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Kassensturz: Wie entsteht eigentlich Armut?

Ralf Julke
Zu einer recht verblüffenden Feststellung gelangte der in der letzten Woche veröffentlichte "Lebenslagenreport" der Stadt Leipzig. Die "Einkommensdifferenzierung" sei in Leipzig "weniger groß als in den alten Bundesländern". Und trotzdem kamen die Autoren auf eine Armutsquote von 18,9 Prozent. Wie passt das zusammen?

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Oder sollte man besser fragen: Können die alten Bundesländer überhaupt der Maßstab sein, wo doch Jahr für Jahr die Statistik bestätigt: Die Erwerbstätigeneinkommen in Sachsen liegen stabil bei 81 Prozent des Bundesdurchschnitts, die Konsumausgaben liegen mit 83 Prozent etwas höher. Aber richtig Geld auf der Kante haben sie alle nicht – nicht die Arbeitenden, nicht die Kommunen, nicht die Unternehmen. Woher auch?

Dabei ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner in Leipzig nicht allzu viel geringer als das etwa in Wuppertal oder Duisburg. Klingt auf den ersten Blick ganz gut: 26.695 Euro in Leipzig, 28.464 in Wuppertal und 28.789 in Duisburg. Nur in den Haushalten kommt es – rein statistisch – nicht an. Während ein Haushalt in Wuppertal monatlich über 1.653 Euro verfügen kann, sind es in Leipzig nur 1.211 Euro.

Die Ursache steht meistens in anderen Tabellen. In diesem Fall: der Pendler-Tabelle. Während Wuppertal nur ein Pendlersaldo von 31,8 hat – was für deutsche Großstädte deutlich unterdurchschnittlich ist – kommt Leipzig auf 224,8. Das ist zwar nur halb so hoch wie in Deutschlands heimlicher Pendlerhauptstadt Frankfurt am Main, aber es bedeutet ganz einfach: Leipzig versorgt – ganz im Sinn einer funktionsfähigen Metropole – die umliegende Region mit hochwertigen Arbeitsplätzen. Am in Leipzig erwirtschafteten BIP haben Hunderte Kommunen im Umkreis ihren Anteil.

Oder – was die Kehrseite der Medaille ist – zahlreiche Leipziger mit guten Einkommen sind in den letzten Jahren ins "grüne" Umland gezogen. Es kommt alles auf Eines hinaus: Tatsächlich bietet die Stadt für ihre eigenen Bewohner zu wenige gut bezahlte Tätigkeiten an. Das wird schon deutlich, wenn man sich die jüngste Erhebung zur Einkommensverteilung anschaut: die Auswertung der Bürgerumfrage 2009.

Nicht Selbstständige und auch nicht qualifizierte Facharbeiter dominieren die Einkommenshierarchie, sondern leitende Angestellte, Beamte im höheren Dienst. Das wird nicht genauer verifiziert nach Leitungstätigkeiten in der privaten Wirtschaft und im Staatsdienst. Aber es deutet auf eine wichtige Erscheinung hin, die möglicherweise nicht nur für Leipzig zutrifft: Angestellte der diversen staatlichen und kommunalen Verwaltungen und Einrichtungen sind die Spitzenverdiener in der Stadt. Sie machen sehr wahrscheinlich den Hauptteil jener Gruppe aus, die in Leipzig mit Einkommen zwischen 1.854 und 3.176 Euro im Monat nach Hause gehen. 9 Prozent der Leipziger gehören zur Gruppe der Spitzenverdiener mit über 2.000 Euro.

Und dann müsste eigentlich ein starker Bereich belastbarer Einkommen zwischen 1.300 und 2.000 Euro folgen, jener Verdienstspanne, mit der Konsum und Vorsorge erst so richtig in Gang kommen. Aber da ist es in Leipzig dünn bestellt: Nur 22 Prozent der Leipziger haben solche Monatseinkommen. Und gerade hier erweisen sich die diversen Betriebe des verarbeitenden Gewerbes keineswegs als Quelle hoher Einkommen. Im Gegenteil: Die Gruppe der Vorarbeiter, Poliere und Facharbeiter taucht in der Leipziger Statistik mit einer Einkommensspanne zwischen 842 und 1.416 Euro aus. Der Median liegt – so haben es die Leipziger Statistiker ausgerechnet – bei 1.078 Euro. Was im Klartext heißt: Selbst die qualifizierten Arbeiter gehen in Leipzig mit Monatseinkommen nach Hause, die reichen gerade so zum Wirtschaften.


Tatsächlich trifft zu, was der "Lebenslagenreport" in der Feststellung notiert: "der Anteil der unteren Einkommen ist in Leipzig doppelt so hoch wie in den westlichen Ländern der Bundesrepublik“.

Die Statistiker setzen die Grenze bei 1.300 Euro an. Danach wursteln sich 39 Prozent der Leipziger mit 700 bis 1.300 Euro durch den Monat und 30 Prozent haben weniger als 700 Euro. Schüler und Studenten sind logischerweise in dieser Gruppe stark vertreten. Sie werden im "Lebenslagenreport" aber auch nicht als "relativ arm" gewertet. Aber dann zieht es sich durch alle Jahrgänge. 20 Prozent der 35- bis 49-Jährigen und sogar 31 Prozent der 50- bis 64-Jährigen müssen mit weniger als 700 Euro im Monat über die Runden kommen.

Von 2006 bis 2009 hat der Anteil derer, die mehr als 1.300 Euro im Monat verdienten, nur wenig zugenommen – von 30 auf 31 Prozent. Und das trotz diverser Tariferhöhungen und einer absoluten Zunahme der Erwerbstätigkeit. Die Ursache wurde in letzter Zeit mehrfach genannt: Die neuen Arbeitsplätze sind zum größten Teil im Niedriglohnsektor entstanden.

Was eigentlich eine Übertreibung ist. Denn der Verdienstbereich, in dem sie liegen, ist noch immer im Sozialhilfebereich. Jeder sechste Erwerbstätige (16 %) in Leipzig ist – nach Auswertung der Bürgerumfrage 2009 – in diesem seltsamen Niedriglohnbereich tätig. Das kann nicht funktionieren. Und da die Grenze von den Statistikern bei 700 Euro gezogen wird, kann man davon ausgehen, dass auch von den 38 Prozent, die dann bis zu 1.300 Euro bekommen, ein guter Teil auf Transfers angewiesen ist.

Diese Art Entlohnung ist für die gesamte Gesellschaft kontraproduktiv. In einigen Bereichen von Handel und Dienstleistung hat sie sogar zur Verdrängung gut bezahlter Vollzeitarbeitsplätze geführt. Womit zumindest sehr deutlich wird, dass eine Stadt wie Leipzig sehr stark unter den Deregulierungen des deutschen Arbeitsmarktes leidet. Die extrem hohe Armutsquote hängt direkt damit zusammen. Denn natürlich können Menschen, denen das Geld kaum zur Sicherung der notwendigsten Ausgaben reicht, nicht beitragen zu mehr Konsumtion und Investition, nicht einmal, wenn es die eigene Weiterentwicklung betrifft.


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