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Kassensturz: Steigende Betreuerzahlen in Sachsens Kitas - doch der Freistaat knausert

Ralf Julke
Politik feiert ja gern, ruft Jubilo ins Land, wenn irgendwo mal eine Zahl in die Höhe klettert. Etwa bei Geburten und Schülerzahlen. Das muss ja ein schönes Land sein, wo es immer mehr Kinder gibt. Dass das dann Konsequenzen für die Ausstattung mit Kitas, Schulen, Lehrern, Erzieherinnen hat - drauf gehustet. Da passiert schon ein Wunder. In der letzten Woche meldete das Statistische Landesamt erfreut: steigende Zahlen von Erzieherinnen.

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30.638 Personen (2010: 29.534) waren am 1. März 2011 in den 2.780 sächsischen Kindertageseinrichtungen (2010: 2.734) tätig. Da würde sich manches Land drüber freuen. Das wäre eigentlich ein boomender Wirtschaftszweig, wenn man nur verstünde, die qualifizierte Betreuung der Kinder als wesentliche Dienstleistung für Land und Wirtschaft zu begreifen. Aber die Botschaft liegt irgendwo auf der Strecke nach Dresden und wartet vergeblich auf Anschluss. Denn eine Staatsregierung, die über ihre eigene Legislaturperiode auch nur ein bisschen hinausblicken würde, die würde ohne Kopfstände auch die nötige Finanzierung bereitstellen, damit die Strukturen mit den Kinderzahlen mitwachsen können.

Denn das würde sich binnen Kurzem in besseren Wirtschaftsdaten niederschlagen, sinkenden Sozialausgaben und sinkender Beschäftigungslosigkeit. Doch da in Dresden nur ein einziger Minister regiert, und das ist der Sparminister, fehlt dieses Denken über den mageren Tag hinaus.

Ergebnis nicht nur in Hochschulen und Schulen: Miserable Betreuungsverhältnisse. In den Kindertagesstätten schon seit Langem - politisch gewollt - ebenfalls.

Was Annekatrin Klepsch, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Landtag, nach Verkündung der neuen Zahlen auch heftig kritisierte: "Die Zunahme pädagogischer Fachkräfte in den sächsischen Kindertageseinrichtungen ist erfreulicherweise Ausdruck der steigenden Geburtenzahlen und des Ausbaus der Krippenbetreuung für Kinder unter drei Jahren, für die ab 2013 ein Rechtsanspruch besteht. Nicht aus der Statistik ablesbar ist jedoch, dass Sachsen einen der schlechtesten Betreuungsschlüssel bundesweit hat und dass die Erzieherinnen und Erzieher inzwischen zu sehr unterschiedlichen Bedingungen hinsichtlich erzwungener Teilzeit und Entlohnung arbeiten bis hin zu Haustarifen, die deutlich unter dem TVöD liegen. Für einen Teil der überwiegend älteren Erzieherinnen bedeutet dies drohende Altersarmut."

Womit sie wieder im Sozialetat der Kommunen landen, die vor lauter auferlegter Sozialkosten nicht husten, prusten und nicht investieren können - in Schulen und Kitas zum Beispiel.

Der politisch gewollte Betreuungsschlüssel liegt derzeit in Sachsen bei 1:13 bei den Kindern ab drei Jahren, was eine faktische Gruppengröße von 17 bis 19 bedeutet. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt sind es 1:10.

Von den 30.638 Betreuern arbeiteten 25.529 Frauen und 998 Männer mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit als Gruppenleiter, Zweit- bzw. Ergänzungskraft sowie gruppenübergreifend, förderten Kinder wegen körperlichen/geistigen oder seelischen Behinderungen, leisteten erzieherische Hilfen nach dem SGB VIII oder nahmen Leitungsaufgaben wahr. Gegenüber dem Vorjahr erhöhte sich diese Zahl um 943 - darunter die der Männer um 161.

Insgesamt 264 Personen waren überwiegend in der Verwaltung und 3.847 im hauswirtschaftlichen und technischen Bereich beschäftigt.


Wie das Statistische Landesamt weiter mitteilt, verfügten knapp 81 Prozent des überwiegend pädagogisch und als Leitung tätigen Personals über den Berufsausbildungsabschluss Erzieher. Während dies für 85 Prozent der Personen im Alter von 30 und mehr Jahren zutraf, waren es bei den unter 30-Jährigen 59 Prozent. Zu dem jungen Personal der unter 30-Jährigen gehören weiterhin beispielsweise je 12 Prozent Diplomsozialpädagogen, Diplomsozialarbeiter, Diplomerziehungswissenschaftler sowie Praktikanten und anderweitig noch in bzw. ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Was nur statistisch gute Zahlen sind. Denn genauso wie auf das sächsische Schulwesen rollt auch auf die Betreuung in sächsischen Kitas ein Fachkräftemangel zu. Denn ein großer Teil der Erzieherinnen wird in den nächsten Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gehen.

Das Durchschnittsalter des pädagogischen, Leitungs- und Verwaltungspersonals betrug im März 2011 44,1 Jahre, 36 Prozent waren 50 Jahre und älter.

22 Prozent des pädagogischen, Leitungs- und Verwaltungspersonals arbeitete 38,5 und mehr Stunden in der Woche, 41 Prozent 32 bis unter 38,5 Stunden und 31 Prozent 21 bis unter 32 Stunden. Das übrige Personal war bis unter 21 Stunden beschäftigt. Die rechnerische Zahl der Vollzeitstellen betrug 22.645 Personen. Für eine Vollzeitstelle wurden 39 Wochenstunden angesetzt. Alles Zahlen, die das offiziöse Verhältnis von 1:13 auf die von Klepsch genannte Zahl von 1:17 / 1:19 verschlechtern. Und da sind Ausfallzeiten etwa aus Gesundheitsgründen noch nicht eingerechnet.

"Darüber hinaus ist es bei so viel neuem Fachpersonal und dem – wie bei den Schulen – anstehenden Generationswechsel der Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen notwendig, die Fachberatung der Einrichtungen in allen Landkreisen und unabhängig vom Träger gleichwertig zu gestalten", meint Annekatrin Klepsch. "Der Landesjugendhilfeausschuss berät seit Monaten über eine Novellierung der Fachempfehlungen, die die Fachberatung für die Kitas in öffentlicher und freier Trägerschaft stärken soll. Da sich die kommunalen Spitzenverbände und der Freistaat jedoch nicht über die Finanzierung einigen können, war bis heute eine Verabschiedung der Fachberatungs-Empfehlungen nicht möglich."

Sie fordert die Staatsregierung nun auf, im Interesse der Betreuungsqualität im nächsten Doppelhaushalt die Kita-Pauschale zu erhöhen, um den Betreuungsschlüssel zu verbessern und die finanziellen Voraussetzungen für eine landesweit gleichwertige Fachberatung zu schaffen. Denn unter der eingefrorenen Kita-Pauschale, mit der sich der Freistaat an den Betriebskosten der Kindertagesstätten im Land beteiligt, leiden nicht nur die Kommunen, die die steigenden Ausgaben kaum noch schultern können. Darunter leiden auch die Eltern, die - wie derzeit in Leipzig - von der Stadt notgedrungen zu immer höheren Beiträgen herangezogen werden. Der Freistaat hat seine Pauschale seit Jahren bei 1.800 Euro pro Kind eingefroren - die Differenz zu dem, was er eigentlich beisteuern müsste, liegt mittlerweile bei 600 Euro. Deswegen wiederholt auch Leipzigs Sozialbürgermeister Thomas Fabian immer wieder die Forderung, dass der Freistaat seine Pauschale anhebt.


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