Statistisches Jahrbuch 2011: 250 Seiten Zahlen über das Leipzig von 2010
Ralf Julke
28.10.2011
Eine Stadt in Zahlen im neuen Statistischen Jahrbuch.
Foto: Ralf Julke
"Es ist unser Standardwerk", sagt Ruth Schmidt, Leiterin des Amtes für Statistik und Wahlen. Am Donnerstag, 27. Oktober, stellte sie es wieder vor: das Statistische Jahrbuch 2011 für die Stadt Leipzig. Eigentlich das für 2010: Hier sind noch einmal alle Zahlen versammelt, die das vergangene Jahr beschreiben.
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250 Seiten, die Ruth Schmidt auch als "eine Art Gedächtnis der Stadt Leipzig" beschreibt. Denn auch wenn das dicke Buch nun wieder ins Regal wandert, wo schon seine Vorgänger stehen - es wird zu einer Art Jahresring. Wer künftig hineingreift ins Regal, kann noch einmal das komplette Lebensjahr der Großstadt aufblättern, ihre gefühlte und gemessene Temperatur. Was die Stadtverwalter in der Gegenwart interessiert, interessiert die Forscher in der Vergangenheit. Und fast 100 Jahre ist es her, dass 1913 das erste Statistische Jahrbuch Leipzigs erschien. Damals hatte die Stadt gerade zum ersten Mal die Einwohnerzahl von 600.000 überschritten.
Etwas, was sie in den nächsten Jahren noch zwei Mal tun sollte. Auch das erzählen solche Bücher - wie Städte wachsen und wie Städte gebeutelt werden. Der 1. Weltkrieg kostete Leipzig rund 80.000 Einwohner, im Kriegsjahr 1917 war sie auf 542.000 Einwohner "geschrumpft". Einige davon kamen ab 1918 wieder - in der Regel zerschossen und fürs Leben demoliert.
Dasselbe geschah im 2. Weltkrieg, als die 700.000-Einwohner-Stadt auf 584.593 Einwohner schrumpfte. Und die, die dann danach kamen, waren oft Vertriebene aus Schlesien, Ostpreußen usw. Was Leipzig ein drittes Mal über 600.000 Einwohner brachte - bevor der Aderlass einsetzte, der 1989 nicht endete. Die so genannte "Wende" verstärkte nur einen schon 40 Jahre anhaltenden Bevölkerungsverlust, der seinen Tiefpunkt 1998 erreichte, als die Einwohnerzahl des eh schon durch Eingemeindungen vergrößerten Leipzig (Hartmannsdorf 1993, Lausen, Plaußig 1995, Seehausen, Gottscheina, Hohenheida 1997) auf 437.101 gefallen war.
Eine Zahl, die so schön genau klingt. Aber eigentlich braucht auch das Statistische Jahrbuch einen kleinen Warnaufkleber: "Vorsicht! Genauigkeit kann täuschen!" - Statistiker wissen das. Peter Dütthorn, Leiter der Abteilung Statistik des Amtes für Statistik und Wahlen, erklärte es den neugierigen Journalisten am Donnerstag, 27. Oktober, etwas genauer am Beispiel der Einwohnerzahl.
Die L-IZ durfte jüngst verkünden, dass die offizielle Zahl, die das Sächsische Landesamt für Statistik herausgab, im Juni 2011 über 525.000 lag. Es ist eine Zahl, die auf akribischen Weiterrechnen der Zahl basiert, die 1990 dem Einwohnerregister der Stadt entnommen wurde. "20 Jahre sind eine lange Zeit", sagt Dütthorn. Da schleichen sich Fehler ein. "Die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Personen in der Zahl stecken als tatsächlich jetzt in Leipzig leben, ist hoch", sagt der vorsichtige Statistiker.
Wie hoch die Differenz zur Wirklichkeit ist, kann er auch nicht sagen. Das wird wohl erst die Auswertung des "Zensus 2011" zeigen, an dem sich im Mai auch 4 Prozent der Leipziger beteiligten. Die da ermittelten Zahlen werden hochgerechnet. Dann gibt es eine neue offizielle Einwohnerzahl, von der aus dann mit Stichtag 9. Mai 2011 die neuen Zeitreihen begonnen werden.
Wo man eine realistischere Zahl für die aktuelle Leipziger Einwohnerschaft finden könnte, verrät Dütthorn auch noch: Seit 2010 gibt es im Jahrbuch einen Anhang mit Strukturdaten der Stadt auf Ortsteilebene. Hier ist nicht die Statistik des Landes die Grundlage, sondern das Leipziger Einwohnerregister. "Das könnte der tatsächlichen Einwohnerzahl schon näher kommen", sagt Dütthorn.
Das Statistische Jahrbuch 2011 zeigt Leipzig in den Zahlen von 2010.
Foto: Ralf Julke
Danach schaffte es Leipzig nicht schon 2005 wieder über 500.000 Einwohner, sondern erst drei Jahre später. 2008, als die Statistik des Landesamtes schon 515.469 Leipziger zählte, waren es im Einwohnermelderegister der Stadt erst 502.401. Im Jahr 2010, als man in Kamenz schon die 522.883 registrierte, waren es im amtlichen Register der Stadt erst 508.775. Was das für die Zahl bedeuten könnte, die dann im November 2012 aufgrund der Zensus-Auswertung vom Mai 2011 vorgelegt wird, deutet Dütthorn nur an: "Ich bin mir aber recht sicher, dass eine 5 vorn stehen wird."
Wichtig sei die Zahl zwar, weil viele Gelder in der Bundesrepublik nach der Einwohnerzahl aufgeschlüsselt werden. "Aber weil alle zu viel zählen, wird das bei der Verteilung keine große Rolle spielen", so Dütthorn. Er verweist auf die Ankündigungen des Bundesamtes für Statistik, das im Ergebnis des Zensus eine Verminderung der Einwohnerzahl der Bundesrepublik zwischen 1 und 1,5 Millionen prognostiziert.
Am generellen Trend wird es sowieso nichts ändern: Attraktive Großstädte wie Leipzig profitieren seit Jahren von der Zuwanderung junger Leute. Das ging auch 2010 so weiter. Mit 27.893 Zuzügen erlebte Leipzig sogar einen Rekord in seiner jüngeren Zuwanderungsgeschichte. Da gleichzeitig nur 23.534 wieder wegzogen, gab's wieder ein saftiges Zuwanderungsplus. Und weil auch die Geburtenzahl auf ein neues Hoch mit 5.414 stieg, blieb ein hübsches Wachstumsplus übrig. Noch lag die Sterbezahl mit 5.788 höher. Noch hat Leipzig die Dresdener Verhältnisse nicht erreicht, wo die Geburtenzahl seit ein paar Jahren die Gestorbenenzahl übersteigt.
Ist auch so teuer genug. Denn wo es mehr Kinder gibt, muss die Stadt richtig viel Geld in neue Kindertagesstätten und Schulen investieren. Auch deren Zahl samt der der Kinder und Lehrer steht logischerweise wieder im Buch. Bis hin zu der erschreckenden Zahl von 14 Prozent der Schüler, die 2010 in Leipzig die Schule ohne Abschluss verließen. Was logischerweise neue Schulungsmaßnahmen und entsprechende Finanzierungen erzwingt.
Die ziemlich sturen Sparmaßnahmen des Freistaates in Sachen Bildung sind tatsächlich richtig teuer. Sie schlagen nur eben in anderen Etats zu Buche - dem Sozial- und dem Jugendetat der Stadt Leipzig zum Beispiel. Und obwohl 2010 die Zahl der Beschäftigten in der Leipziger Wirtschaft stieg und die Zahl der in Bedarfsgemeinschaften betreuten Menschen sank (von 80.500 auf 77.600), erreichten die Sozialausgaben in Leipzig 2010 einen neuen Rekordstand von 566 Millionen Euro. Im Jahr davor waren es noch 541 Millionen gewesen.
Passend zum Erscheinen des Jahrbuchs: Vermessungsarbeiten am Neuen Rathaus.
Foto: Ralf Julke
So ein dickes Buch könnte verantwortlichen Politikern eigentlich helfen zu begreifen, dass die meisten Sparmaßnahmen gar keine sind, die sie dem Volke verkaufen - sie verschieben nur die Posten in die nächst schwächere Etage. Nur: Kommunen wie Leipzig können nichts weiter verschieben. Sie bleiben auf der Finanzlast sitzen. Und können es auch kaum durch eigene Steuern ausgleichen. Selbst die Gewerbesteuereinnahmen brachen ja mit Krisenausbruch 2008 ein - gerade die vom Export abhängigen Industriebetriebe verzeichneten einen Umsatzeinbruch, der sich in den Steuereinnahmen selbst 2011 noch bemerkbar macht.
Alles ist mit allem verknüpft. Nur bedeutet die positive Entwicklung der einen Zahl noch nicht, dass sich das auch positiv in anderen Bereichen niederschlägt - die Zahl der Straftaten stieg wieder über die 60.000er Marke, auf 60.543. Was ja den sächsischen Polizeipräsidenten zu einer Schimpfkanonade gegen die Leipziger Drogenpolitik animierte, auch wenn der Anstieg der Diebstahlszahlen, der hier eine besondere Rolle spielt, wohl eher mit dem erhöhten Verfolgungsdruck der Polizei in Verbindung steht. Wenn man die Ware verknappt, wird sie teurer.
Sächsische Politiker reden zwar gern von der Marktwirtschaft - wenn es aber um das reelle Funktionieren von Märkten geht (und der Drogenmarkt ist auch einer), dann versagt ihre Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken.
Auch ein anderes Produkt hat sich in den letzten Jahren stark verknappt: der zur Verfügung stehende Parkraum. Was logisch ist. Allein 2010 vermehrten sich die privaten Pkw in Leipzig um fast 4.000.
Womit sich der Trend der letzten Jahre bestätigt: Es werden wieder mehr Wege mit dem Pkw zurückgelegt. Die Zahlen stammen hier aus der jährlichen Bürgerumfrage. Ein möglicher Lösungsansatz liegt natürlich in der Verbesserung des ÖPNV. Der Aufsichtsrat der LVB hat gerade ein Strategiepapier verabschiedet, um den ÖPNV wieder zum Gewinner zu machen.
Dessen Nutzerzahlen sind ja auch gestiegen - von 126 auf 134 Millionen Fahrgäste. Aber wie weiter? - Eine Frage, die sich augenscheinlich am Flughafen Leipzig/Halle kaum noch jemand stellt. Was dort geschieht, wird in Dresden entschieden. Und da hat man sich entschieden, Leipzig zum Frachtflughafen zu machen. Die Zahl der Fluggäste ist seit 2008 im Sinkflug begriffen, lag mit 2,35 Millionen fast wieder auf dem Niveau von 2006, als mit großem Pomp (und falschen Verheißungen) die Startbahn Süd in Betrieb genommen wurde. Eine halbe Million Fluggäste sind übrigens reine Transitgäste - man reist nur durch Richtung Irak oder Afghanistan.
Dafür ist der Flughafen mit 663.000 Tonnen Frachtumschlag jetzt die Nummer 2 in Deutschland. Was eigentlich eine Zahl fürs Guinness-Buch ist, wenn sich das nicht in steigenden Steuereinnahmen niederschlägt.
Man kann auch noch einmal frösteln über den Wetterdaten von 2010, das mit 8,5 Grad Jahresmittel das kälteste Jahr seit langem war. Den knackigen Winter mit seinen Folgen fürs Leipziger Verkehrsgeschehen hat man ja noch gut in Erinnerung. Schön zu wissen, dass es auch einen heißen Juni-Tag mit 36,1 Grad Celsius gab. Lang ist das her.
Wer will, kann sich das alles erblättern.
Das Statistische Jahrbuch ist im Internet unter http://statistik.leipzig.de unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Dort ist auch eine laufend aktualisierte Version des Statistischen Jahrbuchs verfügbar.
Die gedruckte Publikation ist für 25 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich. Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig. Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228.
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