Babyglück in Sachsen: Großstädte geben auch bei Geburtenzahl das Tempo vor
Ralf Julke
09.08.2011
"Sachsen im Babyglück – Geburtenzahlen steigen insgesamt und gleichzeitig höchste Zahl an Mehrlingsgeburten seit 1989" schreibt das Landesamt für Statistik als überglückliche Montagsbotschaft. 34.696 Kinder wurden 2010 in Sachsen geboren, so viele wie seit - (blätter, blätter, blätter) - ja: wie seit 1990 nicht mehr.
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1990, das war dieses verrückte Wendejahr, in dem schon Hunderttausende ihre Trabis vollpackten, um ihr Losglück im Westen zu versuchen, in dem der rapide Leerzug der sächsischen Städte begann (auch der von Leipzig) und noch ein letztes Mal ein Geburtenniveau erreicht wurde, wie es der westliche Teil Deutschlands schon seit den 1970er Jahren nicht mehr kannte: 49.520 Geburten. Und schon das war eine Katastrophe und Teil eines permanenten Geburtenrückgangs, der in den damaligen drei Bezirken Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt schon in den 1980er Jahren sichtbar wurde. 1980 wurden auf dem heutigen Gebiet des Freistaats Sachsen noch 71.280 Babys geboren. Fünf Jahre später waren es noch 64.160, 1989 dann nur noch 55.628.
Aber alles noch Zahlen, von denen der Freistaat Sachen heute weit, weit entfernt ist.
Von den 1990 hier geborenen Kindern werden viele schon längst nicht mehr im Land sein. Denn da begann die große Umzugswelle gen West ja erst so richtig. Und es waren stets die jungen Leute, die zuerst gingen - dem Job hinterher, der Ausbildung, den Träumen. Das ging ja bis ungefähr 1998/2000 so, wenn man Leipzig bedenkt. Im gesamten Freistaat ist diese Abwanderung noch nicht zum Stillstand gekommen, hat sich aber abgeschwächt.
Was auch bedeutet: Es bleiben von den jungen Leuten nun doch endlich die meisten da. Zwar nicht in den Dörfern und Städtchen - sie ziehen ja trotzdem noch um. Aber ihr Ziel heißt mittlerweile zumeist Dresden, Leipzig, spurenweise auch Chemnitz und Zwickau.
Was auch bedeutet: Wenn die Geburtenzahlen in Sachsen wieder steigen, dann passiert das zum wesentlichen Teil in den Großstädten. Von den 1.010 Kindern, die 2010 mehr geboren wurden als 2009, lassen sich allein 740 den drei Großstädten zuordnen. Dresden steigerte seine Geburtenzahl in diesem Jahr von 5.609 auf 5.819, Leipzig machte einen richtigen Sprung von 5.018 auf 5.414 und selbst in Chemnitz ging es bergauf von 1.917 auf 2.051 Geburten.
In den meisten Landkreisen blieben die Geburtenzahlen relativ stabil, da und dort mit leichter Zunahme, was zumindest auch vermuten lässt, dass sich auch dort Frauen den lang aufgeschobenen Kinderwunsch doch noch erfüllen. Vielleicht in einem kleinen Vertrauen darauf, dass der Konjunkturaufschwung nun doch mal ein Weilchen hält.
Das statistische Landesamt dazu: "Das Durchschnittsalter der Frauen bei der Geburt von Mehrlingen betrug 30,9 Jahre, bei der Geburt nur eines Kindes waren die Mütter im Durchschnitt 29,6 Jahre alt. Im Vergleich zu 2009 ist das Durchschnittsalter somit sowohl bei der Geburt eines Kindes als auch bei Mehrlingsgeburten um 0,2 Jahre gestiegen."
Eine deutliche Ausnahme unter den Landkreisen war übrigens der Kreis Zwickau, wo die alte Autobauerstadt Zwickau ebenfalls so eine Art kleinen Nukleus bildet: Hier stieg die Geburtenzahl von 2.470 auf 2.652. Womit dann die Zahl der Mehrgeburten 2010 schon fast erreicht ist. Und womit auch hier sehr deutlich wird, wie sich die demografische Entwicklung auf eine Stabilisierung der Metropolkerne hin entwickelt.
Das kann zwar - wie im Landkreis Leipzig - dazu führen, dass auch in solchen Regionen die Geburtenzahl steigt. Hier ging es von 1.972 auf 2.011. Aber gerade hier lebt der Landkreis unübersehbar vom Suburbanisierungseffekt der Großstadt Leipzig: Im Vorort Markkleeberg platzen Kindertagesstätten und Gymnasium aus allen Nähten.
Völlig anders das Bild in Nordsachsen: Hier sank die Geburtenzahl von 1.528 auf 1.492.
Das Trauma der auf 22.559 Geburten (1994) eingebrochenen Geburtenzahlen ist endgültig vorbei. War eigentlich sogar seit 1999 vorbei, nur dass sich die notwendigen Folgen einfach jahrelang nicht in den Köpfen der verantwortlichen Politiker verankern wollten, die mit ihrer "Demographie"-Karawane durchs Land reisten. Seit 1999 haben sich die sächsischen Geburtenzahlen über der Marke von 31.000 stabilisiert, kamen 2008 schon einmal kurz über die 34.000 und sind jetzt wieder da. Was eigentlich spätestens ab 2000 eine Überprüfung der Schließungspläne für Kindertagesstätten und Schulen hätte bedeuten müssen.
Aber das erfolgte selbst in Leipzig erst fünf Jahre später mit Konsequenz - als nämlich die geburtenstärkeren Jahrgänge in den restlichen Kitas für Platznot sorgten und schon an die Grundschultür klopften. Seit 2006 hat Leipzig deshalb fieberhaft am Ausbau des Kita-Netzers gearbeitet - die Zahl der Kitas stieg von 192 auf 222. Und das reicht noch lange nicht. Und seit 2010 müssen auch systematisch wieder neue Grundschulen eröffnet werden, Gymnasien folgen.
Während die schwarz-gelbe Staatsregierung selbst bei den aktuellen Geburtenzahlen nicht daran denkt, auf weitere Schulschließungen zu verzichten. Was logischerweise in den Landkreisen für weitere Infrastrukturverluste sorgen wird - und damit den Boden für weitere Abwanderung bereitet.
Im Gefolge der höheren Geburtenzahlen gab es logischerweise auch mehr Mehrlingsgeburten. Ein Thema, bei dem das statistische Landesamt diesmal geradezu ins Schwärmen kam:
"539 Frauen haben im Jahr 2010 Mehrlinge (533 Zwillings- und 6 Drillingsgeburten) in Sachsen geboren. Das waren 31 Zwillingsgeburten (6,2 Prozent) mehr und drei Drillingsgeburten weniger als 2009 und damit die meisten Mehrlingsgeburten seit 1989 (539). (...) Die Zahl der Mehrlingsgeburten je 1.000 Geburten (15,5) ist im Vergleich zum Vorjahr (15,2) etwa gleich geblieben. Innerhalb der letzten 30 Jahre ist dies die höchste Quote - mit nur einer Ausnahme im Jahr 2004 (15,7).
Von den im vergangenen Jahr geborenen 533 Zwillingspaaren waren 349 gleichen Geschlechts, davon 168-mal Jungen und 181-mal Mädchen.
Bei 184 Zwillingspaaren gab es einen Jungen und ein Mädchen. Unter den 6 Drillingsgeburten waren 3 bei denen die Kinder gleichgeschlechtlich waren und 3 mit Kindern unterschiedlichen Geschlechts. (...) Die meisten Mehrlingsgeburten je 1.000 Geburten wurden 2010 mit 18,0 Geburten im Direktionsbezirk Leipzig registriert. In den Direktionsbezirken Chemnitz und Dresden kamen 14,2 bzw. 15,1 Mehrlingsgeburten auf 1.000 Geburten. Dabei wurden im Direktionsbezirk Dresden vier Drillings- und 212 Zwillingsgeburten gezählt. Der Direktionsbezirk Chemnitz hat eine Drillings- und 164 Zwillingsgeburten gemeldet. Im Direktionsbezirk Leipzig gab es 2009 157 Zwillingsgeburten und eine Drillingsgeburt."
Insgesamt bedeuten die 34.696 Geburten in Sachsen eine Steigerung um 3,0 Prozent gegenüber 2009. 2009 hatte es mit 33.686 Geburten einen deutlichen Dämpfer gegenüber 2008 (34.094) gegeben, möglicherweise genau aus dem Grund resultierend, der in vielen Familien die letzte Entscheidung über einen erfüllten Kinderwunsch bedingt: Werden wir's uns leisten können oder nicht?
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