Südmeile wird eng: Vereine kritisieren Umbaupläne mit Straßenaktion
Daniel Thalheim
25.11.2011
Foto: Daniel Thalheim
Die Leute drücken sich an den Autos vorbei. Diese wurden vor der LVB und auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Fußwege geparkt. Mancher Passant schimpft, andere greifen nach den hingehaltenen Zetteln. Ökolöwe und ADFC haben die Aktion bewerkstelligt. Grund ist der Umbauplan der Karl-Liebknecht-Straße mit einer eigenen Trasse für die Tram, Parktaschen und einem schmalen Radweg.
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Autos standen am 24. November des Vormittags mit Tüchern verhangen auf den Gehwegen der "Karli" herum. Sie zwangen die Passanten, sich daran vorbeizuquetschen. Es wird eng am Boulevard, wo LVB und Stadt Leipzig im Zuge anstehender Gleisbauarbeiten einem Straßenzug ein anderes Gesicht geben wollen.
Es geht um den Abschnitt ab Riemannstraße hinauf bis zum Südplatz. Hier soll die Straßenbahn ab 2013 eine eigene Trasse erhalten. Der neu zu planende Haltestellenbereich "Hohe Straße" wird ähnlich wie bei der Straßenbahnhaltestelle "Angerbrücke" gestaltet. 2013 soll das alles kommen. Dadurch werden die breiten Fußwege enger, worauf jetzt Händler ihre Freisitze ausbreiten und Fußgänger viel Platz haben.
"Wir zeigen auf, was Leipzig planen will", erklärt Alexander John vom Leipziger Büro des ADFC. Wenn die "Karli" seinen Worten nach umgebaut ist, werden an Stelle der am 24. November geparkten Autos auf den Fußwegen immer Autos stehen. Freisitze, wie man sie heute noch sieht, können so nicht mehr existieren. Außer man schränke den Fußverkehr ein. John weiter: "Tatsächlich wollen wir mit der Aktion verdeutlichen, welche Einschnitte die Fußgänger beim kommenden Umbau hinnehmen müssen. Wir denken, dass die Bevölkerung durch unsere Aktion begreifen kann, was möglicherweise bald Realität ist. Die Aktion soll einen wichtigen Beitrag zum Meinungsbildungsprozess beitragen."
Kritisch gegenüber den Karli-Umbauplänen: Alexander John, ADFC Leipzig.
Foto: Daniel Thalheim
Hin und wieder ist Ärger dabei, wenn wieder ein Leipziger die Autos im Wege stehen sieht. "Der Ärger verfliegt schnell, wenn man sich über die Aktion und die Umbaupläne informiert. Am Mittwoch, 23. November, hat es das erste Forum dazu gegeben, wo auch angesprochen wurde, dass man verdeutlichen muss, was es bedeutet, so einen gravierenden Eingriff vorzunehmen", sagt John sichtlich gelassen über so manche verärgerte Reaktion. "Ich hoffe eher, dass sich die Leute an den hier parkenden Autos stören und sich später mokieren, dass der Gehweg für Parktaschen und einen separaten Gleiskörper kleiner wird."
Stadträte, Stadtbezirksbeiräte, verkehrspolitische Sprecher und andere Leute wurden zur Aktion eingeladen, weiß Alexander John. Gekommen ist nur Grünen-Stadtrat Norman Volger. Er hat die Einladung vom Ökolöwe e.V. erhalten. Volger freut sich auf eine angeregte Diskussion mit den Passanten, aber die meisten gehen mit einem Handzettel in der Hand und kurzen Infos im Ohr gleich wieder ihrem Tagwerk nach. Der Grünenstadtrat hält die Aktion der Vereine trotzdem für notwendig. "Wenn eine der Hauptverkehrsstraßen in Leipzig auch durch ihre breiten Gehwege ein gewisses Flair genießt und umgebaut werden soll, ist es wichtig, mit den Bürgern auch vor Ort ins Gespräch zu kommen. Nur so kann man informieren, was kommen wird und was daran kritikwürdig ist."
Es wird eng auf der Karli. Geparkte Autos stehen nicht ohne Grund auf Gehwegen.
Foto: Daniel Thalheim
Die Radfahrer "fliegen" sowieso in zunehmenden Maße an den geparkten Autos vorbei. Volger stellt nachdenklich fest, dass die Gehwege zugunsten des Straßenverkehrs weichen sollen. Obwohl das Verkehrsaufkommen der Autos in den letzten Jahren sank, der des ÖPNV stark zunahm. Volger kritisiert, dass man unnötigerweise das Flair eines Boulevard zerstört. Er und Alexander John begründen ihre Kritik damit, dass es die "Karli" nicht hergibt, dass die Fußwege um teils 4 Meter pro Fahrtrichtung in ihrer Breite reduziert werden. Außerdem freuen sich die LVB auf eine Zeitersparnis von 2 Minuten, wenn der separate Gleiskörper kommt. Diese Zahl wiederum könne kritisch hinterfragt werden. Rechneten die LVB auf der gesamten Strecke doch vor kurzem noch mit einer Beschleunigung der Tram um ca. 10 Sekunden, gegenüber dem aktuellen Bestand mit neuwertigen Gleisen auf der gesamten Strecke.
"Momentan ist die Situation so, dass die Karli sämtlichen gesetzlichen Vorschriften entspricht. Für eine Magistrale haben wir hier angemessen breite Gehwege, haben normale Fahrbahnbreiten, die Unfallrisiken sind vergleichsweise gering. Hier prescht niemand einfach so hindurch, sondern hier herrscht viel mehr eine gegenseitige Rücksichtnahme", erklärt John. Er freut sich auch, dass es markant für die "Karli" ist, dass Fußgänger jederzeit die Fahrbahn überqueren können. "Das ist momentan möglich. Die Autos halten sogar auch an. Besser kann es gar nicht sein. Frage ist: Wie schafft man es trotzdem, dass der ÖPNV nicht unter starken Restriktionen leidet. Momentan leidet er unter sich selbst, weil der Gleiskörper hier total verschlissen ist."
ADFC, Ökolöwe und Fuß e.V. greifen zur meinungsbildende Maßnahme Straßenaktion.
Foto: Daniel Thalheim
Die darunter liegenden Anlagen der Kommunalen Wasserwerke sind auch hinüber.
Ob die Stadtverwaltung an dieser Stelle gesprächsbereit ist, bezweifelt Volger. Er lacht. "Nach außen hin definitiv! Man will ein Jahr lang eine intensive Bürgerbeteiligung zulassen", sagt Volger nicht ohne Ironie. Das war zumindest die Antwort auf den Haushaltsantrag der Grünen. Die permanenten Wasserrohrbrüche und der desolate Gleiskörper zeigten, dass KWL und LVB hier schon längst etwas machen müssen. "Das schiebt die Stadtverwaltung mit der Begründung einer intensiven Bürgerbeteiligung jetzt auf." Volger hofft mit einem listigen Augenblinzeln, dass die Stadtverwaltung auch Kritik und Vorschläge zulassen und somit auch Änderungen vorsehen wird, die bis dahin vorgebracht werden können.
Der Eindruck von Alexander John von der am Abend zuvor geführten Infoveranstaltung und den Aussagen des LVB-Geschäftsführers Middelberg war der, dass man gerne alles so umsetzen möchte, wie es jetzt geplant ist. "Middelberg ist natürlich daran interessiert, dass die Interessen der LVB durchgesetzt werden. Die Stadtverwaltung hat natürlich die Interessen aller im Blick und muss für alle entscheiden. Dass ein LVB-Geschäftsführer sich für sein Unternehmen einsetzt, ist damit völlig normal. Dafür ist er ja schließlich eingestellt worden."
Für Volger ist es noch zu früh, politisch zu handeln. Das ist davon abhängig, ob Detailplanungen geändert werden oder nicht. "Wir steigen gerade in den Diskussionsprozess ein. Wir warten erst einmal ab, was die Bürger zu all dem hier sagen." John sagt abschließend, dass auch die Vereine ADFC Leipzig, FUSS e.V. und Ökolöwe für eine Modernisierung der besagten Strecke zwischen Riemannstraße und Südplatz sind. "Aber es ist in Leipzig so üblich, dass, wenn man Projekte wie dieses anpackt, wird von Hauskante zu Hauskante gebaut. Das kann gut sein, muss aber nicht." ADFC, Ökolöwe und FUSS e.V. wollen selbst auch zwei Infoveranstaltungen anbieten: einmal für Gewerbetreibende am 28. November um 19 Uhr in der "Kleinen Träumerei" in der Münzgasse. Am 6. Dezember, ebenfalls 19 Uhr, gibt es im Gemeinschaftsbüro des ADFC in der Grünewaldstraße 19 noch eine Infoveranstaltung.
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