative Leipzig+Kultur zu dieser Entscheidung treibt.

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Am gestrigen Abend trafen sich Leipziger Vertreter von Theater, Musik, Soziokultur, Schriftsteller und Bildende Kunst, um eine gemeinsame Leipziger Erklärung zu verabschieden. Die Sprecher der Initiative Leipzig+Kultur luden am 15. November in die Veranstaltungstonne der Moritzbastei, um neben der Stoßrichtung der Initiative auch die Definition und das Vorgehen der freien Szene in Leipzig gegen den kommenden Landtagsbeschluss zur Kulturraumförderung vorzugeben. Falk Elstermann, Michael Berninger, Martin Heering, Torsten Reitler und Steffen Birnbaum bilden den Sprecherrat, der in Zukunft an Öffentlichkeit und Politiker herantritt, um die Interessen aller Kulturschaffenden in der freien Szene zu vertreten.

Ein "Runder Tisch" für Leipzig. So stellt die Initiative Leipzig+Kultur den Anwesenden aus Kultur und Medien den neu anberaumten Runden Tisch vor, der vor der Kommunalwahl 2009 bereits vier Ausgaben erlebte und die Kommunikation zwischen Kulturausschuss, Fraktionsvertretern und freien Kulturschaffenden der freien Szene verbessern soll. Nach den Wahlen ist dieser Runde Tisch eingeschlafen. Nun muss man den neuen Kulturausschuss erneut überzeugen und erklären, was das Anliegen der freien Kulturszene in Leipzig ist. Falk Elstermann erklärte daraufhin gestern den zahlreichen Anwesenden in der Moritzbastei: "Der Fachausschuss begrüßt die Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Politikern, Kulturamt und Szenevertretern. Es soll baldmöglichst eine konstituierende Sitzung geben. Der Kulturausschussvorsitzende Wolfram Leuze besprach mit uns eine Arbeitsvorlage, die wir vorbereitet hatten, um diese am 19. November auf der nächsten Sitzung des Ausschusses zu besprechen."

Der Runde Tisch kommt. Ab Januar 2011 wird es soweit sein.

Vollversammlung am gestrigen Montag in der Moritzbastei: Michael Berninger, Steffen Birnbaum, Torsten Reitler, Falk Elstermann und Martin Heering (ganz rechts aussen) (v.l.n.r.)
Vollversammlung am gestrigen Montag in der Moritzbastei: Michael Berninger, Steffen Birnbaum, Torsten Reitler, Falk Elstermann und Martin Heering (ganz rechts aussen) (v.l.n.r.)
Foto: Daniel Thalheim

Ein "Kulturrat" soll nach Wunsch der Initiative ins Leben gerufen werden. "Das ist eine Idee von Burkhard Jung", so Elstermann. Während eines persönlichen Frühstücks im Theater der jungen Welt mit Vertretern der städtischen Theater und freien Szene hatte der Oberbürgermeister laut Elstermann diese Idee, vielleicht auch, um alle am Frühstückstisch versöhnlich zu stimmen nach dem Wirbel um den 2009 gewählten Kulturdezernenten Michael Faber und den jetzigen Ereignissen. Dieser Idee geht der nicht besonders produktive KEP-Kreis voraus, einem Arbeitskreis der Chefs der städtischen Theater und des damaligen Kulturdezernenten Dr. Girardet, die sich mit dem Kulturentwicklungsplan beschäftigen wollten. Daraus wollte man ein Gremium wie den Kulturrat gründen, was nun geschehen soll. Wann das sein wird, ist jedoch noch offen.

Greifbare Nahziele hat die Initiative auch schon und die ersten Stellschrauben sollen nun ins Holz gedreht werden. Torsten Reitler, Initiative-Sprecher für Musik kündigte gestern an, dass jeder Kulturbereich in der Initiative einen eigenen Kulturentwicklungsplan erstellt und ins Kulturdezernat einreicht. Ideen lassen sich wohl am besten mit Zahlen erklären, denken sich die Initiativesprecher und stoßen dabei auf Zuspruch bei den Anwesenden. Ziel ist auch, am Stadtratsbeschluss zu dem Projekt "5fürLeipzig" aus dem Jahr 2008 zu bleiben und gleichzeitig zu hinterfragen, welche Förderrichtlinien gelten sollen für die Förderung der freien Szene. So wünscht sich Reitler eine "fachliche Weiterentwicklung und Erhöhung der Transparenz der Fördermittelvergabe mit klaren Förderkriterien, Vergabegremien und -beiräten." Dazu gehört laut Initiative auch eine klare Definition, was freie Szene ist und was nicht.

Falk Elstermann zum Kulturpodium: "Mit diesem Format wollen wir uns Gehör verschaffen. Gleichzeitig wollen wir demonstrieren, dass wir keine Spaltung in Hoch- und Subkultur sehen. Wir sitzen alle im gleichen Boot."
Falk Elstermann zum Kulturpodium: "Mit diesem Format wollen wir uns Gehör verschaffen. Gleichzeitig wollen wir demonstrieren, dass wir keine Spaltung in Hoch- und Subkultur sehen. Wir sitzen alle im gleichen Boot."
Foto: Daniel Thalheim

Offenbar denken einige Stadtabgeordnete, dass Musikveranstaltungen im Schauspiel und Gewandhaus auch "freie Szene" seien und dass ein international renommiertes Jazzfestival kommunal finanziert sein müsse. Ebenso stelle sich diese Frage auch bei Klassik-Events sowie Wettbewerben, die kommerziell durchaus selbstständig tragfähig sein dürften, weil hier auch Leute angezogen werden, die sich höheres Eintrittsgeld leisten könnten.

So wünscht sich Torsten Reitler eine "fachliche Weiterentwicklung und Erhöhung der Transparenz der Fördermittelvergabe mit klaren Förderkriterien, Vergabegremien und -beiräten."
So wünscht sich Torsten Reitler eine "fachliche Weiterentwicklung und Erhöhung der Transparenz der Fördermittelvergabe mit klaren Förderkriterien, Vergabegremien und -beiräten."
Foto: Daniel Thalheim
Nach vielen Zahlen und Kritik an der Arbeitsweise des Kulturdezernates wurde abschließend eine "Leipziger Erklärung" von den Anwesenden bestätigt, die noch einmal überarbeitet an die sächsischen Landtagsabgeordneten Anfang Dezember gehen soll. Hier stellt die Initiative die Einzigartigkeit des 1994 verabschiedeten Kulturraumgesetzes heraus und welchen Einfluss dieses Gesetz auf die kulturelle Zusammensetzung des Freistaates hat, inklusive der Erhaltung eines hohem Bildungsniveaus der Bürger. Die Initiative will mit dieser "Leipziger Erklärung" emotional an die Landtagsabgeordneten herantreten, um deutlich zu machen, was bei der Novellierung auf dem Spiel steht und was Sachsen dadurch verliert. Nun fragt sich, ob dies auch rechtzeitig geschieht. Der anwesende Landtagsabgeordnete der "Die Linke" Volker Külow bezweifelte am gestrigen Montag, dass die Erklärung so kurzfristig zu einem Umdenken und eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Problem einsetzen lässt.

Bei manchem scheinen die Zahnräder zwischen den Ohren langsamer zu mahlen als bei pfiffigeren Zeitgenossen. Denn nach wie vor scheint es, dass die sächsische Landesregierung auf Teufel komm raus die Novelle durchdrücken will, um künstliche Haushaltsentlastungen herbeizuführen. Wer die Zeche hier bezahlen soll, ist gestern nochmals klar geworden - die sächsische Kultur.

Ein einfaches Weiter so ohne mehr Transparenz, Absprachen und direkte Wege samt Strukturdebatte wird es wohl diesmal mit den Leipziger Kulturmachern nicht mehr geben. Es riecht nach Aufbruch in der Leipziger Szene.

Die Leipziger Erklärung als pdf-Datei lesen Sie in unserem Download-Bereich.

Weitere Informationen unter: www.leipzigpluskultur.de


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