Der Stadtrat tagt: "Klamauk" im Stadtraum? Kulturdezernat lehnt bunte Abfallbehälter der Künstlerin Carolin Okon ab
Daniel Thalheim
16.12.2010
Okon mit ihrer kreativen Gestaltungsidee, Leipziger Papierkörbe gegen das Grau in Grau in der City farbenfroh abzusetzen.
Bild: www.carolin-okon.de/le
Seit Juli diesen Jahres kursiert die bunte Idee. Die Leipziger Kunstmalerin Carolin Okon möchte in der City die Abfallbehälter bunt machen und bedrucken. Auch Leipziger Firmen dürfen an dem Projekt mitwerkeln, indem sie darauf munter Hinweise auf ihre Läden drucken. So weit die Idee. Aber das Leipziger Kulturdezernat will keinen "Klamauk".
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Auf ihrer Homepage steht, dass "Leipzig sich als Kunststadt versteht", und dass das auch deutlicher gezeigt werden kann. Carolin Okon schreibt auch, dass die an den Lichtmasten und Hauswänden befestigten Mülleimer in der Messestadt entweder schwer zu finden sind oder im Grau in Grau der Häuser untergehen.
Das ist keine schlechte Idee, beweist doch Hamburg, dass Farbe geht. Dort sind im City-Bereich Abfallbehälter mit frechen Sprüchen versehen, Farbtupfer und zum Nachdenken anregend. Ein zurückhaltendes Rot fällt eben auf. In der Hansestadt nennt es die Stadt die "sprechenden" roten Papierkörbe, die einer Kampagne der Stadtreinigung "Wir geben dem Müll einen Korb" für Hingucker sorgt und Gesprächsstoff bei den Touristen.
So heißt es bei der Hamburger Stadtreinigung: "Die Stadtreinigung Hamburg rüstete in den vergangenen Jahren nach und nach alle ihre 9.100 Hänge- und Standpapierkörbe von Mausgrau auf Feuerrot um. Früher waren sie so gut getarnt, dass sie kaum aufgefallen sind, jetzt sind sie nicht mehr zu übersehen und werben frech-freundlich für mehr Sauberkeit in Hamburg."
Es ist eigentlich eine Marketingidee, die die Stadtreinigung in der Hansestadt auf die "Problemzone" Müllkorb verweisen lässt. "Neben der Werbung durch die 'sprechenden' roten Papierkörbe wurde die Kampagne "Wir geben dem Müll einen Korb" durch Plakate und Anzeigen in Hamburger Tageszeitungen, Stadtmagazinen und Wochenblättern unterstützt." Der Werbepartner ist eine große Marketingfirma. In Leipzig hingegen läuft alles anders.
So könnte Leipzig Leipzigern und Touristen auf der Rückseite der jetzt schwarzen Papierkörbe erscheinen - auf der Vorderseite sind von Leipziger Firmen gesponsorte Hinweise.
Bild: www.carolin-okon.de/le
Hier schläft die Stadt und zieht ihren "Verwaltungsesel" schnaubend durch das Rathaus und lässt sich anscheinend eine viel versprechende Marketingkampagne entgehen.
Denn die aus dem thüringischen Apolda stammende und seit elf Jahren in Leipzig lebende und wirkende Künstlerin will mit ihrer Idee auch erreichen, dass "besonders in Zeiten kommunaler Finanzengpässe", es erwägenswert ist, die wesentlich größeren Budgets der ansässigen Unternehmen in Betracht zu ziehen." Die Idee dieser Patenschaft erklärt sie auch auf ihrer Homepage: "Firmen finanzieren die Papierkörbe in der Anschaffung und der regelmäßigen Leerung. Im Gegenzug können die Unternehmen 'ihre' Papierkörbe als Hinweisschilder nutzen und die Rückseite von Künstlern gestalten lassen." Diese Hinweisschilder oder Wegweiser könnten zum Beispiel auch laut Okon gegenüber der L-IZ, auf die nächste Sparkasse, das nächste Hotel oder Arztpraxis verweisen.
Für Okon ist "das Projekt ein Geschenk an die Stadt Leipzig. Der schnellste und unbürokratischste Weg ist der, dass Künstler sich die Paten-Unternehmen selbst suchen. Ich übernehme dann die Koordination des Standorts und kümmere mich um die notwendigen Genehmigungen." Im Prinzip versucht eine einzelne Künstlerin das zu veranstalten, was in Hamburg einer großen Marketingfirma anvertraut wurde. Zeitungsberichte in der Leipziger Volkszeitung zeigten Okon beispielsweise mit dem Leipziger Bundestagsabgeordneten Dr. Thomas Feist, der offensichtlich zusammen mit der Leipziger CDU-Fraktion im Stadtrat hinter der putzigen und gar nicht so abwegigen Idee steht. Denn in Dr. Feists Abgeordnetenbüro liegen viele Bürgerbeschwerden über fehlende Papierkörbe und auch zu wenig Sitzgelegenheiten vor.
Deswegen hat der Leipziger Stadtrat der CDU Ansbert Maciejewski am 25. Oktober eine schriftliche Anfrage an die Stadtverwaltung gestellt, die am 30. November schriftlich beantwortet wurde. Das Dezernat Kultur meint darin, auf Grundlage der Sondernutzungssatzung der Stadt Leipzig ist die Aufstellung von Papierkörben mit Werbung genehmigungsfähig und kostenpflichtig für die Firmen. Produktwerbung ist jedoch nicht möglich. Firmenwerbung schon, wenn sie mit einem in der Nähe stehendes Geschäft in Verbindung gebracht werden kann. Genau das will Okon erreichen.
Das Kulturdezernat antwortet weiter auf die Anfrage von Ansbert Maciejewski, dass aus dem Gestaltungsvorschlag nicht hervorgeht, ob bestehende Papierkörbe gestaltet werden sollen oder nicht. Die bereits bestehenden gehören zur Stadtmöblierung und können nicht bemalt werden, weil sonst eine optische Überfrachtung des Stadtraums erfolge. Zusätzliche Papierkörbe aufzustellen, würde für das Kulturdezernat bedeuten, dass der Stadtraum gleichfalls "überfrachtet" wird. Ein diesbezüglicher Antrag müsste aber auf Umsetzung geprüft werden. Das Sachverständigenforum "Kunst am Bau" muss laut Kulturdezernat nicht in das Projekt einbezogen werden.
So hat das Leipziger Kulturdezernat eine Idee halb abgelehnt, die ihr keine zusätzlichen Kosten beschert hätte, weil sich hier Leipziger für ihre Stadt engagieren wollen, die entstehenden Kosten der Umgestaltung von den Firmen gesponsort würden.
Warum sich das Kulturdezernat gegen eine Idee verschließt, die in westdeutschen, holländischen und auch österreichischen Städten schon längst umgesetzt wird, die Stadt Leipzig außer einer Neuaufstellung der Papierkörbe zudem kaum etwas kostet, kommentiert Carolin Okon mit einem amüsierten Lächeln und der Bemerkung: "Wenn sich Leipzig wirklich als Kunststadt sieht, sollte sie es auch nach außen zeigen. Leipzig tritt immer als Kunststadt auf, aber wo sind die Künstler dabei?" Aber nun soll sich eine frisch gegründete Werbe- und Marketingfirma um das Projekt kümmern. Der Lauf von Hase und Igel um eine witzige Idee geht weiter - ganz ohne "Klamauk" und schriller Töne. Nur der graue Verwaltungsesel singt sein stilles und einsames Lied.
Carolin Okon mit ihrer Homepage und der Papierkorb-Gestaltungsidee: www.carolin-okon.de
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