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Schuldenatlas 2011: Ein durchaus kritischer Blick auf die Leipziger Ortsteile

Ralf Julke
Schuldnerquoten in Leipzig.
Schuldnerquoten in Leipzig.
Karte: Creditreform
Die Arbeitsagentur warnt, die Kirche, die Linkspartei: Am 1. Januar fällt der Pfändungsschutz für Sozialleistungen, dann können Gläubiger zugreifen aufs Lebensnotwendigste. Nur das Pfändungsschutzkonto bietet dann noch Schutz. Dass die Warnungen derzeit so massiv kommen, hat einen simplen Grund: Überschuldung hat in Deutschland eine Menge mit Armut zu tun.

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Mancher Medienbericht geht recht flapsig mit dem Thema um, wenn wieder einmal neue Zahlen zur Überschuldung in Deutschland präsentiert werden. Da wird von Leuten erzählt, die geradezu im Konsumrausch sind, die sich mit Häusern, Autos, einem teuren Lebensstil überschuldet haben.

Doch wie eng die Überschuldung in Deutschland mit der sozialen Lage und den Einkommen der Betroffenen gekoppelt ist, haben auch die jüngsten Zahlen von Creditreform gezeigt, über die die L-IZ am 6. November berichtete. Jetzt hat Creditreform detaillierte Daten zu Leipzig nachgeliefert, aufgeschlüsselt auf Ortsteilebene. Und Mancher wird verblüfft sein: Auch hier ist es sichtbar. Die größten Schuldenprobleme gibt es in jenen Stadtteilen, in denen die Bewohner am stärksten mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben und wo logischerweise die "Hartz IV"-Quote am höchsten ist.

Während Leipzig mit einer Schuldnerquote von 11,62 Prozent zwar deutlich über dem sächsischen Durchschnitt von 8,26 Prozent liegt und auch über dem deutschen Durchschnitt von 9,38 Prozent, liegt es unter den deutschen Großstädten bei Weitem nicht in der Spitzengruppe. Was auch damit zu tun hat, dass einige soziale Schärfen noch abgemildert sind - etwa durch ein preisgünstiges Mietniveau und genug verfügbaren bezahlbaren Wohnraum.

Doch im Detail zeigt sich auch in der schönen Pleißestadt, dass die seit Jahren praktisch stagnierenden Sozialleistungen und die sächsische Niedriglohnpolitik keineswegs dazu angetan sind, Menschen vor der Überschuldung zu bewahren. Eigentlich ein logischer Effekt: Wo das Geld nicht in Menschen investiert wird und auch das Kaufkraftniveau seit Jahren stagniert, reichen ein, zwei dramatische Veränderungen im Leben der Familie, und sie steckt drin in der Schuldenfalle.

Dazu genügt ein schwerer Krankheitsfall, der Verlust des Arbeitsplatzes, eine Scheidung ... und schon tauchen auch auf der Leipzig-Karte Ortsteile in dunklem Rot auf. Dort ist es nicht mehr nur jeder zehnte Leipziger, der unter der Schuldenlast stöhnt, dort ist es teilweise sogar jeder Fünfte.

Schuldnerquoten in Leipzig auf Ortsteilebene - von über 14 % (rot) bis 6 % (hellgrün).
Schuldnerquoten in Leipzig auf Ortsteilebene - von über 14 % (rot) bis 6 % (hellgrün).
Karte: Creditreform
Dass es hier einige Ortsteile aus den Fördergebieten der Stadt sind, ist nicht überraschend. 21,96 Prozent beträgt die Quote in Neustadt-Neuschönefeld und Volksmarsdorf. Sie ist im letzten Jahr sogar wieder kräftig angestiegen - obwohl die Arbeitslosenquote sank. Auch hier sank. Doch wenn der neue Job nicht mehr Geld in die Familienkasse bringt als das magere Hartz-IV-Salär, dann ist für einen Jubel über die Arbeitsmarktentwicklung nicht wirklich die Zeit.

In Lindenau sieht es mit einer Schuldnerquote von 20,73 Prozent auch nicht rosiger aus. Auch hier ist die Quote - trotz Wirtschaftsaufschwung - gestiegen. Das sind die Schuldenbrennpunkte in Leipzig.

Deutlich über dem Durchschnitt liegen auch Stadtquartiere wie Leutzsch, Neulindenau und Plagwitz, Reudnitz, Eutritzsch, Schönefeld - hier liegen die Quoten zwischen 12 und 15 Prozent. Was auch noch problematisch ist. Es zeigt auch, dass selbst einige stabilere Stadtteile nicht wirklich so stabil sind, dass ihre Bewohner finanzielle Dellen und Krisen ohne Folgen überstehen können.

Labil nennt man so eine Situation. Und gäbe es in Deutschland noch richtige bürgerliche Politiker wie Erhardt oder Roosevelt, sie würden sich sehr wohl einen Kopf darüber machen, wie breite bürgerliche Schichten wieder zu einer stabilen finanziellen Basis kommen. Es wird ja eine Menge geredet über das Abschmelzen der Mittelschicht. An solchen Karten wird sichtbar, wie schnell diese Prozesse zum gesamtgesellschaftlichen Problem werden können.

Bislang haben viele Leipziger in durchaus prekären Verhältnissen das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben schlicht dadurch gehalten, dass sie immer wieder auf wichtige Neuanschaffungen, Urlaubsreisen und Vergnügungen verzichtet haben. Darunter leidet - und das wird in all dem Gemähre um Sparmaßnahmen auch gern unterschlagen - auch die Leipziger Kultur. Denn das Geld für Theater-, Musik- und Kinotickets gehört zu den ersten Dingen, die sich mancher verkneift, wenn im Supermarkt Brot und Gemüse teurer werden.


Es gibt auch die grün gemalten Stadtteile in Leipzig. Es sind - nicht überraschend - die jungen, attraktiveren Gründerzeitviertel. Aber nicht nur sie. Auch etliche der gutbürgerlichen Ortsteile am Stadtrand weisen mit 6 bis 9 Prozent unterdurchschnittliche Schuldnerquoten aus. Mit einer Quote von 6,43 Prozent ist der Bereich von Mölkau / Baalsdorf der mit der geringsten Schuldenbelastung.

Zentrum-Süd und Südvorstadt zeugen mit Quoten von 7,65 und 7,06 Prozent davon, dass diese Stadtteile sich seit 1990 nicht nur zu jungen und bei Familien beliebten Stadtteilen entwickelt haben, sondern auch zu Wohnorten für jene Leipziger, die ein gutes Einkommen durchaus nicht dazu verleitet, das Geld nun in ein Häuschen irgendwo in der westsächsischen Provinz zu stecken.

Der Arbeitsmarkt entspannt sich zwar rein statistisch betrachtet. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich die finanzielle Lage der Mehrheit der Leipziger gebessert hat. Und die Warnungen etwa der Bundesagentur für Arbeit sollten gerade all jene, die mit den Überweisungen eben nicht über die Runden kommen, sehr ernst nehmen.

Deswegen fügen wir die Warnung hier noch einmal bei:

"Zum Jahreswechsel stehen wichtige Änderungen zum Kontenpfändungsschutz an, die insbesondere Kunden aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende (umgangssprachlich „Hartz IV“) sowie Empfänger von Kinderzuschlag beachten sollten. Der bisherige 14-tägige gesetzliche Pfändungsschutz von Sozialleistungen fällt zum 1. Januar 2012 weg.

Die Bundesagentur für Arbeit rät daher von Kontenpfändung betroffenen Kunden, bestehende Konten schnellstmöglich in ein sogenanntes Pfändungsschutzkonto umzuwandeln. Durch eine Umwandlung wird automatisch ein Grundfreibetrag in Höhe von 1.028,89 Euro geschützt.

Der persönliche Freibetrag kann unter Umständen aber auch höher ausfallen. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn auf ein Konto für mehrere Personen Leistungen aus der Grundsicherung überwiesen werden oder wenn auf dem Konto andere Transferleistungen (beispielsweise Kindergeld oder Kinderzuschlag) eingehen.

Die Umwandlung in ein Pfändungsschutzkonto erfolgt auf Antrag durch die kontoführende Bank. Geht der Pfändungsschutz über den persönlichen Freibetrag hinaus, ist ein Nachweis erforderlich. Dieser Nachweis kann über eine Bescheinigung erfolgen. Soweit es sich um Leistungen aus der Grundsicherung handelt, kann diese Bescheinigung beim zuständigen Jobcenter eingeholt werden. Werden Sozialleistungen nur einmalig erbracht, genügt zum Nachweis in der Regel der Bewilligungsbescheid.

Für Bezieher von Kindergeld und Kinderzuschlag ist in der Regel der Bescheid der Familienkasse als Nachweis ausreichend. Wird das Konto nicht rechtzeitig in ein Pfändungsschutzkonto umgewandelt besteht für Leistungsbezieher die Gefahr, dass zum Jahresanfang nicht über eingegangene Geldleistungen, wie zum Beispiel das Arbeitslosengeld II, verfügt werden kann."

www.arbeitsagentur.de

www.creditreform-leipzig.de

www.microm-online.de


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