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Leipziger Quartalsbericht, Teil 3: Ein bisschen was zu Demographie, Suburbias und Strukturinvestitionen

Ralf Julke
Kulisse von Leipzig.
Kulisse von Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Im November schaltete das Sächsische Landesamt für Statistik einen "Demografiemonitor Sachsen" online. Eine hübsche Spielerei mit bunter Karte und der Möglichkeit, sich durch die Zeitreihen zu klicken, zuzuschauen quasi, wie Sachsen und seine Kreise seit 1990 immer älter wurden. Demographie ist ja so ein Leib- und Magen-Thema der sächsischen Staatsregierung.

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Es gibt sogar eine Landesarbeitsgemeinschaft für Raumforschung und Landesplanung der drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Deren Leiter ist Dr. Ludwig Scharmann. Im aktuellen Quartalsbericht hat er sich mit "Demografischer Wandel und Lebensqualität in Sachsen" beschäftigt. Der Beitrag entstand im Rahmen der "Statistischen Woche", die im September in Leipzig stattfand. Da ging es mehrfach um die demografische Entwicklung. Der Begriff beschreibt ja ein Millionen Jahre altes Phänomen. Jede Veränderung einer menschlichen Population ist eine demographische. Das Problem, das ab und an der Politik Kummer bereitet, ist nur der Teil der Entwicklung, wenn eine Population schrumpft. Die deutsche zum Beispiel. Oder die sächsische.

Das hat Ursachen und Nebeneffekte. Wichtigste Ursache: gesunkene Geburtenraten. Wichtigste Folgen: Es fehlen nach und nach immer mehr Fachkräfte, Konsumenten, Nutzer der Infrastrukturen. Manche Orte und Landschaften drohen zu veröden. Die Dagebliebenen werden älter, der Altersdurchschnitt steigt.

Das war die letzten Jahrhunderte in Deutschland kein Problem. Die Bevölkerung wuchs. Die Infrastrukturen mussten immerfort ausgebaut werden. Das passte auch gut zum Wachstumsgedanken in der Wirtschaft. Auf eins ist das Land aber nicht vorbereitet: auf eine Zeit ohne Wachstum. Denn die vorhandenen Strukturen sind auch auf Wachstum berechnet. Der Osten kann ein Lied davon singen. Hier wurden selbst Abwasseranlagen, Gewerbeparks und Büroparks in Dimensionen gebaut, als würde die Bevölkerung sich - durch die Kohlsche Bewässerung ausgelöst - verdoppeln und verdreifachen.

Großstädte wie Leipzig wachsen, währen die Landkreise sich leeren.
Großstädte wie Leipzig wachsen, währen die Landkreise sich leeren.
Foto: Ralf Julke

Eingetreten ist das Gegenteil. Nicht nur in Sachsen. Insbesondere die ländlichen Räume sind zu Abwanderungsräumen geworden. Da interessiert natürlich auch: Warum? Und: Was kann man tun? "Ohne raumordnerische Steuerung wird es in diesen Regionen künftig zu einem unkoordinierten Rückzug von Anbietern öffentlicher und privater Dienste kommen, der die gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten der verbliebenen Bevölkerung gefährdet", schreibt Scharmann.

Er hätte auch schreiben können: Der Rückzug ist längst im Gang. Ärztepraxen finden keine Nachfolger, der Discounter schließt, und die Staatsverwaltung tut ihr Übriges mit der Verknappung der Polizeistationen, forcierten Gemeindezusammenschlüssen, Schulschließungen.

Scharmann vermutet auch, das Dilemma könnte mit schlechterer Verkehrsanbindung zusammenhängen, in einer "ungünstigen verkehrlichen Anbindung an die Kerne der Metropolregion". Er hat eine Karte dazugetan, in der diese "Erreichbarkeit" dargestellt ist. Eine Karte, über die sich Straßenbauer in den Chefetagen bestimmt gefreut haben. Denn es ist eine Karte, die definiert die Erreichbarkeit über Pkw-Fahrzeiten. Wo man mehr als 40 Minuten braucht, um etwa nach Leipzig zu kommen, hat man nach dieser Karte ein Problem. Im Raum Torgau-Oschatz zum Beispiel. Deswegen kämpfen ja einige Leute, die glauben, eine Autobahn würde das Problem lösen, so beharrlich für den Neubau der B87.

Der Demografie-Monitor des Landesamters für Statistik.
Der Demografie-Monitor des Landesamters für Statistik.
Screenshot: L-IZ

Sie hoffen, eine schnellere Anbindung an Leipzig würde ihre Wirtschaft wieder auf Trab bringen. Es ist ein auf die Metropolen zentriertes Bild. Doch eine weitere Karte, erstellt vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, zeigt auch etwas anderes: Selbst Landstriche, die über Autotrassen bestens an die Metropolen angebunden sind - wie zum Beispiel der komplette Raum zwischen Dresden und Leipzig – leiden unter Problemen bei der "Sicherung der Daseinsvorsorge". Die Autobahn ist nicht die Lösung.

Manche Kritiker meinen sogar: Sie ist Teil des Problems. Und fordern einen Stopp der sächsischen Straßenneubauten. Denn kein anderes Bundesland gibt so viel für den Straßenneubau aus wie Sachsen. Das Geld fehlt für andere Infrastrukturen. Für solche zum Beispiel, die Leben und Bleiben im Ort unterstützen. Schulen zum Beispiel. Die nicht so aufgebläht sein müssen, wie die von Sachsen favorisierten Standardschulen. "Denkbar wäre etwa die Frage: wo sollte zum Erhalt des Schulnetzes eine geänderte Schüler-Lehrer-Relation zulässig sein und wo nicht!" Das Ausrufezeichen ist von Scharmann. Die Lehrer fehlen auch so. Denn weder der sächsische Finanzminister noch sein Kollege Kultusminister haben Schule bislang als demographischen Baustein begriffen.

Genauso wenig wie der Innenminister den Stadtumbau als demographisches Arbeitsfeld versteht. Außer wenn von der zunehmenden Zahl von Senioren die Rede ist. Sachsens Großstädte stehen bei dem Thema ungünstig da. Keine Frage. Altenquotienten von 33,9 Prozent in Leipzig oder 33,6 Prozent in Dresden liegen im deutschen Vergleich sehr hoch. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 29,6 Prozent. Und das vor allem deshalb, weil 20 Jahre lang vor allem die jüngeren Jahrgänge von Ost nach West abgewandert sind. Was dem Westen kurzfristig geholfen hat, die Tatsache auszublenden, dass auch der Westen überaltert und die Geburtenrate zu niedrig ist.

Keine Antwort gibt es im Quartalsbericht dazu, warum die Geburtenrate so niedrig ist. Und warum sie im Osten mittlerweile höher liegt als im Westen. Das wäre vielleicht die erste richtige Frage zum Thema. Die wahrscheinlich ein paar unbequeme Antworten im Gefolge hätte. Zum Beispiel jene nach der Art der notwendigen Investitionen, die nötig wären, um ländliche Räume zu stabilisieren.

Viele Infrastrukturprojekte aus den 1990er Jahren waren schlichte Geldvernichtungen, die viele Gemeinden heute noch teuer belasten. Gemeinden, die - wie der Landkreis Nordsachsen - längst tief in der Schuldenfalle hängen, ohne eigene Spielräume, an irgendeiner Stelle das Ruder herumwerfen zu können.

Übrigens nicht nur ein sächsisches Problem. Und auch nicht nur eins der ländlichen Räume. Selbst in großen Städten wie Hamburg und München, die sich eigentlich über genug Bevölkerungszuspruch nicht beklagen können, spielt das eine Rolle. Andrea Schultz hat das recht spannend am Beispiel des "ländlichen Stadtquartiers" untersucht. Das sind jene suburbanen Räume, in die die Menschen in den Jahrzehnten vor dem Jahr 2000 zogen, als ihnen die Fernsehwerbung einbläute, das Eigenheim im Grünen sei der Lebenstraum. Das Erstaunliche ist: Selbst die Hamburger, die in solche Viertel am Stadtrand gezogen sind, wissen um die großen infrastrukturellen Probleme dieser Siedlungen, die mit zunehmendem Alter immer mehr als Defizit empfunden werden (ÖPNV-Anbindung, ärztliche Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Sicherheit usw.). Sie schätzen auch allesamt ein, dass sie in ihrem Wohnumfeld viel weniger unternehmen können als etwa Bewohner zentraler Stadtteile wie Altona. Aber selbst der Preisverfall von Bauland im direkten Umfeld verleidet ihnen die Wohnortwahl nicht.

Viele sind sich sogar sicher, dass sie ihr Häuschen vererben oder verkaufen können. Andrea Schultz: "Friedrich und Knabe ziehen daher folgende Resümee: Die düsteren Zukunftsperspektiven der Experten werden sich erst mit dem Generationenwechsel zeigen, eine Sensibilität der heutigen Bewohner ist für diesen sich abzeichnenden Prozess (noch) nicht gegeben."

Auch die ersten dieser suburbanen Siedlungen, die um Leipzig herum Anfang der 1990er Jahre entstanden, verzeichnen schon Einwohnerverluste. Und zwar in gleicher Relation, wie die innerstädtischen Quartiere an (jungen) Einwohnern gewinnen. Noch so ein Aha-Effekt, der darauf hindeutet, dass es sehr wohl sehr konkrete Infrastrukturen und Rahmenbedingungen sind, die zum stabilen Wachstum einer Kommune dazugehören.

Dumm nur, dass zum Ausbau dieser Strukturen das Geld fehlt. Und künftig als Fehlstelle sichtbar wird. Denn ein Bundesland, dass die Gelder falsch investiert, weil es die falschen demographischen Modelle hat, wird diese Fehlentwicklungen in naher Zukunft nicht mehr ausgleichen können. Es geht durchaus um Fragen, mit denen sich einige Forscher sehr intensiv beschäftigen: Was brauchen Bevölkerungen eigentlich, um glücklich zu sein? Wie definiert man sowas statistisch?

Gute Frage. Nichts für Politiker. Morgen mehr dazu.


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