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Armutsgefährdung in Sachsen: Der Freistaat wird zum deutschen Schlusslicht in Sachen Wohlstand

Ralf Julke
Am Donnerstag, dem 22. September, veröffentlichte das Statistische Landesamt des Freistaates Sachsen die Zahlen zur Armutsgefährdung in Sachsen, Stand 2010. Viel hat sich natürlich nicht getan. Egal, wie man's betrachtet, ob man den bundesdeutschen Wert nimmt oder sich das Ganze mit einem sächsischen Vergleich schön rechnet.

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Insofern haben die Statistiker in Kamenz natürlich recht, wenn sie den bundesweiten Vergleich bevorzugen: Danach musste 2010 fast jeder fünfte Sachse (19 Prozent) mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland auskommen und galt daher als armutsgefährdet. Die Armutsgefährdungsquote in Sachsen entsprach damit dem Durchschnittswert aller neuen Bundesländer (einschließlich Berlin). In den alten Bundesländern waren rund 13 Prozent armutsgefährdet, bundesweit lag die Quote bei knapp 15 Prozent.

Die Armutsgefährdung ist damit gegenüber 2005 weitgehend unverändert, lediglich für die neuen Bundesländer sank sie um einen Prozentpunkt (2005: 20 Prozent).

Die Armutsgefährdung kann auch innerhalb unterschiedlicher regionaler Ebenen betrachtet werden. Was natürlich den Effekt hat, dass bei einem insgesamt niedrigeren Durchschnittseinkommen auch die "Armutsgefährdung" scheinbar sinkt. Zumindest berechnet auf dieses Einkommensniveau.

So lag die 60-Prozent-Einkommensschwelle für Einpersonenhaushalte bundesweit 2010 bei 826 Euro, in Sachsen aber nur bei 726 Euro. Für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 18 Jahren lag sie bei 1.735 bzw. 1.524 Euro. Das sind Werte, die nur teilweise durch die im Osten noch etwas niedrigeren Mieten ausgeglichen werden.

Berücksichtigt man nur die Einkommensverteilung innerhalb des Freistaates, dann verfügten im vergangenen Jahr rund 13 Prozent über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Sachsen. Auch dieser Wert weist seit 2005 (14 Prozent) nur geringe Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren auf.

Doch so positiv wie die sächsischen Statistiker will's Dr. Dietmar Pellmann, sozialpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Landtag, nicht sehen. "Die neuen Daten widerlegen zudem erneut die Mär der Staatsregierung, dass Sachsen hinsichtlich des Lebensstandards wenigstens im Vergleich der neuen Bundesländer Spitzenreiter sei. Der Freistaat liegt – so vor allem die Bundesstatistiker – hinsichtlich der Armutsgefährdungsquote inzwischen sogar über dem Durchschnitt der neuen Bundesländer", stellt er fest. "Mehr noch, während die Durchschnittsquote Ostdeutschlands seit 2005 um 1,4 Prozentpunkte auf 19,0 gesunken ist, stieg sie im gleichen Zeitraum in Sachsen von 19,2 auf 19,4 Prozent. Vor allem Brandenburg (16,3 Prozent) und Thüringen (17,6 Prozent) haben eine wesentlich niedrigere Armutsgefährdungsquote als Sachsen. Selbst Sachsen-Anhalt hat beträchtlich aufgeholt und liegt mit 19,8 Prozent inzwischen fast auf sächsischem Niveau."


Für den Vergleich der Lebensverhältnisse und insbesondere der Armutslagen sei der Ausweis einer internen sächsischen Armutsgefährdungsquote, die sich lediglich an den Einkommensverhältnissen in Sachsen orientiert und von den Kamenzer Statistikern angeboten wird, wenig hilfreich, weil sie das ganze Ausmaß prekärer Lebenslagen in Sachsen eher beschönigt.

Pellmann: "Die Staatsregierung sollte angesichts dieser Daten aufwachen, die bisherige Schönfärberei der sächsischen Verhältnisse einstellen und endlich das von meiner Fraktion mehrfach geforderte Konzept zur Überwindung von Armut vorlegen, anstatt Hilfe suchend auf Signale der Bundesregierung zu warten. Der Verzicht auf Landesbeschäftigungsprogramme und die massiven Kürzungen von Sozialausgaben sind freilich das völlig falsche Signal."

Könnte man so stehen lassen. Würde im Vergleich mit der vom Bundesamt für Statistik vorgelegten Zahlen nicht auch noch deutlich werden, dass in der sächsischen Mitteilung der Hinweis auf bestimmte Armutsgefährdungsgruppen sogar fehlt.

So ist das Armutsrisiko für junge Leute bis 25 Jahren mit niedrigem Qualifikationsniveau in den letzten fünf Jahren bundesweit kräftig angestiegen - von 23,1 auf 27,0 Prozent. Und das Erschreckende: In Sachsen ist dieser Wert noch viel stärker angestiegen - von 24,5 auf 32,6 Prozent. Aber auch mit einem mittleren Bildungsniveau ist das Risiko deutlich höher als im Bundesvergleich. Sind bundesweit 11,5 Prozent der Betroffenen armutsgefährdet, sind es in Sachsen 19,5 Prozent.

Das korrespondiert mit dem extrem hohen Armutsrisiko auch für ältere Personen mit niedrigem Qualifikationsniveau. Bundesweit beträgt es zwar auch 35,6 Prozent (3,6 Prozentpunkte mehr als 2005), in Sachsen sind es aber 46,6 Prozent - sogar 8,5 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Und das hat nicht nur mit der weiterhin hohen Arbeitslosenzahl zu tun. Denn auch das gerade in dieser Zeit stark ausgebaute Feld der Niedriglohn-Jobs spielt hier eine Rolle.

Bundesweit sind "nur" 7,5 Prozent de Erwerbstätigen von Armut bedroht, in Sachsen sind es 12,2 Prozent. Und ein Blick auf die Statistik der abhängig Erwerbstätigen zeigt: Hier stieg der Wert seit 2005 von 11,3 auf 12,1 Prozent.

Besonders nachhaltig steigt die Armutsgefährdungsquote mittlerweile bei den über 50-Jährigen und bei den Rentnern an. Noch geht es Rentnern in Sachsen mit einer Armutsgefährdungsquote von 9,9 Prozent vergleichsweise gut. Doch 2005 lag diese sogar nur bei 7,2 Prozent, fast 4 Prozent unterm Bundesdurchschnitt. Dieser liegt mittlerweile bei 12,3 Prozent. Und steigt parallel mit der Armutsgefährdung bei älteren Arbeitnehmern zwischen 50 und 65 Jahren.

Am höchsten ist die Armutsgefährdungsquote in Sachsen übrigens weiter bei den jungen Leuten zwischen 18 und 25 Jahren, die eigentlich Kandidaten für Familiengründung und Kinderkriegen sind: 32,4 Prozent, 2,2 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Im Bund liegt dieser Wert fast 10 Prozentpunkte niedriger - bei 22,7 Jahren.

Weitergehende Veröffentlichungen: www.amtliche-sozialberichterstattung.de


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