Bertelsmann-Studie: Die Deutschen haben die Nase voll von Entmündigung und falscher Wirtschaftspolitik
Ralf Julke
27.12.2009
Deutsche wollen wieder partizipieren.
Den ersten Nach-Weihnachtssonntag nutzte die Bertelsmann Stiftung, um die ersten Ergebnisse einer Studie vorzustellen, die zum ersten Mal beschreibt, dass Deutschland an einer Zeitenwende steht. "2010: Wendemarke oder tiefer in die Depression?" überschreiben sie ihre Auswertung.
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Die könnte man im Grunde 1:1 einfach hier hersetzen – hätten die für die Studie Verantwortlichen nicht die falschen Akzente in den Vordergrund gerückt. "70 Prozent der Deutschen haben Vertrauen in Politik und Wirtschaft verloren" heißt es da.
Und dann: "Eine große Mehrheit hat nach dem Krisenjahr 2008/2009 ihr Vertrauen in zahlreiche Institutionen, Entscheider und Verantwortungsträger verloren. Inzwischen müssen ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung als weitgehend resigniert eingeschätzt werden." Es sieht nicht gut aus – aber nur unter einer Bedingung: Dass so weiter gewurstelt wird wie bisher. Von diesem Gewurstel haben die Deutschen die Nase voll.
Nur noch 31 % der Deutschen, dass es so weitergehen kann wie bisher.
Foto: Ralf Julke
Beinahe jeder Zweite wünsche sich dabei mittlerweile einen "Systemwechsel" in Bezug auf repräsentative Demokratie oder Marktwirtschaft, heißt ein Ergebnis der umfassend angelegten Studie der Bertelsmann Stiftung über das Vertrauen der deutschen Bevölkerung zum Ende des Jahres, durchgeführt vom Bremer Forschungsinstitut Nextpractice im Rahmen von tiefenpsychologischen Interviews mit repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern durchgeführt. Die Untersuchung bestätigt zwei frühere Studienergebnisse von Nextpractice sowie eine Langzeituntersuchung der Bielefelder Universität unter 3.000 Bundesbürger. Dabei war eine Quote von nachhaltig "Resignierten und Pessimisten" zwischen 66 und 78 Prozent ermittelt worden.
Das mit den "Resignierten und Pessimisten" kann man nur in Gänsefüßchen setzen. Denn auch das wird in der Studie deutlich: Der breitflächige Vertrauensverlust ist "weniger eine direkte Folge der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern setzte bereits vor Jahrzehnten als Folge der Globalisierung ein."
Und auch das muss man umformulieren: Er setzte ein mit dem Propagieren dessen, was einige Leute mit sehr viel Eigeninteresse als "Globalisierung" bezeichnen und seit 30 Jahren als Liberalisierung zu verkaufen versuchen. Die Befragten wissen diese Leute sehr wohl zu benennen – und ihr Eigeninteresse ebenso.
Und dass Vieles von dem, was aktuelle Regierungen als kluge Politik zu verkaufen versuchen, Murks, Verschwendung und – wieder und wieder – reine Lobbypolitik ist, auch das wissen die meisten.
"Kurzfristiges Krisenmanagement zeigt sich danach wenig geeignet, das verlorene Vertrauen zu festigen", formulieren die Verfasser der Studie.
Als neue Vertrauensanker werden am ehesten benannt:
- eine Wende zu umfassender Nachhaltigkeit,
- eine vielfältige Beteiligung an Entscheidungsprozessen
- sowie Förderung von Bildung und Familie gesehen. Unter der Oberfläche, so die Studienleiter, deuten sich darüber hinaus möglicherweise neue soziale Bewegungen an, die die gesellschaftliche Einflussnahme und politisch unabhängige Mitsprache neu organisieren werden.
Oder noch deutlicher: Die Deutschen haben diese Nase voll von einer Politik, in der sie bei allen wichtigen Entscheidungen übergangen, ausgegrenzt und belogen werden. Und zwar auf allen Ebenen - vom Bund bis in die Kommune.
Die Meisten wollen mehr Möglichkeiten zur politischen Partizipation ...
Foto: Ralf Julke
Es sind politische Tarnkappenmanöver wie die Nachtflüge am Leipziger Flughafen oder der Versuch, kommunale Betriebe "aus Sachzwängen" zu verkaufen, die die Bürger nervös machen und berechtigte Ängste auslösen.
70 Prozent der qualitativ Befragten sagten, dass sie kaum noch Vertrauen in die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft oder in die sozialen Sicherungssysteme haben. Aber im Detail wird das schon recht bunt.
"Sie sind resigniert, sehen die aktuelle Situation sehr kritisch und haben nur wenig Vertrauen in die weitere Entwicklung der Lebensbedingungen in Deutschland", formuliert die Stiftung in ihrer Mitteilung zur Studie.
Als Ursache für diesen Vertrauensverlust werden zunächst eindeutig die jüngeren Entwicklungen des internationalen Finanzmarktes und der Politik in Deutschland benannt. Mängel werden besonders auch im deutschen Sozial- und Bildungssystem gesehen. 73 Prozent sind zudem ohne Hoffnungen auf eine nachhaltige Verbesserung der Situation auf den Finanzmärkten. Erwartet wird lediglich, dass sich die Situation in den kommenden Jahren allenfalls normalisiert.
Aber eines der zentralen Ergebnisse ist: Die deutsche Vertrauenskrise ist kein aktueller oder kurzfristiger Trend. – Befragt nach der Einschätzung der Lebensbedingungen in den 60er und 70er Jahren wurden vor allem wertschätzende Formen der Zusammenarbeit, "Wohlstand durch Wachstum" sowie Kompetenz und Glaubwürdigkeit der damaligen Entscheidungsträger hervorgehoben. Doch mit den durch eine schwarz-gelbe Regierung geprägten 1990er Jahren verbinden die Befragten zunehmend stärker die Förderung von Leistungseliten und eine vom Bürger entkoppelte Interessenvertretung. In dieser Zeit sei soziale Ungerechtigkeit zunehmend als eine Art "Kollateralschaden" der gegenwärtigen Verhältnisse und der Wachstumsstrategie hingenommen worden.
.. und vor allem endlich eine nachhaltige Politik.
Foto: Ralf Julke
Die Grundursache dafür – so die Bertelsmann-Mitteilung – liegt in den Begleiterscheinungen und Folgen der Globalisierung und lange vor dem Platzen der Internet-Blase oder der aktuellen Wirtschaftskrise. Mit der Zeit um die Jahrtausendwende verbinden die Befragten auch zunehmend das bewusste Abgeben falscher Versprechungen, den profitgierigen Raubbau an Mensch und Umwelt und die Förderung von ungezügeltem Egoismus.
Für die nächsten Jahre hoffen die Befragten auf die Rückbesinnung am ehesten auf eine garantierte Grundsicherung für alle Menschen und wertschätzende Formen der Zusammenarbeit. Hinter der Einschätzung dessen, was in Deutschland grundsätzlich möglich wäre, und erst recht hinter dem persönlichen Idealbild der Befragten bleiben diese Erwartungen aber weit zurück.
In der Detailanalyse zeigen sich vier Gruppen mit sehr unterschiedlichem Profil.
Danach haben 31 Prozent ein entgegen dem gesellschaftlichen Gesamttrend relativ hohes Vertrauen und hoffen auf eine Verbesserung des bestehenden Systems.
Eine zweite Gruppe von etwa 24 Prozent erklärt sich zwar mit dem bestehenden System grundsätzlich einverstanden, fordert aber einen tiefgreifenden Zielwechsel und eine Neudefinition in zahlreichen Bereichen.
Eine dritte Gruppe von ungefähr 20 Prozent der Befragten verlangt als Konsequenz einen "Systemwechsel" in Bezug auf Marktwirtschaft und Demokratie mit mehr Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger.
Immerhin 25 Prozent der Befragten erklären, dass sie ihr Vertrauen in "das System" grundsätzlich verloren haben. Sie glauben nicht, dass es überhaupt eine Lösung für ihr Vertrauensproblem gibt.
Und dann wird's konkret. Denn wer in dieser Gesellschaft Vertrauen verspielt hat, das wissen die Befragten sehr genau zu benennen:
Das Vertrauen in Produkte und Institutionen der Finanzwelt (Aktien, Investmentfonds, Kredite, Banken) wird extrem niedrig bewertet. Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken wird zwar im Vergleich deutlich stärker vertraut, doch Banken insgesamt werden stark mit Profitgier und Entkoppelung von den Interessen der Menschen assoziiert.
Keine der Unternehmensformen "Familienunternehmen", "mittelständische Unternehmen" und "multinationale Konzerne" wird mit langfristiger Zukunftssicherung verbunden. Dennoch schneiden Familienunternehmen durchweg positiv ab. Ihnen werden Ehrlichkeit, Seriosität und Glaubwürdigkeit beigemessen. Für die mittelständischen Unternehmen zeigt sich ein ähnliches Bild, nur in etwas schwächerer Ausprägung.
Ganz anders multinationale Konzerne: Diese werden als lobbyistisch, gierig und wirklichkeitsfern wahrgenommen.
Schlecht weg kommen in der Einschätzung der Deutschen vor allem die gegenwärtigen Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik. Die Verantwortlichen in der Wirtschaft werden überwiegend mit Lobbyismus, Gier und Abkoppelung von der Wirklichkeit in Verbindung gebracht.
Den politischen Entscheidungsträgern wird vorgeworfen, bürokratische Hürden nicht abzubauen und an Althergebrachtem festzuhalten. Weitere Kritikpunkte an Politikern sind Machtgier und leere Versprechungen.
Auch die Maßnahmen zur Überwindung der Krise ließ danach die Deutschen in den vergangenen Monaten nur wenig neues Vertrauen schöpfen.
Ausschließlich positiv bewertet wurden lediglich die Maßnahmen zur Erhöhung des Kinder- bzw. Elterngeldes, die Förderung regenerativer Energien und Investitionen in Bildung.
Gespalten waren die Befragten in ihrer Einschätzung von festgeschriebenen Mindestlöhnen, Staatsgarantien für Spareinlagen, Steuersenkungsprogrammen oder Privatisierungen.
Überwiegend negativ bewertet werden die Rettung einzelner Unternehmen, die Abwrackprämie, Verstaatlichungen oder Bankenrettungspakete.
Man kann es auch so formulieren: Den Versprechungen der Politiker, die hier im Interesse einiger desolat wirtschaftender Unternehmen agierten, wird nicht mehr geglaubt. Die Sache ist zu durchsichtig - und zu deutlich ablesbar, dass all diese Geldverbrennungen am Ende gar nichts bringen.
Die Befragten setzen ihre Hoffnung in der Krise viel eher auf eine neue Nachhaltigkeit, die Förderung von Bildung und den Erhalt des sozialen Sicherungssystems.
In der Auswertung der Ergebnisse kommt die Bertelsmann Stiftung zu sechs zentralen Einflussfaktoren für die positive Vertrauensbildung und zur Erhöhung von Zukunftsoptimismus in Deutschland. Dies sind:
- Investitionen in ein zeitgemäßes Bildungswesen
- Verbesserung der Situation von Eltern und Familien
- Förderung von Mittelstand und Familienunternehmen
- Entwicklung und Ausbau alternativer Energietechniken
- Stärkung der gesellschaftlichen Wirkung von Bürgerinitiativen und ehrenamtlichen Engagements und nicht zuletzt - die Intensivierung von Partizipationsprozessen in der Politik
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Was die Studie zeigt, ist auch, dass sich der große Wunsch nach politischer Partizipation sehr wahrscheinlich in neuen sozialen Bewegungen manifestieren wird.
Prof. Dr. Peter Kruse, Leiter der Studie bei Nextpractice: "Unter der Oberfläche von Resignation und Frustration entwickelt sich auf der Werteebene ein enormes Bereitschaftspotenzial für Partizipation.
Unabhängig von den etablierten Parteien, den Massenmedien und professionellen Plattformen bahne sich dieser Wille zur Beteiligung bereits machtvoll seinen Weg." Kruse schätzt dieses Potenzial auf 20 bis 30 Prozent - und damit ähnlich groß und mächtig wie die Basis der Ökologiebewegung in ihren Anfängen.
Als Konsequenz aus der Studie fordert Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung: "Wenn das Vertrauen wieder hergestellt werden soll, muss auf all diesen Ebenen angesetzt werden. Es geht um die überfällige Inkraftsetzung wirksamer Kontrollinstrumente auf den Finanzmärkten, um die transparente Verankerung längerfristiger Unternehmensziele, um die Schaffung eines globalen Regelwerkes für globale Märkte. Es müssen wirksame Anreize zu nachhaltigem Wirtschaften geschaffen werden, und nicht zuletzt geht es um eine Neubestimmung der Sozialen Marktwirtschaft in einer globalisierten Welt mit endlichen Wachstum."
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