Capa-Haus Leipzig: Grafiker Harald Alff schreibt offenen Brief an den Oberbürgermeister
Daniel Thalheim
01.02.2012
Harald Alff mit seiner Grafik "Lindenau 1", Farbholzschnitt, 2012, 50 x 70 cm.
Bild: Hoch+Partner/Harald Alff
Seit Oktober 2011 bewegt ein Haus viele Menschen in Leipzig. An der Jahnallee steht ein abbruchgefährdetes Gebäude, wo der amerikanische Kriegsfotograf Robert Capa 1945 ein berühmtes Foto schoss. Eine Abrissgenehmigung wurde bereits erteilt. Nach dem Dachstuhlbrand zum Jahreswechsel sieht es nicht besser aus. Die Stadtverwaltung will sich für den Erhalt des "Capa-Hauses" einsetzen. Grafiker Harald Alff verleiht dem Vorhaben mit einem offenen Brief an Burkhard Jung Nachdruck.
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Harald Alff ist selbst Leipziger. 1963 in der Messestadt geboren, studierte er von 1989 bis 1994 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Derzeit ist er in der Galerie "Hoch+Partner" im Leipziger Tapetenwerk an der Lützner Straße umtriebig. Der mehrfache Stipendiat und Mitgründer der Galerie "Hoch+Partner" wurde 2011 von der Stadt Leipzig beauftragt, eine Gedenktafel für die Befreiung Leipzigs durch die US-Armee anzufertigen. Das tat er auch. Oberbürgermeister Burkhard Jung enthüllte die Tafel gemeinsam mit der US-Generalkonsulin Katherine Brucker am 18. April 2011. Alff versteht nicht, dass man eine Abrissgenehmigung fürs "Capa-Haus" erteilte, obwohl das Wohngebäude an der Angerbrücke für Teile der Stadtverwaltung "stadtbildprägend" und von "historischer Bedeutung" sei.
Auch deswegen schrieb der Grafiker einen offenen Brief an den Leipziger Oberbürgermeister. Er ging am Abend des 31. Januar bei der L-IZ-Redaktion ein. Die Zeilen geben die Bedenken eines Leipzigers wieder, der mit dem Haus quasi aufgewachsen ist. Täglich fährt er zu seinem Atelier und schaut auf das Haus. Vor seinem Arbeitsauftrag für die Gedenktafel wusste Alff nichts über die geschichtliche Bedeutung des Hauses an der Jahnallee 61. Obwohl schon am Institut für Kunstgeschichte in Leipzig über Robert Capa und sein Wirken in Leipzig bereits vor knapp zehn Jahren referiert wurde. An die Öffentlichkeit drang damals noch nichts darüber. Umso betroffener war Alff, als er von dem drohenden Abriss erfuhr.
Leipziger Grafiker Harald Alff bei einer Ausstellung im Januar 2010.
Foto: Daniel Thalheim
In seinem Brief heißt es: "Da sich sowohl mein Atelier, als auch unsere Galerie und Werkstatt Hoch+Partner im Lindenauer Tapetenwerk befinden, fühle ich mich noch etwas mehr von dieser Entwicklung betroffen. Eine Entwicklung, die nicht nur einen einzigartig dokumentierten historischen Schauplatz, sondern auch ein für das Stadtbild des Leipziger Westens unersetzliches Bauwerk zu vernichten droht. Dass selbst ein Bau, welcher in unserer Stadt wie wohl kein zweiter an die eingangs erwähnte Geschichtsepoche erinnert, in seiner Existenz bedroht ist, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang privater Investoren mit historisch bedeutender Bausubstanz."
Harald Alff wirft in seinem Brief dem derzeitigen Eigentümer des "Capa-Hauses" Verantwortungslosigkeit vor. Warum sich der Grafiker auch für das Haus öffentlich einsetzen will, begründet er mit seiner Arbeit. Als Künstler beschäftigt er sich mit dem Leipziger Stadtraum.
Das findet auch Eingang in seine grafischen Arbeiten, die er bundesweit ausstellt. Darunter auch die Grafik des "Capa-Hauses", das er seinem Brief als Bilddatei hinzufügte. Er schreibt darüber: "Ein Farbholzschnitt, der das Haus in seiner gewachsenen Umgebung zeigt, ist meine hoffnungsvolle Stellungnahme zu dieser Situation. Diese Grafik ist für mich mehr als ein Bild, es ist gleichsam eine Beschwörung, dieses Gebäudeensemble nicht dem Untergang preiszugeben, sondern in allem Respekt zu bewahren."
Eindringlich bittet Harald Alff den Oberbürgermeister, sich für das Haus an der Jahnallee 61 einzusetzen. Denn für den Leipziger Künstler ist Leipzig als Ganzes ein geschichtlicher Ort. Gerade durch seine Häuser und Orte. "Geschichtliches Bewusstsein wird sich nicht in erster Linie durch Gedenktafeln entwickeln, sondern kann nur in einem Stadtraum gedeihen, der reich an original-historischer Substanz, ästhetischen Brüchen und authentischen Geschichtsschauplätzen ist", heißt es abschließend. Alff hofft durch seinen Brief auf den Erhalt des Hauses.
Inzwischen gelten Teile des Gebäudes als stark einsturzgefährdet. Wie es am 31. Januar aus dem Amt für Bauordnung und Denkmalpflege hieß, sei kurzfristig eine Notsicherung vorgenommen worden. Die Arbeiten am 3. Obergeschoss begannen am 31. Januar. Dazu heißt es: "Eine von außen anzubringende Stützkonstruktion aus Holzbalken, eine so genannte Gurtung bzw. Bandagierung mit Rückverankerung durch Stahlseile an tragenden Gebäudeteilen im Inneren des Hauses, soll den Eckbereich und die Holzveranda auf der Straßenseite sichern. Die Arbeiten werden von einem Hubsteiger aus erledigt."
Als Ursache der Schäden am Eckbereich im dritten Obergeschoss führt das Amt für Bauordnung die Niederschläge an, die jahrelang durch das undichte Dach eindringen konnten. Zudem geht das Bauordnungsamt im Zusammenhang mit der aktuellen winterlichen Wetterlage davon aus, dass die statische Situation des Hauses durch die zusätzlichen Schneelasten verschlechtert wird.
"Die jetzt anstehenden Notsicherungsmaßnahme dient der Gefahrenabwendung und dem Schutz Dritter. Sie verhindern nicht, dass weiter Wasser eindringt und noch andere Gebäudeteile geschädigt werden. Der seit dem Bekanntwerden der Schäden gesperrte Gehweg bleibt auch nach der Notsicherung gesperrt. Zur Rettung des Gebäudes wäre es erforderlich, unverzüglich das Dach abzudichten und die geschädigten Bauteile in Stand zu setzen. Die Veranlassung dieser Arbeiten obliegt aber dem Eigentümer", so das Bauordnungsamt.
Harald Alff, Lindenau 1, Farbholzschnitt, 2012, 50 x 70 cm.
Bild: Harald Alff
Der Offene Brief in voller Länge
Der Brief:
"Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
im Jahr 2011 hatte ich die durchaus ehrenvolle Aufgabe, die Gedenktafel für die Befreiung Leipzigs durch die 2. und 69. Infanteriedivision der US-Army zu entwerfen. Sie selbst enthüllten diese Tafel gemeinsam mit der US-Generalkonsulin Katherine Brucker am 18. April. Nicht nur aufgrund dieser Arbeit und einiger anderer Gedenkorte, die ich bisher gestalten durfte, bin ich sehr an der historischen Dimension meiner Heimatstadt interessiert.
Seit ca. zwei Jahren fahre ich fast täglich auf dem Weg ins Atelier an einem Gebäude vorüber, von dessen geschichtlicher und medialer Bedeutung ich erst vor kurzem erfahren habe. Als ich an jenem 18. April von Lindenau zum Dittrichring zur Enthüllung der Tafel fuhr, hatte ich noch keine Ahnung, dass exakt 66 Jahre zuvor sich in jenem einstmals imposanten Eckhaus eine von vielen Tragödien des Krieges abspielte. Und zugleich eines der berühmtesten Fotos des 2. Weltkrieges dort entstand. Da sich sowohl mein Atelier, als auch unsere Galerie und Werkstatt Hoch+Partner im Lindenauer Tapetenwerk befinden, fühle ich mich noch etwas mehr von dieser Entwicklung betroffen. Eine Entwicklung, die nicht nur einen einzigartig dokumentierten historischen Schauplatz, sondern auch ein für das Stadtbild des Leipziger Westens unersetzliches Bauwerk zu vernichten droht. Dass selbst ein Bau, welcher in unserer Stadt wie wohl kein zweiter an die eingangs erwähnte Geschichtsepoche erinnert, in seiner Existenz bedroht ist, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang privater Investoren mit historisch bedeutender Bausubstanz.
Nachdem sich diese Eigentümer in unsäglicher Weise als verantwortungslos erwiesen haben, muss nun die Stadt in ureigenstem Interesse den Rettungsschirm über dem Haus aufspannen. Mein hauptsächliches Tätigkeitsfeld besteht in der grafischen Darstellung von Stadtraum und Architektur (nicht zuletzt von Leipziger Motiven), und so bleibt mir nur, mit meinem Medium, der Druck- grafik, auf diese Situation zu reagieren. Ein Farbholzschnitt, der das Haus in seiner gewachsenen Umgebung zeigt, ist meine hoffnungsvolle Stellungnahme zu dieser Situation. Diese Grafik ist für mich mehr als ein Bild, es ist gleichsam eine Beschwörung, dieses Gebäudeensemble nicht dem Untergang preiszugeben, sondern in allem Respekt zu bewahren. Der Respekt vor den Geschehnissen gebietet eine weitgehende Erhaltung aller authentischen Räume und nicht etwa eine reine Kulissenlösung, die lediglich die äussere Hülle als Verblendung eines Neubaus missbraucht.
Geschichtliches Bewusstsein wird sich nicht in erster Linie durch Gedenktafeln entwickeln, sondern kann nur in einem Stadtraum gedeihen, der reich an original-historischer Substanz, ästhetischen Brüchen und authentischen Geschichtsschauplätzen ist. In diesem Sinne bitte ich Sie, sich für eine originalgetreue Erhaltung des Gebäudes Jahnallee 61 einzusetzen.
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