Leipziger Quartalsbericht, Teil 2: Der Motor BMW, Beschäftigtenzahlen, Einkommensknappheit
Ralf Julke
01.12.2011
Einkommensituation der Leipziger ist etwas entspannter.
Foto: Ralf Julke
Es sind die harten Fakten zu einer modernen Großstadt: Beschäftigte, Pendler, Haushaltseinkommen. Geld schmiert die Welt. Geld muss verdient werden. Nur wenn die Wirtschaft die Kosten einer Kommune trägt, funktioniert sie auch ohne Stottern. Auch als Motor für die Region. Leipzigs Pendlersaldo beträgt 41.372.
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Es pendeln 41.372 Menschen mehr jeden Tag zur Arbeit nach Leipzig als aus der Stadt zum Arbeiten anderswohin fahren. Insgesamt finden in Leipzig 290.200 Menschen Arbeit, etwa 14.000 weniger als etwa in Dresden. Ein ganzer Artikel im neuen Quartalsbericht der Stadt beschäftigt sich wieder mit dem Vergleich der 15 größten deutschen Städte. Leipzig rangierte da 2010 auf Rang 12. Nächstes Mal wird's wohl der elfte sein. Denn in dem Zahlenwerk ist Bewegung. Leipzig wächst. Derzeit schneller als die meisten anderen Großstädte. Die Geburtenrate ist (relativ) hoch im Vergleich, die Zuwanderung hält nicht nur an - sie wird sogar stärker.
Für den Oktober 2011 meldet das Amt für Statistik und Wahlen einen neuen Rekord: 4.100 Männer und Frauen verlegten ihren Wohnsitz nach Leipzig. Was allein für diesen Monat einen Wanderungsgewinn von 2.200 ausmacht. Die Meldung hat das Amt gleich vorn in den bunten Teil mit den "Kurzinformationen" gepackt. Nur die Vergleichswerte aus dem Landesamt fehlen noch. Das ist mit seiner Zählung immer noch im Juli. Vielleicht zählt man dort lieber noch drei, vier Mal hinterher - und wundert sich trotzdem.
Warum hat dieses arme Leipzig, dem selbst die Gelder für Kitas, Schulen, Straßen und Kultur knapp werden, einen derartigen Zulauf? - Schon im Oktober hätte Leipzig damit einen Wanderungsgewinn von rund 8.000. Und da auch die Geburtenzahl auf dem Vorjahresniveau bleibt, könnte auch da am Jahresende ein neuer Höchstwert stehen. Zumindest für die Zeit nach der "Wende". Die Stadt ist attraktiv, obwohl sie kurz gehalten wird wie ein englischer Rasen.
Und sogar Arbeit schafft sie. Nicht gerade gut bezahlte. Aber gut bezahlt werden ja in Deutschland fast nur noch Jobs, die niemand wirklich braucht. Die so genannten "Mehrleister" mit ihren gegelten Haaren und ihren empörten Büchern.
Bei Einkommen hinken die Leipziger in Sachsen hinterher.
Foto: Ralf Julke
211.234 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wurden 2010 in Leipzig gezählt, fast 23.000 mehr als 2005, bevor bei BMW im Leipziger Norden die Fließbänder anliefen und endlich, endlich ein echter Motor da war, der in der Region was bewirkte. Auch wenn BMW selbst nicht so viele Arbeitsplätze schuf, wie mancher erträumte. Die Transmission zu den Zulieferern, Logistikern, Dienstleistern funktionierte. Und wenn BMW die richtigen Autos baut, könnte das auch weiter funktionieren.
Tatsächlich nahm mit der Produktionsaufnahme bei BMW der jahrelange Trend des Beschäftigungsabbaus im Verarbeitenden Gewerbe in Leipzig ein Ende. Man könnte es auch Notbremse nennen. Bis dahin glaubten ein paar Träumer noch immer, eine rein auf Dienstleistung fixierte Stadt könne sich wirtschaftlich tragen. Zum zweiten Mainhattan wollte man Leipzig in den 1990ern machen. Das hat nicht geklappt.
Nur wurde natürlich entsprechender Flurschaden angerichtet. Bis hin zur Nicht-Existenz der nötigen Forschungskapazitäten, die der Freistaat Sachsen lieber in Dresden, Chemnitz und Freiberg angesiedelt hat. Und noch immer wird an Leipzigs Hochschullandschaft herumgespart, als wär's eine verzierte Prunkkutsche, wo man einfach mal das Goldlametta von der Haube schraubt.
Auch das steht in den "Kurzinformationen": Mit 31.000 Bewerbungen hatte die Uni Leipzig in diesem Herbst ebenfalls einen neuen Rekord. Und die Hälfte davon, 15.200, kamen aus den westlichen Bundesländern. Früher wäre da die zuständige Ministerin mit der Schampusflasche angereist gekommen und hätte die Zahl der Professoren verdoppelt - denn das ist der kluge Nachwuchs, den auch die sächsische Wirtschaft dringend braucht.
Es gab keinen Schampus. Die Studenten demonstrierten. Denn die meisten sitzen jetzt schon in überfüllten Hörsälen und wichtige Studiengänge stehen auf der Streichliste.
Mit Dienstleistungen wird auch kein hohes BIP pro Kopf erwirtschaftet.
Foto: Ralf Julke
Wie sagte doch Wolfgang Topf, Präsident der IHK zu Leipzig, so schön: "Zuallererst brauchen wir Ingenieure. Ohne Ingenieure keine neuen Arbeitsplätze." Der HTWK, wo die Ingenieure ausgebildet werden, geht es genauso wie der Uni.
Die Aussage trifft natürlich zuallererst fürs Produzierende Gewerbe zu. Aber - siehe BMW - ohne dies kann der nächste Schritt nicht getan werden. Im Dienstleistungssektor, dem so genannten Tertiären Sektor, entstehen dann zwar trotzdem Arbeitsplätze - aber sie werden deutlich niedriger entlohnt. Ist nicht so, dass die meisten dann darben. Leipzig kleckert bei der Lohnentwicklung den Dresdnern und Chemnitzern nur immer schön hinterher. Hatten die Dresdner 2010 immerhin 1.034 Euro Durchschnittseinkommen, waren's in Leipzig 992.
Andrea Schultz beschäftigt sich in einem Beitrag zum Quartalsbericht recht umfassend mit der Einkommensentwicklung, nicht nur der persönlichen, auch der der Haushalte.
Die sieht auf einer Grafik beim ersten Blick recht beängstigend aus - fast 250 Euro haben Leipziger Haushalte im Monat weniger zur Verfügung als Haushalte in Dresden. Das aber hängt - so Andrea Schultz - auch mit der Tatsache zusammen, dass überdurchschnittlich viele Leipziger Haushalte solche von Singles und Alleinstehenden sind. Dass sie trotzdem - im Vergleich - nicht so dolle viel Geld im Portemonnaie haben, zeigen die immer wieder neu ausgerechneten Armutsgefährdungsquoten.
Die Quote für 2010 sank übrigens - da staunten sogar die Statistiker - von 19,1 auf 15,9 Prozent. Aber: Das ist nur der Leipziger Vergleich. Armutsgefährdet ist man nämlich, wenn man weniger als 60 Prozent dessen an Einkommen hat, was als Durchschnittseinkommen vor Ort gilt. Deswegen nimmt Andrea Schultz auch nicht den Inner-Leipziger-Vergleich, sondern nimmt Sachsen als Vergleich. Danach waren auch 2010 noch 18,7 Prozent der Leipziger armutsgefährdet. Im Bundesvergleich wären es immerhin 26,4 Prozent.
Das verfügbare Einkommen der Leipziger betrug 2009 zum Beispiel 15.157 Euro. Das waren fast 1.000 Euro weniger, als die Dresdner am Jahresende bekommen hatten. Oder 7.000 Euro weniger als die Stuttgarter. Das wird dann in Teilen durch niedrigere Mieten ausgeglichen. Aber verdient ist verdient.
Und natürlich hängt das direkt ab vom BIP, dem Bruttoinlandsprodukt. Das ist das, was pro Nase an Wert produziert wurde - in Leipzig waren das 2009 immerhin 46.819 Euro. In Stuttgart waren es 22.000 Euro mehr. Das reicht den Stuttgartern heute noch. Aber während die Sachsen 2013 den Leipziger Citytunnel mit Hängen und Würgen bezahlt haben werden, kommt das Geld-schmeiß-weg-Abenteuer "Stuttgart 21" nun auf die Schwaben erst zu. Und weil sie mehrheitlich dafür gestimmt haben, könnte Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok am Ende Recht behalten: Dann stehen die Schwaben 2020 auf der Matte und betteln in Sachsen um die Milliarden, die ihnen ihr Tunnel verschlingt. Dann wird Sachsen Geberland.
Wenn es nicht seine eigenen Folgekosten produziert. Und da ist es ja gerade kräftig dabei. Thema: demografische Entwicklung. Dazu morgen mehr an dieser Stelle.
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