Jugendhilfe in Leipzig: Freie Träger kritisieren neue Leistungseinschnitte
Daniel Thalheim
26.11.2011
Bild: Matthias Weidemann
Zur letzten Ratsversammlung am 17. November haben die freien Träger der Jugendhilfe - wieder einmal - gegen anstehende Kürzungen protestiert. An diesem Samstag, 26. November, tagte der Finanzausschuss zu den Mitteln für Freie Träger im nächsten Haushalt. Am Montag soll damit an die Öffentlichkeit gegangen werden. Worum es den Freien Trägern genau geht, teilt Leipzigs VILLA-Chef Oliver Reiner der Öffentlichkeit mit.
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"Eine vermeintliche Förderung auf Vorjahresniveau bedeutet Leistungseinschnitte für fast alle Jugendhilfeangebote", kritisierte die Leipziger Arbeitsgemeinschaft der freien Träger der Jugendhilfe am Mittwoch in einer öffentlichen Stellungnahme. Der Kritik schließen sich auch der Stadtjugendring und die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände an. Sie fordern jetzt von Leipzigs Verwaltung und Stadtrat ein Stop des Raubbaus an der Kinder- und Jugendförderung und ihren Mitarbeitern. Weitere Proteste werden angekündigt.
Die Kostenstruktur in der Jugendarbeit bestehe - so ihre Kritik - zu über 85 Prozent aus Fixkosten für Personal, Mieten und Betriebskosten. Der Rest sind laut Ausführungen aus der "Villa" Kosten für die inhaltliche Arbeit. Allein die Betriebskosten sollen in den vergangenen Jahren durchschnittlich um 5 Prozent pro Jahr gestiegen sein.
„Wir haben nichts gegen diese Kostensteigerungen in der Hand“, erklärt die Geschäftsführerin des Stadtjugendrings Corinna Graf. „Trotz gesenkter Verbrauchswerte müssen wir für das vergangene Jahr mehr als 300 Euro Betriebskosten nachzahlen, weil die Preise ständig steigen. Und wir haben nur eine vergleichsweise kleine Fläche - bei großen Einrichtungen, wie den Jugendzentren, gehen diese Preissteigerungen schnell in den vierstelligen Eurobereich.“
Proteste vor der ratsversammlung im November - KiTas und Freie Träger protestieren gegen kommende Kürzungen.
Bild: Matthias Weidemann
Gegenüber der L-IZ sagt "Villa"-Chef Oliver Reiner am Donnerstag zu den Betriebs- und Nebenkosten: "Die allgemein steigenden Kosten betreffen jeden. Und natürlich sind es nicht nur die Betriebskosten, sondern auch Versicherungen, inhaltliche Materialien, die Arbeitgeberanteile für die Sozialversicherung und die Lohnkosten. Bei den Betriebskosten ist speziell, dass es ja kommunale Unternehmen sind, die hier die Preise erhöhen für Strom, Wasser, Fernwärme. Aber auch Müllabfuhr, Straßenreinigung und selbst die Grundsteuer sind gestiegen. Alles das müssen wir seit Jahren über den Abbau von Sozialpädagogen und damit von Qualität ausgleichen. Und die Frage ist jetzt wirklich, macht das, was wir jetzt noch leisten können, wirklich noch Sinn. Aus dieser Abwärtsspirale müssen wir dringend raus."
Wer mit gleichbleibender Förderung auch gleichbleibende Leistung feststellt, soll sich laut "Villa" in einem Irrtum befinden. "Nachhaltige Jugendarbeit ist Beziehungsarbeit", teilt der "Villa"-Geschäftsführer ebenfalls der L-IZ mit. "Die einzige Stellschraube, die freie Träger der Jugendhilfe beim Sparen noch haben, sind die Gehälter ihrer Fachkräfte – die aber auch ihr ganzes Kapital sind. Wie sollen die Mitarbeiter Kindern und Jugendlichen stabile Beziehungen und Sicherheit vermitteln, wenn ständige Unsicherheit ihr eigenes Erwerbsumfeld prägt? Die Qualität in der Jugendhilfe steht und fällt mit motivierten Fachkräften." Der Fall liegt für die Betroffenen klar auf der Hand: Kürzungen von Fördermitteln bewirken einen überproportionalen Abbau von Fachkräften.
Es kommen mehr Proteste gegen Kürzungen.
Bild: Matthias Weidemann
Als Beispiel wird die Medienwerkstatt Leipzig des Soziokulturellen Zentrums „Die Villa“ aufgeführt, die Medienbildung für Kinder und Jugendliche aus ganz Leipzig anbietet. „Für die Bereiche Film, Fotografie, Computeranimation und Internet hatten wir ursprünglich zwei Medienpädagogen, einige Honorarkräfte sowie einen Koordinator und Technikbetreuer“, berichtet Oliver Reiner. „Nach mehreren Kürzungsrunden und gleichzeitigen Preissteigerungen wird das Geld im kommenden Jahr wohl nur noch für zwei Teilzeitstellen reichen.“ Investitionen in die Ausstattung müssen seit Jahren aufgeschoben werden. „Leipzig möchte im Bereich der Kreativwirtschaft punkten und vernachlässigt so sträflich den Nachwuchs. Da passen der politische Anspruch und die Wirklichkeit nicht zusammen“, erkennt Reiner.
Aus der "Villa" wird kritisiert, dass Leipzig sich 2006 aufgrund von Sparvorgaben von den bis dahin gemeinsam mit den freien Trägern vereinbarten fachlichen Mindest-Standards für die Jugendhilfe verabschiedet hat. Reiner teilt mit: "Die Förderung der Projekte wurde damals um mehr als 10 Prozent zusammengestrichen. Seitdem hat sich am Förderniveau für die meisten Angebote nicht viel verändert: Es gab einige kleinere Kürzungen und einige kleinere Erhöhungen. Im Ergebnis liegt die Personalausstattung der meisten Angebote jetzt unter zwei Vollzeitstellen."
Für 2012 stehen laut dem Soziokulturellen Zentrum in der Lessingstraße Fördersummen im Raum, die noch unter denen nach der Kürzungswelle von 2006 liegen. "Die Ausstattung mit Fachkräften bei den Angeboten der Jugendhilfe wird 2012 um mehr als ein Drittel unter den ehemaligen Fachstandards liegen. Gleichzeit stiegen die Anforderungen für Qualitäts-Dokumentationen. So wurden standardisierte Konzept- und Sachberichtsraster und detaillierte monatliche Besucherstatistiken eingeführt. Aktuelle Entwicklungen führten außerdem zu neuen Netzwerken (Kinderschutz, Gewaltprävention …). Hierfür wird zusätzlich Arbeitszeit der Fachkräfte gebunden", so Busch weiter. Bei diesen Aussichten sinkt die Zeit, die Sozialarbeiter für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aufopfern.
Der Geschäftsführer des Soziokulturellen Zentrums in der Lessingstraße zitiert eine Quelle aus dem Jugendhilfeausschuss der Stadt Leipzig, die besagt: "Jugendberufshilfe hat hohe Priorität. Allerdings sind die stetig steigenden Investitionen in diesen Teilbereich, aufgrund geringer werdender Mittel von Ko-Finanzierern wie dem ESF und dem Jobcenter nicht von den anderen Leistungserbringern der Jugendförderung allein zu stemmen. Die Kosten der Jugendberufshilfe stiegen in den letzten beiden Jahren um 27 Prozent." Corinna Graf befürchtet: „Wir dünnen so die Jugendarbeit weiter aus, und damit ihre präventive und bildungsbegleitende Wirkung. Zusätzliche Kosten für Jugendberufshilfe müssen auch zusätzlich bereitgestellt werden!“
Hinzu kommen 2012 neue Einschnitte für die freien Träger der Jugendhilfe: Kommunal-Kombi und Arbeitsgelegenheiten in Entgeltvariante laufen 2012 komplett aus. Alternativen dazu sind nicht in Sicht. "Villa"-Geschäftsführer Oliver Reiner führte aber auch aus, dass die Möglichkeiten des Bundesfreiwilligendienstes geprüft werden sollen. Fast ein Drittel aller Mitarbeiterinnen in den Jugendhilfe-Angeboten werde aktuell noch über Arbeitsförderungsmaßnahmen finanziert. "Einmalige Angebote wie das Theatrium in Grünau warnen schon seit Monaten vor dem Zusammenbruch. Sechs der zehn Mitarbeiterinnen dort werden noch über Arbeitsförderungsmaßnahmen finanziert und fallen 2012 weg."
Am Samstag tagte der Finanzausschuss. Am Montag soll bekannt werden, wohin der Weg geht. Oliver Reiner hofft, dass sich vielleicht noch etwas zu Gunsten der freien Träger dreht. Denn, so betont er gegenüber der L-IZ, sich auf den Bundesfreiwilligendienst allein zu verlassen, kann der Arbeit im Jugendhilfebereich nicht hilfreich sein. Reiner: "Wir prüfen noch, was über den Bundesfreiwilligendienst abgefangen werden kann. Es handelt sich aber um einen Freiwilligendienst. Und das ist schon etwas anderes als ein Mitarbeiter, der dafür Geld bekommt. Der Bundesfreiwilligendienst wird sicher nicht alle Lücken ausfüllen können."
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